Interview

Kyrill: „Das schwierigste Ereignis meiner Karriere“

Der ehemalige NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU)

Der ehemalige NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU)

Werl-Büderich.   Kyrill prägte die Amtszeit des damaligen NRW-Umweltministers Eckhard Uhlenberg (68). Ein persönliches Interview

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Auf dem alten Esstisch liegt ein schwarzer Ordner. Zwischen den Deckeln hat Eckhard Uhlenberg (68) alle Zeitungsartikel, die über Kyrill und seine Auswirkungen geschrieben wurden, gesammelt. Die Fotos zeigen einen zehn Jahre jüngeren Uhlenberg, Seite an Seite mit verzweifelten Waldbauern und neben Jürgen Rüttgers, dem damaligen Ministerpräsidenten. Redakteurin Ilka Wiese traf den CDU-Landespolitiker und ehemaligen NRW-Umweltminister zu einem persönlichen Gespräch über die größte Herausforderung seiner Karriere.

Drohnenflug über den Briloner Bürgerwald
Bezirksregierung Arnsberg

Herr Uhlenberg, wie sehr Kyrill die Menschen auch nach zehn Jahren noch bewegt, zeigen die Reaktionen unserer Leser. Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Eckhard Uhlenberg: An dem Montag nach Kyrill traf ich mich mit Waldbauern, Vertretern vom Landesbetrieb Wald und Holz, von Kommunen und der Holzindustrie zur Bestandsaufnahme im Gasthof Schütte in Schmallenberg-Oberkirchen. Die Stimmung war sehr aufgewühlt. Es ging um das Schicksal Tausender Waldbauern. Dort kam Georg Feldmann-Schütte auf mich zu. Der Waldbauer hatte große Teile seines Waldes verloren und erst wenige Tage zuvor Nachwuchs bekommen. Er fragte verzweifelt: „Wie soll es mit meinem Betrieb und meiner Familie weitergehen?“ Diese Verzweiflung blieb mir im Gedächtnis.

Wo haben Sie den 18. Januar 2007 verbracht?

Uhlenberg: An diesem Donnerstag war ich auf der Grünen Woche in Berlin. Dort musste ich ein Programm absolvieren, das ich nicht abbrechen konnte. Ich habe mich immer wieder über die aktuelle Situation informiert. Sonntags fuhr ich früher zurück, am Montag traf ich dann die Waldbauern in Schmallenberg.

Wann wurde Ihnen das Ausmaß bewusst?

Uhlenberg: Wie immens die Schäden waren, realisierte ich bei einem Rundflug am Samstag über die Kreise Siegen-Wittgenstein, Olpe und Soest, über den Märkischen Kreis und das Hochsauerland. Diese riesigen, kahlen Flächen . . . Der Anblick war fürchterlich. Die Wälder vieler Generationen waren zerstört. Da lagen über zwölf Millionen Festmeter, pro Jahr werden sonst in NRW drei Millionen Festmeter geschlagen. Die Kernfragen waren: „Wie können wir den Waldbauern eine Perspektive geben?“ und „Wo bleibt das Holz?“ Mir sagten die Fachleute damals, wenn wir einen warmen Sommer bekommen und der Borkenkäfer kommt, ist das Holz weitgehend wertlos.

Was waren die nächsten Schritte?

10 Jahre Kyrill – Drohnenflug über Hagen-Dahl
Christof Köhler und Alex Talash

Uhlenberg: Die Landesregierung brachte ein 100-Millionen-Euro- Programm auf den Weg. Wir versuchten über das Forstschädenausgleichsgesetz zu bewirken, dass bundesweit weniger Holz eingeschlagen wird. Das hat nicht geklappt, weil die anderen Länder sagten, dass das den Markt noch weiter durcheinander bringt. Der zweite Teil war der entscheidende, der steuerliche, den haben wir hinbekommen. Die Steuerlast wurde reduziert, so konnten wir die Waldbauern finanziell entlasten.

War es ein Vorteil, dass Sie aus der Region kommen?

Uhlenberg: Auf jeden Fall. Ich war damals fast täglich in Südwestfalen unterwegs und immer schnell vor Ort. Abends fuhr ich oft noch zu Terminen ins Sauerland, auch mal spontan zu kleineren Versammlungen. So bekam ich ein Gespür für die Befindlichkeiten und die Stimmung vor Ort. Fast jeden Montag trafen wir uns in der Waldarbeitsschule in Arnsberg zur Lagebesprechung mit den Waldbauern, dem Landesbetrieb, der Holzwirtschaft und den Kommunen.

Wie lange hat es gedauert, Düsseldorf klar zu machen, dass Südwestfalen von der größten Naturkatastrophe des Landes getroffen wurde?

Uhlenberg: „Das Sauerland ist weit weg. Ihr bekommt das schon allein hin.“ Diese Stimmen gab es im Parlament. Da aber alle Abgeordneten aus Südwestfalen und die Kreise zusammengearbeitet haben, waren wir sehr überzeugend. Es ist ja nicht so, dass man zum Finanzminister gehen kann, und man erhält 100 Millionen Euro als Soforthilfe. Meiner ­Meinung nach hat Kyrill bewirkt, dass Südwestfalen zum ersten Mal in Düsseldorf als Region wahrgenommen wurde. Das Ruhrgebiet, Ostwestfalen, den Niederrhein oder das Münsterland kannte jeder.

Also gehört Südwestfalen zu den Kyrill-Gewinnern?

Uhlenberg: In seiner landespolitischen Bedeutung hat Südwestfalen profitiert. Aber wir haben einen hohen Preis bezahlt. Bei Kyrill gab es keine Gewinner. Kyrill hat alle getroffen, Menschenleben gekostet und Existenzen vernichtet und bedroht.

Manche Waldbauern sagen, dass Sie damals falsch beraten wurden und die langfristigen Holzlieferverträge ein Fehler waren.

10 Jahre Kyrill: Klaus Lomnitz über die Folgen
Josef Schmidt

Uhlenberg: Jeder konnte entscheiden, ob er einen Vertrag mit dem Land abschließt oder nicht. Unser Ziel war es, eine Lösung für das liegende Holz zu finden. In Gesprächen mit dem Waldbauernverband NRW ist deutlich geworden, dass eine große Zufriedenheit besteht. Die Verträge haben zu einer Stabilisierung der Holzpreise geführt. Ob wir mit dem heutigen Wissen, zehn Jahre später, manche Dinge anders entschieden hätten, möchte ich jetzt nicht beurteilen.

Wie war die Stimmung bei den vielen Versammlungen?

Uhlenberg: Wie gesagt, die Situation hat viele ­belastet. Waldbauern denken in ­Generationen, viele standen vor dem Nichts. Deshalb hörte ich zu, musste mir aber auch viel anhören. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Versammlung im Kreis Olpe, wo die Stimmung sehr angespannt war. Manchmal mussten wir den Menschen klar machen, dass wir die Bäume nicht umgeworfen haben.

Worauf sind Sie stolz?

Uhlenberg: Den Begriff Stolz möchte ich in ­diesem Zusammenhang nicht verwenden.

Okay, was ist denn Ihrer Meinung nach gut gelaufen?

Uhlenberg: Viele Maßnahmen waren erfolgreich, andere weniger. Eine Frage war zum Beispiel die Aufforstung der Kahlflächen. Uns war klar, dass es Stürme wie Kyrill immer wieder geben kann. Deshalb haben wir ­beschlossen, die Anpflanzung von klimaresistenten Laub- und Nadelhölzern zu fördern. Damit nicht überall wieder sturmanfällige ­Fichten gepflanzt werden. Das ­wurde gut angenommen. Deshalb haben sich die Wälder seit Kyrill verändert.

Welche Bedeutung hatte Kyrill in Ihrer Amtszeit?

Uhlenberg: Ich hatte den PFT-Skandal und das Gammelfleisch. Aber Kyrill war das mit Abstand größte und schwierigste Ereignis in meiner Laufbahn. Auch in Anbetracht dessen, dass ­Menschen ihr Leben verloren ­haben.

Wie oft denken Sie heute noch an den Sturm?

Uhlenberg: Immer, wenn ich durch Südwest­falen fahre. Zum Beispiel, wenn ich in der Pension von Frau Brüggemann in Oberhundem zu Gast bin.

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