Notfall

Lebensrettung über das Telefon: Wenn jede Sekunde zählt

Die Frauen und Männer aus Rettungsleitstellen sind gut ausgebildet. Sie helfen Schritt für Schritt bei der Reanimation.

Die Frauen und Männer aus Rettungsleitstellen sind gut ausgebildet. Sie helfen Schritt für Schritt bei der Reanimation.

Foto: Platoo Fotography / Shutterstock/Platoo Fotography

Meschede.  Ein Mensch atmet nicht mehr, jetzt zählt jede Sekunde. Die Experten der Rettungsleitstelle müssen Laien aus der Ferne zur Herzmassage anleiten.

Wieder und wieder drückt die junge Frau auf den Brustkorb ihres Mannes. Er ist bewusstlos, atmet nicht, schon länger nicht. Seine Haut ist bereits blau angelaufen. Über den Lautsprecher ihres Handys ertönt ein Signal, das ihr den schnellen, aber gleichmäßigen Rhythmus vorgibt. „Drücken. Weiter. Und jetzt beatmen“, unterbricht eine Stimme über das Handy. „Zweimal. Und jetzt wieder drücken. Weiter. Sie schaffen das.“

Michael Schlüter erinnert sich noch sehr genau an diesen Einsatz. Er war es, der den Notruf vor wenigen Schichten in der Rettungsleitstelle des Hochsauerlandkreises in Meschede entgegennahm. Und die Frau am Telefon anleitete, ihren Mann wiederzubeleben. Schritt für Schritt. Eine Extremsituation, für alle Beteiligten. Die allerdings nicht selten vorkommt, wie Schlüter sagt. „Im Schnitt passiert so etwas allein bei uns im Hochsauerlandkreis einmal am Tag, dass wir Anweisungen über das Telefon machen.“

Besonders anstrengend sei, für die andere Person „mitzudenken, man muss die Situation überblicken, ohne sie tatsächlich zu sehen. Und man muss den Menschen am Telefon beruhigen und dazu bringen, alles zu geben.“

Die Frau aus dem Sauerland war zuvor kurz mit den Kindern einkaufen gefahren, erzählt Schlüter. Als sie zurück in die Wohnung kamen, lag ihr Mann bereits regungslos da. „Sie reagierte schnell und richtig: Sie hat den Rettungsdienst gerufen, um Hilfe geschrien und die Kinder nach draußen bringen lassen.“

„Ich war zwei Mal tot“

Klaus Lohmann aus dem Märkischen Kreis hat ähnliches erlebt. Ohne Vorwarnung erlitt seine Frau Heike mitten in der Nacht einen Herzinfarkt. „Plötzlich hörte ich nur noch ein Röcheln neben mir, da war sie schon weg“, erzählt der 60-Jährige. Der Märkische Kreis hat den Fall öffentlich gemacht, um „Mut zu machen“: Denn die Frau konnte gerettet werden, mit Hilfe der Anleitung am Telefon.

Fünfeinhalb Minuten lang folgte Lohmann den Anweisungen von Jörg Borsberg, der ihm von der Leitstelle in Lüdenscheid aus sagte, was zu tun ist, bis das alarmierte Team aus Rettungsassistenten, Notfallarzt und Feuerwehr eintraf. Der Notarzt musste Heike Lohmann mit dem Defibrillator zurückholen. „Ich war zwei Mal tot, hat man mir später gesagt“, erzählt sie.

Die wichtigste Person vor Ort

Maximal zwölf Minuten ist landesweit die Hilfsfrist, die Rettungsdienste vom Zeitpunkt der Alarmierung bis zum Einsatzort brauchen sollten. „Aber selbst drei Minuten fühlen sich sehr lang an, wenn man auf Hilfe wartet“, weiß Michael Schlüter, der Mann von der Leitstelle im Hochsauerlandkreis. Einen Menschen drei, fünf oder sogar zehn Minuten lang zu reanimieren, „ohne Unterbrechung, bis der Rettungsdienst eintrifft, das ist anstrengend“. Aber die einzige Chance, damit er überlebt, sagt Schlüter: „Wenn die Atmung aussetzt, muss sofort reagiert werden, ansonsten brauchen die Retter nicht mehr kommen.“

Die Ursache für den Herz-Kreislauf-Stillstand sei dabei erstmal völlig egal. „Es geht nur um die Reanimation. Man darf keine Zeit verlieren und muss dem Anrufer klar machen: Er ist jetzt die wichtigste Person, die helfen kann. Er muss wissen: Ok, jetzt liegt’s an mir.“

Nicht immer erfolgreich

In den meisten Fällen klappe das gut. Manchmal aber eben nicht. Die Gründe dafür seien sehr unterschiedlich. Schlüter erinnert sich an eine ältere Frau, deren Mann nicht mehr atmete und reanimiert werden musste: „Sie sagte immerzu: Ich will meinem Mann ja helfen – aber ich kann es nicht. Ich schaffe es einfach nicht.“ Ein anderer Fall: Eine Gruppe Betrunkener, die es nicht mehr geschafft hätte, seine Anweisungen umzusetzen. „Aber all das sind seltene Fälle.“

Ob die Menschen am Ende überleben, erfahren die Helfer am Telefon nur selten. Denn sobald die Retter vor Ort sind, legen sie auf. „Wir müssen ja über möglichst viele Leitungen für den nächsten Notfall erreichbar sein.“ In den meisten Fällen würden die Betroffenen ins Krankenhaus transportiert, weiß Schlüter. Wie es dort weitergehe, erfahre er aber in der Regel nicht. „Außer sie stehen einige Zeit später bei uns an der Leitstelle – mit Blumen in der Hand.“

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