Kettensägen-Schnitzer

Kunstwerke aus Holz: Der mit der Kettensäge tanzt

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Shapoor Engineer aus Arnsberg hat eine besondere Begabung: Der 61-jährige Wahl-Sauerländer schnitzt Kunstwerke mit Hilfe einer Kettensäge.

Arnsberg. Wenn man über Shapoor Engineer behauptet, dass er aus einem besonderen Holz geschnitzt ist, trifft das in besonderer Weise zu. Der 61 Jahre alte Arnsberger schafft aus Holz Kunstwerke – mit Hilfe einer Kettensäge. Zwei Mal wurde der in Südhessen aufgewachsene Wahl-Sauerländer mit indisch-britischen Wurzeln Weltmeister im Schnell-Schnitzen.

Shapoor Engineer steht an einem Holzstamm und lässt die Kettensäge tanzen. Während die Sägespäne nur so durch die Luft fliegen, nimmt die Figur – ein heulender Wolf – so langsam Form an. Der Forstwirt arbeitet seit 2003 in der ehemaligen Landesforstschule und heutigem Jugendwaldheim Arnsberg-Obereimer, wo er insbesondere Schulklassen, Kinder- und Jugendgruppen die Natur nahe bringt. Der fröhliche wie sympathische „Südhesse durch und durch“ (Eigenbeschreibung) babbelt munter drauflos, er hat große Entertainer-Qualitäten, die dem Kettensägen-Schnitzer bei zahlreichen Veranstaltungen zu Gute kommen: „Ich bin dann der Säger mit der großen Klappe“, sagt’s, lächelt und geht an eine Seitenfront seines Arbeitsplatzes: „Hier fing alles an.“

Ein Tannenbaum als Erstlingswerk

Es sollten in erster Reihe um das Gebäude alte Bäume gefällt werden. Zum Beispiel eine schmucke spanische Tanne. „Das tat mir so leid, dass die weg sollte.“ Engineer überredete die Holzfäller, 1,50 Meter vom Baum stehen zu lassen, dann nahm er eine Motorsäge und schuf einfach so einen nachgebildeten Tannenbaum. „Mein Erstlingswerk, ich hatte Blut geleckt“, sagt der 61-Jährige, der sich nicht als Künstler sieht. „Viele Kollegen, die ich verehre, sind Künstler. Aber ich?“ Wenn man sich auf Fotos anschaut, was Engineer geschaffen hat, ist das reine Bescheidenheit. Es sind figürliche Darstellungen mit einer unglaublichen Detailgenauigkeit. Sie entstehen trotz des massigen Arbeitsgeräts in einer faszinierenden Leichtigkeit.

Da ist zum Beispiel die 3,62 Meter hohe Figur, die ein Unternehmer bei ihm bestellt hatte. Sie zeigt den Auftraggeber selbst mit Elementen des Bergbaus – zu dem dieser eine besondere Beziehung hatte. „Er wollte quasi ein Eigenporträt geschnitzt haben.“ Und womöglich eine Erinnerung für die Nachwelt haben. Was angesichts der Haltbarkeit des verwendeten Materials ein realistisches Ziel ist: „Ich arbeite immer mit sauberem Holz, dadurch hält die Garnitur lange – das Eichenholz wie in diesem Fall bestimmt 10.000 Jahre“, sagt Engineer mit dem ihm so eigenen Augenzwinkern. Seine Internetseite heißt „Crazy Chainsaw“ – verrückte Kettensäge.

Figur vor dem geistigen Auge parat

Zwei Wochen hat der Kettensägenschnitzer für den Auftrag des Unternehmers gebraucht. Wie immer bei seinen Arbeiten hatte er die geplante Figur nach dem Studium von Vorlagen und Bildern vor seinem geistigen Auge parat, dann startete er sein Arbeitswerkzeug. „Die Säge ist die Verlängerung der Hand“, sagt der Förster aus Arnsberg, man müsse dreidimensional denken können. Die hohe Kunst des Kettensägenschnitzes sei nichts anderes als eine Begabung, mit der er „ausgestattet“ sei, wie er es nennt. „Ich bin reiner Autodidakt. Malen oder Zeichnen zum Beispiel kann ich überhaupt nicht.“ Und: „Ich kann mir nicht vorstellen, mit Hammer und Meißel an Holz zu arbeiten.“

Unzählige Kunstwerke hat Engineer mittlerweile unter dem ohrenbetäubenden Lärm einer Kettensäge und unter Verwendung von Ohren- und Augenschutz geschaffen. „Ich mache alle Figuren, die die Leute haben wollen. Bei den Deutschen sind das häufig ihre Lieblingstiere.“ Als er anfing, wusste er nicht, dass auch andere Menschen auf dem Erdball dieser Leidenschaft nachgehen.

Seitdem er zwei Mal Weltmeister im Schnellschnitzen (Speed-Carving) geworden ist, ist der Sauerländer ein begehrter Gast auf Veranstaltungen. „Alle wollten mich“, blickt er zurück und erinnert sich an volle Terminkalender an Wochenenden. Er hat die Zahl seiner Vorführungen merklich zurückgeschraubt, gibt aber auch weiterhin Kurse für Interessierte. „2013 hat mich bei einem Wettkampf einer meiner Schüler geschlagen“, grinst Engineer, „die Revolution frisst tatsächlich ihre Kinder.“

Die Proportionen müssen stimmen

Derzeit arbeitet Shapoor Engineer an einer Figur, die den Heiligen Hubertus – der Schutzpatron der Jäger – samt Hirsch zeigt. Wie immer achtet er darauf, dass die Proportionen stimmen. Egal, wie hoch das Kunstwerk werden soll. „Ich hätte nie gedacht, was dieses Werkzeug hergibt“, sagt er und beschreibt die Faszination seines großen Hobbys: „Ich bin immer wieder aufs Neue begeistert, dass man in relativ kurzer Zeit mit diesem groben Werkzeug eine dreidimensionale Figur herausbekommt. Und: Am Ende des Tages sehe ich, was ich geschafft habe.“

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