Trauer

Kolumbarium Weidenau wird Pionier-Projekt im Erzbistum

Eine Auferstehungswand trennt im Entwurf von Prof. Thomas Kesseler künftig in Heilig Kreuz Weidenau die Bereiche Grabstelle und Gemeindekirche. Foto: Heilig Kreuz Weidenau

Eine Auferstehungswand trennt im Entwurf von Prof. Thomas Kesseler künftig in Heilig Kreuz Weidenau die Bereiche Grabstelle und Gemeindekirche. Foto: Heilig Kreuz Weidenau

Siegen.   Kolumbarien sind eine Nachnutzungs-Idee für ausgediente Kirchen. Heilig Kreuz in Siegen-Weidenau plant neue Form der Trauerpastoral

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Familien werden kleiner, die Kinder ziehen weg. Kommt es zum Todesfall, wird die individualisierte Gesellschaft zum Problem. Denn wer hilft den Hinterbliebenen in ihrer Trauer? Und ganz pragmatisch: Wer kümmert sich um die Grabpflege? Deswegen erobert eine neue Bestattungsform nach den kommunalen Friedhöfen jetzt die Gotteshäuser. Ausgediente oder zu große Kirchen werden in Kolumbarien umgewandelt. Heilig-Kreuz in Siegen-Weidenau übernimmt dabei Pionierfunktion im Erzbistum Paderborn. Der Kirchenraum soll künftig Grabstelle, Gemeindekirche und Trauerpastoral miteinander verbinden. Derzeit laufen die Vorplanungen.

„Die Grundidee heißt: Vom Tod zum Leben. Wir gehen über den Friedhof in den Gottesdienstraum, wir gehen vom Tod in die Eucharistiefeier hinein und feiern dort die Auferstehung“, so beschreibt der Siegener Dechant Karl-Hans Köhle (54) das Konzept, das der Maler, Bildhauer und Architekt Prof. Thomas Kesseler aus Bad Hönningen räumlich erfahrbar gestaltet. Sein Entwurf ist aus drei Bewerbungen als Sieger hervorgegangen.

Im Erzbistum Paderborn gibt es nur noch ein weiteres Kolumbarium, die Grabeskirche Liebfrauen in Dortmund (www.grabeskirche-liebfrauen.de). Auch in der Westfälischen Landeskirche ist der Umbau von Gotteshäusern zu Kolumbarien noch etwas Neues. Neben dem Kolumbarium St. Paulikirche Soest (www.kolumbarium-soest.de) befindet sich ein weiteres Kolumbarium in der Christuskirche der Ev.angelischen Stadtkirchengemeinde Marl im Bau. Das Abschiednehmen wird zum Indikator für den sozialen Wandel.

„In einer anonymer werdenden Gesellschaft gibt es ein Bedürfnis nach Trauerpastoral“, so Pfarrer Köhle. Als es vor drei Jahren darum ging, die große Heilig-Kreuz-Kirche aus dem Jahr 1957 zu renovieren, entstand die Idee, einen Ort für Trauer zu schaffen, und zwar für den ganzen pastoralen Raum Siegen und Freudenberg mit 25 000 Katholiken, der 2019 an den Start geht.

Evangelische und katholische Kirche haben sich mit der Feuerbestattung lange schwer getan. Bei den Protestanten lösten sich die Bedenken schneller auf. „Es gibt eine Reihe von Punkten, die dabei sowohl aus theologischer wie aus pragmatischer und natürlich auch architektonischer Sicht beachtet werden müssen, aber grundsätzlich haben wir keine Vorbehalte gegen Kolumbarien“, so Landeskirchenrat Dr. Vicco von Bülow von der Westfälischen Landeskirche in Bielefeld.

Grünes Licht aus dem Vatikan

Aus dem Vatikan hingegen kam erst 2016 grünes Licht. „Die Kirche bevorzugt weiterhin die Beerdigung des Leichnams. Wenn aus legitimen Gründen die Wahl der Feuerbestattung getroffen wird, ist die Asche des Verstorbenen in der Regel an einem heiligen Ort aufzubewahren, also auf einem Friedhof, oder, wenn es angebracht ist, in einer Kirche“, heißt es in der Instruktion „Ad resurgendum cum Christo“.

Der Kirchenraum selbst wird in Heilig Kreuz unter anderem für Trauerfeiern angeboten. Auch in deren Gestaltung zeigt sich der Wandel in der Kultur des Abschiednehmens. Karl-Hans Köhle: „Die Nachfrage nach einem Seelenamt ist zurückgegangen, aber nicht wegen des Priestermangels, sondern weil viele Leute einen Wortgottesdienst statt einer Eucharistiefeier bevorzugen.“

Eine Trauerbegleiterin spricht über den schwierigen Weg 

Irmtrud von Plettenberg (55) ist Gemeindereferentin und Trauerbegleiterin. Im Dekanat Siegen baut sie die Trauerpastoral am Kolumbarium Weidenau auf und den neu entstehenden Geistlichen Ort St. Franziskus beim Hospiz an der Eremitage Wilnsdorf, wo es u.a. um ethische Fragen rund um das Lebensende geht.

Warum ist eine Trauerpastoral notwendig?

Irmtrud von Plettenberg: Weil die Familienbande sich verändert haben und die Nachbarschaften anders gelebt werden. In einer Trauersituation braucht man aber andere Menschen. Die alten Traditionen der Trauerbewältigung sind abgelegt worden, dabei konnten sie Halt geben. Die Gesellschaft fordert von Trauernden, dass sie möglichst schnell wieder funktionieren, doch Trauer braucht Zeit. Angesichts des Todes sind viele sprachlos, und Trauer wird tabuisiert. Das Zeichen der schwarzen Kleider früher hatte seinen Sinn.

Was versteht man unter Trauerbegleitung?

Trauerbegleitung hat für mich mit Mitgehen, Aushalten und Ausdrucksmöglichkeiten geben zu tun. Trauern ist für viele wie ein mühsamer Serpentinenweg. Manchmal gibt es gute Ausblicke mit wertvollen oder schmerzhaften Erinnerungen. Oft ahnt man nicht, was hinter der Kurve ist. Mancher Streckenabschnitt muss häufiger gegangen werden. Als Trauerbegleiterin ermutige ich zu diesem Weg und biete Halt.

Was bietet ein Kolumbarium?

Ein Kolumbarium ist wie ein geschützter Raum. Unter der Orgeltribüne wird es zwei Räume geben, z.B. für Einzelgespräche und für die Gruppenarbeit. Das sind pastorale Orte der Seelsorge, wo die Menschen spüren: Hier bin ich willkommen. Es ist wichtig, dass ein Ort geschaffen wird, wo die Tränen fließen können. Der Bedarf an Trauerbegleitung wird noch zunehmen, weil es in unserer funktionalisierten und digitalisierten Welt an Menschlichkeit fehlt. In der Trauerarbeit der ambulanten ökumenischen Hospizhilfe erlebe ich ein regelrechtes Aufatmen. Hier sagt keiner: Mensch, reiß Dich doch mal zusammen. Es ist ein kostbarer und achtsamer Umgang mit den Menschen.

Was raten Sie Trauernden?

Auf jeden Fall, über den Tod des Angehörigen zu sprechen, vielleicht auch schon zu Lebzeiten. Sich zu fragen, wie würde der Verstorbene in der Situation handeln, was würde er mir raten. Die Verstorbenen möchten, dass es uns gut geht, dass wir weinen, dass aber nach dem Regen die Sonne wieder scheint. Ich als Christin weiß, dass die Liebe bleibt, der Tod wandelt die Liebe.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik