Schule

Lehrermangel: Zehn Prozent Seiteneinsteiger in Südwestfalen

Durch den Lehrermangel in Deutschland finden sich auch in Südwestfalen zunehmend Seiteneinsteiger in den Klassenzimmern.

Durch den Lehrermangel in Deutschland finden sich auch in Südwestfalen zunehmend Seiteneinsteiger in den Klassenzimmern.

Hagen.   Über zehn Prozent der neu eingestellten Lehrer in Südwestfalen sind Seiteneinsteiger. Zwei Pädagogen erzählen, wie schwer ein Wechsel sein kann.

Es fehlen Lehrer in Deutschland. 35 000 allein an den Grundschulen in den kommenden sieben Jahren. Das hat jüngst eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Aber auch an Berufskollegs, Haupt-, Real- und ­Sekundar­schulen kann längst nicht mehr jede frei gewordene Stelle mit einem voll ausgebildeten Lehrer besetzt werden. Deshalb müssen viele Schulen immer wieder auf Quereinsteiger setzen.

In Bochum und Heidelberg Physik studiert

54 Seiteneinsteiger sind im ersten Schulhalbjahr allein in Südwestfalen eingestellt worden – bei 474 Neueinstellungen insgesamt. Etwa elf Prozent der neuen Lehrer also haben den Beruf nicht ursprünglich gelernt.

Mark Ewald weiß, wie es ist, plötzlich Lehrer zu sein. Der Hagener hat in Bochum und Heidelberg Physik studiert – auf Diplom. Mit dem Abschluss in der Tasche schrieb er Bewerbungen – „aber es hat nicht gepasst“, sagt er. Mit Nachhilfe verdiente er sich schon während des Studiums etwas dazu, bis er zufällig hörte, dass eine Schule einen Vertretungslehrer suchte. So stand er im Jahr 2004 von heute auf morgen vor einer Heidelberger Klasse. Dort gab er nicht nur Physik, sondern auch Mathe, weil man davon ausging, dass ein Physiker auch davon etwas verstehe müsse.

Keine Ahnung von Didaktik

„Das war nicht toll“, sagt er im Rückblick ganz offen. Vor allem für die Schüler nicht. „Ein Teil von ihnen wird etwas verstanden haben“, sagt er. „Aber einige hatten keine Chance.“ Dem Diplom-Physiker fehlte schlicht das Wissen um die Didaktik: Er habe keine Ahnung gehabt, wie er den Stoff am besten vermitteln konnte. „Ich wusste nicht, w as zu viel ist für die Schüler und was zu wenig. Und ich wusste nicht, wie ich den Stoff anbieten kann, damit auch diejenigen etwas davon haben, die nicht so begeistert von Physik und Mathe sind.“

Drei bis vier Wochen etwa wurde er von Lehrerkollegen im Unterricht begleitet, die ihm nach den Stunden Tipps gaben, was er besser machen konnte. Nach einem guten Monat aber musste er allein vor die Klasse. In mancher Nachtschicht arbeitete er Lehrmaterial und Schulbücher durch, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich der Stoff aufbereiten ließ. Nach sechs Monaten lief der Vertrag in Heidelberg aus: Mark Ewald wechselte zurück in seine Heimatstadt ans Theodor-Heuss-Gymnasium, zunächst ebenfalls als Vertretungslehrer, bis er 2007 ein Referendariat begann. Immerhin: Sich in der Klasse durchzusetzen, damit hatte er keine Probleme.

Wechsel in die Industrie zu Siemens

Thomas Schulte wollte eigentlich schon immer Lehrer werden. Mathematik und Physik hat er studiert, kam aber nach dem ersten Staatsexamen zunächst nicht weiter.

„Einstellungsstopp“ erinnert er sich an die 80er Jahre zurück. Also wechselte er in die Industrie zu Siemens, war zuständig für eine Datenbank. Sieben Jahre lang arbeitete er für den Konzern. Dann baute das Unternehmen in den 90er Jahren Stellen in NRW ab – und in den Schulen waren wieder Lehrer gefragt.

Also setzte Thomas Schulte nach der langen Pause 1993 seine Ausbildung fort – und holte das Referendariat nach. Das lief nach sieben Jahren in der Industrie nicht von Anfang an glatt. Das größte Problem: den Respekt der Schüler zu gewinnen, räumt Thomas Schulte ein. „Das muss man lernen. Man darf sich nicht in die Klasse reinschleichen. Die Schüler müssen sofort spüren, wenn der Lehrer hereinkommt“, hat er erfahren.

Den Wechsel nicht unterschätzen

Man dürfe nicht verkennen: „Den Lehrerberuf muss man richtig lernen“, sagt Thomas Schulte, der mittlerweile in seiner alten Heimatstadt Arnsberg am Franz-Stock-Gymnasium unterrichtet.

Was nicht heißt, dass Quereinsteiger für den Beruf nicht taugen. „Es gibt Kollegen hier bei uns am Gymnasium, die das bravourös gemeistert haben. Aber man darf den Wechsel nicht unterschätzen.“ Einen Ratschlag gibt er den Quereinsteigern: „Besteht darauf, verbeamtet zu werden.“ Angestellter im Schuldienst zu sein, sei ein großer Nachteil.

Beide lieben ihren Beruf. ­Aufgeben wollen sie ihn nun nicht mehr. Mark Ewald schwärmt für die Begeisterungsfähigkeit der Schüler. „Wir lernen immer wieder junge Menschen, neue Generationen und Gedanken kennen“, sagt Thomas Schulte. Das sei ein ­Privileg.

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