Trend

Korn kommt als urbaner Edeltropfen in die Barszene

Tobias Reißenweber mit einer Drei-Liter-Flasche Korn. Er steht dafür, dass die Qualität auch im kleineren Gebinde stimmt. Foto:Lukas Schulze

Tobias Reißenweber mit einer Drei-Liter-Flasche Korn. Er steht dafür, dass die Qualität auch im kleineren Gebinde stimmt. Foto:Lukas Schulze

Olpe.   Kein Herrengedeck mit Billigfusel am Stammtisch unterm Hirschgeweih: Junge Destillateure und coole Bars arbeiten an der Renaissance des Korns.

Mit Trends ist das so eine Sache: Sie kommen und gehen, und in den meisten Fällen hat man davon nicht einmal etwas mitbekommen. Das könnte damit zu tun haben, dass sie gerne ausgerufen werden in Berliner oder Hamburger Szenebars. Und da sind ja nicht alle Deutschen dauernd anwesend. Dem großen Rest also dies: Der Korn kommt.

Doch. Echt. Der Klare aus dem Herrengedeck soll wieder cool sein, heißt es. Kein Billigfusel mehr am Stammtisch unterm Hirschgeweih, sondern urbane Edeltropfen aus den Manufakturen junger, wilder Brennern in stylischen Lounges. Eine Neubelebung wie beim Craft Bier. Steht in großen Nachrichtenmagazinen. Wird im Ausland hoch geschätzt. Kann das sein? Wir haben uns mal umgehört, wo der deutscheste Schnaps seit nunmehr 225 Jahren entsteht: in der Kornbrennerei Kemper in Olpe.

„Gute Qualität gilt als selbstverständlich“

Aber erstmal haben wir uns noch ein paar Zahlen angeschaut: In der DDR lag kurz vor der Wende der durchschnittliche Jahresverbrauch bei 23 Flaschen pro Kopf. Jetzt ist es gesamtdeutsch nur noch eine. Der Korn-Anteil unter den Spirituosen liegt bei 7,8 Prozent. Kräuterliköre kommen auf 24 Prozent. Der Lebensmittehandel verkauft jährlich 31 Millionen Flaschen Korn und Doppelkorn, aber 71 Millionen Flaschen Wodka.

Das könnte also besser laufen. Wird es dann ja wohl bald, oder? Albert Arens, Inhaber der Olper Traditionsbrennerei, bleibt skeptisch: „Der Marktanteil wird wohl nicht wesentlich steigen.“ Eine Imageverbesserung käme ihm aber schon gelegen. Er sieht schließlich, welche Preise neue Anbieter aufrufen, die mit verwaschenen Etiketten, gebraucht aussehenden Korken oder gar Einmachgläsern als Gefäß antreten. „Getrunken wird eine Geschichte“, weiß Destillateurmeister Tobias Reißenweber, „gute Qualität gilt als selbstverständlich“.

Mit dem Fass verschwimmen die Grenzen

Was aber macht denn einen guten Korn aus? Das ist natürlich Geschmackssache. Und die Fasslagerung, wie sie bei den Hipster-Brennern wieder aufkommt, wodurch die Grenzen zum Whisky ins Fließen geraten, gab es bei J. J. Kemper nur zum 200er-Jubliläum, als der „Weltenbummler“ auf große Reise ging. Geschmacks-Extreme sind normalerweise nicht vorgesehen. Kemper’s Korn (32 Prozent Alkohol) und Edelkorn (38%) reifen in Edelstahl. Die Sensorik bewegt sich auf einem schmalen Grat. „Es ist ein Spagat“, sagt Reißenweber. „Korn soll neutral schmecken, aber auch nach Getreide.“ Nicht ganz so gegen Nullgeschmack gehend wie Wodka, aber auch nicht zu intensiv. Wobei Kempers Korn schon eine Besonderheit ausweist: Er entsteht aus Roggen, nicht aus Weizen. Das macht ihn etwas kräftiger, weniger mild.

Das ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, um das Korn-Reinheitsgebot zu erwähnen: Als Rohstoffe sind ausschließlich Roggen, Weizen, Gerste, Hafer und Buchweizen erlaubt, während beim Wodka auch Kartoffeln oder Abfälle wie Zuckermelasse zugelassen sind.

In Olpe werden alle zwei Jahre 27 Tonnen Roggen angeliefert, daraus entstehen 10.000 Liter Korn im Jahr. Der größere Teil davon wandert in die hauseigenen Liköre. Der Run auf den puren Stoff ist offenbar beschränkt. Wodurch? „In der Gastronomie kostet ein Korn meist genau so viel wie ein Pils. Das ist zu viel“, gibt Arens zu bedenken. Whisky werde im Kino zelebriert, Korn tauche im Fernsehen im Herrengedeck auf. Auch Tastings wie beim Whisky erwartet er nicht: „Für die subtilen Unterschiede müsste man schon ein sehr großer Fan sein.“ Tobias Reißenweber hat noch eine andere Theorie: „Jede Spirituose hat ihre Nische. Die Nische von Korn heißt günstig.“

Kühlschrank, nicht Eisfach

Albert Arens wiederum setzt auf einen anderen Trend: „Regionalität ist groß im Kommen.“ Und der Korn selbst, hat der sich verändert? „Früher kratzte er im Hals, heute ist er milder.“ Und wie trinkt man ihn am besten? Destillationsmeister Reißenberger will keinem Vorschriften machen, selbst aber bevorzugt er Kühlschranktemperatur, nicht das Eisfach: „Sonst schmeckt man nichts mehr.“

Und wann erreicht der neue Metropolen-Trend zum Korn nun das Sauerland? Arens und Reißenberger lächeln. Sie kennen sich aus mit Trends. Sie bringen alle paar Monate neue Spirituosen auf den Markt. Die Zeit ist schnelllebig. Aber 225 Jahre Tradition sind auch ein Pfund. Das Ergebnis ist Gelassenheit.

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