Wintersport

Kufen-Stars Lölling und Drazek gewähren exklusive Einblicke

Sie teilen sich ein Zimmer in Bad Endorf: Jacqueline Lölling (links) und Annika Drazek.

Foto: Falk Blesken

Sie teilen sich ein Zimmer in Bad Endorf: Jacqueline Lölling (links) und Annika Drazek. Foto: Falk Blesken

Bad Endorf.   Auf dem Skeleton-Schlitten oder im Bob, so kennt man Jacqueline Lölling oder Annika Drazek. Doch es gibt auch ein anderes Leben der 22-Jährigen.

Dieses Geräusch passt nicht in die Umgebung aus Wiesen, Getreidefeldern und Waldstücken. Der Blick über Bad Endorf gen Süden ist ebenso postkartenreif, weil sich in der Ferne die ersten Gipfel der Alpen erheben. Wolkenfrei, irgendwie majestätisch. Ein bayrisches Idyll – in welches das lauter und lauter werdende Motorengeräusch des niederschwebenden Hubschraubers eindringt.

Kurz nach der Landung des blauen Riesen öffnen sich dessen hintere Seitentüren und in geduckter Haltung springen nacheinander jeweils vier Bundespolizisten heraus. Mit einer Hand am Pistolenholster sprinten sie vom Helikopter weg und hocken sich, einige Meter entfernt, mit den Rücken zueinander im Kreis auf die frisch gemähte Wiese, um die Lage zu sichern.

Uniform statt Rennanzug

Ortswechsel.

Jacqueline Lölling und Annika Drazek albern herum. Die beiden jungen Damen sitzen mit aufgesetzten Kopfhörern auf der hinteren Bank des Hubschraubers, dessen Motor stumm ist und der auf dem Landeplatz der Bundespolizeisportschule auf den nächsten Einsatz wartet. Lölling und Drazek tragen Uniform. Es ist ein ungewohntes Bild der beiden 22-Jährigen, die sonst eher in hautengen, schwarzen Rennanzügen als in einer dunkelblauen Funktionshose und einem hellblauen Diensthemd mit Schulterstücken fotografiert werden.

Doch Jacqueline Lölling, Skeleton-Pilotin der RSG Hochsauerland, die im vergangenen Winter WM, EM und den Gesamtweltcup gewann, und Annika Drazek, Deutschlands Bob-Anschieberin Nummer 1 vom BSC Winterberg, gewähren der Westfalenpost einen seltenen Einblick in einen wichtigen Teil ihres Lebens fern der Eisbahnen: Sie erklären und zeigen, wie sie sich im Rahmen der so genannten „Dualen Karriere“ zu Bundespolizistinnen ausbilden lassen und sich trotzdem perfekt auf die Olympische Winterspiele 2018 vorbereiten können. Schließlich möchten beide in Südkorea um olympisches Gold kämpfen.

Die Nordlichter

„Wir bieten den Sportlern ein Rundum-sorglos-Paket“, sagt Thomas Leuthardt. Der Polizeioberrat ist Leiter der Bundespolizeisportschule in Bad Endorf und grinst, bevor er ergänzt: „Sie müssen nur eins: Leistung bringen.“ Zum einen in ihrem Sport, da sich nur Kaderathleten der Spitzensportverbände mit Prognose auf Topleistungen für die duale Karriere bei der Bundespolizei bewerben können; zum anderen während der vier Jahre und zwei Monate dauernden Ausbildung für eine Laufbahn im mittleren Dienst, die in vier Blöcken jeweils von Anfang April bis Mitte Juli konzentriert vorangetrieben wird.

„Mir war während der Schulzeit bereits klar, dass ich nach dem Abi zur Bundespolizei möchte“, erzählt Jacqueline Lölling. Annika Drazek begann nach dem Abitur ein Studium mit dem Ziel, Grundschullehrerin zu werden, ehe sie sich aufgrund ihres Senkrechtstarts in die Bob-Karriere für die Bundespolizei entschied. Trotz ihrer Erfolge – vom Sport alleine könnten beide ihr Leben nicht finanzieren. „Weil die Vereinbarkeit von Leistungssport und Ausbildung hier perfekt ist“, sagt Drazek, die Vize-Weltmeisterin von 2015 und Weltmeisterin von 2016, „bin ich nicht zur Bundeswehr oder zum Zoll gegangen, sondern zur Bundespolizei.“

Ein Rundgang über das Gelände in Bad Endorf und ein Blick in den Wochenplan der Athletinnen untermauert ihre Äußerung. Steht kein Unterricht an, können die bis zu 85 Sportler im Kraftraum, auf den Sportplätzen oder Laufbahnen, oder im Schwimmbecken trainieren, trainieren, trainieren. Streng nach den von Bundes- oder Heimtrainern erstellten Plänen und unter Mithilfe der Coaches vor Ort, die oft auch in den Verbänden aktiv sind.

„Es wirkt alles wie aus einem Guss“, sagt Jacqueline Lölling, die mit Drazek und David Gamm, Rodler des BSC Winterberg, in Bad Endorf derzeit eine Art Exoten-Trio bildet. Nördlicher, in Kiel, wurde lediglich Bob-Anschieber Joshua Bluhm geboren. „Der größte Teil der Sportler stammt aus den Wintersport-Zentren in Bayern oder Thüringen“, sagt Thomas Leuthardt.

Das Partyzimmer?

Heimschläfer gibt es in Bad Endorf trotzdem nicht. Weil die aus Brachbach im Siegerland stammende Lölling und die Gladbeckerin Drazek auch abseits des Sports echte Freundinnen geworden sind, teilen sie sich natürlich ein Zimmer. Im zweiten Stock, im ersten sind die Klassenräume, am Ende des Flures sind die zwei Damen für die Dauer des Blockunterrichts zu Hause. Auf dem Weg dorthin stechen die Namensschilder der hohen Einbauschränke im Flur ins Auge. Felix Loch und Francesco Friedrich sind da zu lesen. Der eine Deutschlands Rodelstar, der andere amtierender Bob-Weltmeister. „Nach der Ausbildung wird die Ausrüstung hier aufbewahrt“, erklärt Drazek. Zwar konzentrieren sich die Athleten nach bestandener Abschlussprüfung ausschließlich auf den Sport, bevor sie nach Karriereende eine – wenn gewünscht – heimatnahe Stelle antreten, doch eine oder zwei Wochen Fortbildung pro Jahr müssen trotzdem absolviert werden.

Lölling und Drazek haben jetzt ihr drittes Ausbildungsjahr beendet und räumen ebenfalls ihr Zimmer. Viele Sachen müssen sie nicht mit in die Heimat nehmen. Auf ihrem großen Schreibtisch stehen Rücken an Rücken Bücher. Zum Beispiel mit Gesetzestexten, aus denen bunte Merkzettel herausragen. Das eine oder andere persönliche Bild verschönert die Wände ebenso wie eine Deutschlandfahne. Zwei Schränke, zwei schmale Einzelbetten – am auffälligsten ist noch der Musikturm, der vor dem Schreibtisch steht. „Musik muss sein“, erzählt Annika Drazek grinsend. Sind sie und Lölling also die DJs der Bundespolizeisportschule? „Zu uns kommen abends halt viele, weil der Kicker direkt vor unserem Zimmer auf dem Flur steht“, antwortet Drazek – und lacht entlarvend.

Nur keine Sporttests

Ein Zuckerschlecken sei die Ausbildung jedoch nicht, erklärt Thomas Leuthardt. „Die Athleten müssen genau die gleichen Tests und Prüfungen machen, die normale Anwärter auch machen müssen – außer die Sporttests natürlich.“

Sporttests – sind Hubschrauber-Übungen nicht. Deshalb sprangen auch Lölling und Drazek vor einem Jahr aus dem Helikopter, rannten mit der Hand am Pistolenholster gebückt weg und hockten sich ins Gras. Vielmehr im Gedächtnis blieb ihnen aber jener Flug, bei welchem der Hubschrauber die Höhe über Grund exakt hält, was zu einem Auf und Nieder führt, gegen das selbst rasante Fahrten durch Eisrinnen geruhsame Touren sind und das landschaftliche Idyll verdammt nebensächlich wurde.

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