Archäologie

Kloster Wedinghausen in Arnsberg war Hotspot im Mittelalter

Die farbigen Malereien in der Gruft von Kloster Wedinghausen haben über die Jahrhunderte hinweg nicht an Strahlkraft verloren.

Foto: Wolfram Essling-Wintzer

Die farbigen Malereien in der Gruft von Kloster Wedinghausen haben über die Jahrhunderte hinweg nicht an Strahlkraft verloren.

Arnsberg.   Archäologen entdecken in der Grafengruft des Klosters Wedinghausen Fresken von europäischem Rang . Was soll nun damit passieren?

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Klöster sind die internationalen Hotspots im mittelalterlichen Europa. Zwischen Kapitelsaal und Kreuzgang gibt es Bücher, Bildung, Kunst, Kultur sowie Wissen um Technik und Landwirtschaft. Die Mönche pflegen weite Netzwerke. Einer dieser Kraftorte ist Kloster Wedinghausen in Arnsberg. Archäologische Grabungen bringen derzeit eine Sensation nach der anderen ans Tageslicht. Im Winter wurde dort die älteste Warmluftheizung Westfalens freigelegt und jetzt meisterliche Fresken, mit denen die Gruft der gräflichen Stifterfamilie ausgestaltet war.

In ganz Europa sind nur zehn Grabstellen mit figürlicher Ausmalung überhaupt bekannt, sechs davon rund um Brügge in Flandern. „Das ist wirklich etwas Besonderes. In Arnsberg spielt die Musik“, freut sich Grabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

Man darf von einer europaweit bedeutenden Entdeckung sprechen. Nun stellt sich die Frage, wie man damit umgeht. „Jetzt werden Fachleute aus aller Welt um Stellungnahme gebeten“, so der Archäologe. „Das Wichtigste ist, dass man das Denkmal bewahrt.“

Im Zentrum steht das Seelenheil

Dass die Prämonstratenser Wedinghausen zu einem Zentrum des geistig-kulturellen und wirtschaftlichen Lebens in der Region ausbauen, ist jedoch nur ein Nebeneffekt des eigentlichen Ziels. Graf Heinrich I. hat das Kloster um seines Seelenheils willen gestiftet. Ob die Sühne für den angeblichen Brudermord dafür ausschlaggebend ist, sei dahingestellt.

Die Forschung bezweifelt heute, dass Graf Heinrich seinen Bruder Heinrich tatsächlich ermordet hat. Wohl lässt er den anderen Heinrich gefangen nehmen und bis zu dessen Tod im Jahr 1165 einkerkern. Wolfram Essling-Wintzer: „Auf dem Hof Wedinghausen, der ihm gehört, gibt es schon eine Familienbegräbniskapelle. Durch die Klostergründung steigert Heinrich I. diese in ihrer Bedeutung und sichert damit die permanente Fürbitte und Memoria für ihn und seine Familie.“ Die Sorge um das Seelenheil ist ein zentrales Anliegen im mittelalterlichen Denken. Alle nachfolgenden Familienmitglieder stiften Vermögen an das Kloster. Essling-Wintzer: „Da sind Generationen damit beschäftigt, Geld, Kunst und Kultur aufzubringen, um damit ihre Begräbnisstätte aufzuwerten.“

Katalysator des Fortschritts

Kloster Wedinghausen wird dadurch zu einem Katalysator des Fortschritts im Herzogtum Westfalen und zum Knotenpunkt eines europaweiten monastischen Netzwerkes. Aber Heinrich I. ist selbst ein globaler Player, wie man heute sagen würde. Die Arnsberger Grafen tragen den Ehrentitel „Vorfechter zwischen Rhein und Weser für das heilige römische Reich“. Heinrich I. ist ein Vertrauter von Kaiser Friedrich Barbarossa, er spielt politisch in der ersten Liga mit, ist weit gereist und hat internationale Kontakte, zumal es verwandtschaftliche Beziehungen nach Utrecht gibt. Für die Klostergründung fordert der Graf drei Mönche von dort an.

Mit figürlichen Darstellungen ausgemalte Gruften sind sonst nur aus dem Bonner Münster, der Lübecker Marienkirche sowie in Brügge und Umgebung belegt; die ältesten tauchen gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf. „Die Grabstelle im Kloster Wedinghausen ist definitiv in den ausgehenden 1320er Jahren entstanden, wahrscheinlich beauftragt durch Beatrix von Rietberg, einer Erbtochter des Grafengeschlechtes“, so Essling-Wintzer.

Die Arnsberger Fresken werden auf die Zeit zwischen 1320 und 1340 datiert. Am Fußende der Kammer befindet sich eine Kreuzigungsdarstellung, zur Linken des Gekreuzigten steht Jesu’ Lieblingsjünger Johannes, zur Rechten Maria, die ihre Hände vor der Brust gefaltet hat. „Die Malereien sind in einem erstaunlich guten Zustand, die Farben strahlen immer noch“, so der Grabungsleiter. „Das liegt daran, dass es sich um echte Fresken handelt. Da war ein Fachmann am Werk.“

Auf der Suche nach dem Schwert

Eigentlich waren die Archäologen auf der Suche nach dem Grab Heinrich I. Mit Fresken hatte niemand gerechnet. Leider ist die Kammer zur Hälfte zerstört, denn Anfang des 19. Jahrhunderts wird an dieser Stelle ohne Rücksicht auf die Gruft ein Fundament für einen Pfeiler gelegt. Bereits 1804, nach der Säkularisation, lässt der Landgraf von Hessen-Darmstadt das Grab plündern, wahrscheinlich, weil er auf der Suche nach dem legendären Vorfechterschwert der Arnsberger Grafen ist. Über diese Plünderung gibt es einen Zeitzeugenbericht, wonach man aus der Gruft drei Schädel und weitere Knochen geborgen hat. Die Schädel befinden sich heute im Hochgrab in der Propsteikirche. Fündig werden die Hessen jedoch in der Bibliothek des Klosters. Den weltberühmten ottonischen Gero-Codex (um 969), das „gemalte Buch von Wedinghausen“, heute Unesco-Weltkulturerbe, schaffen sie nach Darmstadt. Das Vorfechterschwert bleibt verschwunden.

Archäologie ist Teamarbeit. Neben Arnsbergs Stadtarchivar Michael Gosmann als bestem Kenner der Archivlage und Dr. Dirk Strohmann, dem Experten beim LWL für Wandmalerei, kommen jetzt Naturwissenschaftler zum Einsatz. „Wir werden in nächster Zeit das Hochgrab in der Propsteikirche öffnen und DNA-Untersuchungen vornehmen. Dann müsste sich herausstellen, dass zwei männliche Köpfe und ein weiblicher dort bestattet sind, Heinrich I., sein Sohn Heinrich II. und dessen Frau Ermengardis.“

Viele Fragen bleiben offen. Essling-Wintzer: „Bei der Plünderung hat man auch den Boden der Gruft durchstoßen. Warum haben die das gemacht? Unter dem 1330 angelegten Grab könnten sich noch die Reste der älteren Grabstätte befinden.“ Aber im Vordergrund steht die Sicherung der Wandmalereien. „Wir können erst weitermachen, wenn die Mauern mit den Fresken konservatorisch so gefestigt sind, dass man darunter graben kann.“

Eine öffentliche Tagung mit internationalen Experten soll im Winter klären, ob sich die Wandmalereien je öffentlich präsentieren lassen, ohne Schaden zu nehmen.

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