Mangelberuf

Personalnot im Führerstand – Lokführer händeringend gesucht

Er war der Traumberuf vieler Jungs, die so sein wollten wie „Lukas der Lokomotivführer“. Die Figur aus der Augsburger Puppenkiste erlebte mit Jim Knopf und Lok „Emma“ so manches Abenteuer in Lummerland. In der realen Welt werden heutzutage bundesweit händeringend Lokführer gesucht.

Foto: Stefan Puchner/dpa

Er war der Traumberuf vieler Jungs, die so sein wollten wie „Lukas der Lokomotivführer“. Die Figur aus der Augsburger Puppenkiste erlebte mit Jim Knopf und Lok „Emma“ so manches Abenteuer in Lummerland. In der realen Welt werden heutzutage bundesweit händeringend Lokführer gesucht. Foto: Stefan Puchner/dpa

Hagen.   Im ganzen Bundesgebiet werden Lokführer händeringend gesucht. Der einstige Traumberuf vieler Kinder ist bei jungen Leuten nicht mehr so gefragt.

Es war der Beruf, von dem kleine Jungs träumten. Sie wollten wie Lukas der Lokomotivführer werden, der Held der Augsburger Puppenkiste aus Lummerland. Heute scheint ihnen auf dem Weg zum Erwachsenwerden diese Faszination abhanden gekommen zu sein. Im ganzen Land werden Lokführer gesucht. „Händeringend“, sagt Matthias Birnbaum, Geschäftsführer der RT&S Lokführer-Akademie in Duisburg. „Bei allen Unternehmen.“ In den letzten Monaten 2016 sorgte die Eurobahn, die auch Strecken in Südwestfalen bedient, mit Zugausfällen für Schlagzeilen. Ein wesentlicher Grund: Personalnot.

Die Eurobahn

Die Bahngesellschaft betreibt die RB 89 von Münster nach Kassel (über Lippstadt), die RB 59 von Dortmund nach Soest sowie den RE 13 von Hamm nach Venlo (über Hagen). Als vor Wochen wegen kranker Lokführer Züge ausfielen, brachte dies nicht nur die auftraggebenden Zweckverbände auf die Palme. „Die Eurobahn hat zu wenig Lokführer in der Hinterhand“, sagt Lothar Ebbers vom Fahrgastverband Pro Bahn. „Über Jahre wurde kein stabiler Personalstamm aufgebaut.“ Danica Dorawa von Eurobahn zufolge steuere man gegen: „Am 1. Februar haben zehn Auszubildende angefangen.“ Dennoch: „Lokführer bleibt ein Mangelberuf.“

Die Branche

„Wettbewerberübergreifend“, sagt Matthias Birnbaum, „gibt es ein Personalproblem.“ Im Güter- und im Personenverkehr. Bundesweit fehle eine vierstellige Zahl an Lokführern. „Selbst der Dienstleistermarkt, der den Unternehmen Personal zur Verfügung stellt, kann den Bedarf bei weitem nicht decken.“ Dabei, so Eurobahn-Sprecherin Dorawa, sei der Job ausgesprochen zukunftssicher.

Die Gründe

Ausbilder Birnbaum erkennt einen anspruchsvollen Beruf mit hohen Anforderungen. Er meint die Arbeits- und Einsatzzeiten, Mobilität und Flexibilität sowie die medizinische Tauglichkeit und psychologische Eignung. Die Quote der nicht-geeigneten Bewerber nehme zu: „Möglicherweise hat das damit zu tun, dass die Gesellschaft bequem geworden ist - der Gesundheits- und Fitnesszustand hat sich verschlechtert.“

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Zudem seien unregelmäßige Schichten in der heutigen Generation ein Hindernis bei der Berufswahl. Eurobahn-Sprecherin Dorawa spricht von „veränderten Bedürfnissen“: „Es wird viel Wert auf Work-Life-Balance gelegt.“ Für Pro-Bahn-Mann Lothar Ebbers verursache Stress durch Überstunden und Wechseldienste erhöhte Krankenstände und Arbeitsplatzwechsel. „Man darf auch nicht verschweigen, dass nur ein Teil der Lokführer, die einen Suizidfall miterleben mussten, zurück in den Dienst können.“

Die Suche

Die Unternehmen müssen große Anstrengungen machen, um Personal zu gewinnen. Ein Sprecher der Deutschen Bahn (DB) nennt das Beispiel von Großstädten, in denen nahezu Vollbeschäftigung herrscht. Die DB unterstütze dort bei Wohnungssuche oder Kinderbetreuung. „Außerdem“, so der Bahnsprecher, „setzen wir vermehrt auf soziale Medien und digitale Technik wie eine Virtual Reality Brille, mit der Interessierte hautnah Einblicke in die Berufswelt der Bahn bekommen.“

Die Ausbildung

Bei der Bahn gibt es zwei Wege zum Lokführer, oder wie es offiziell heißt: „Eisenbahner im Betriebsdienst, Fachrichtung Lokführer und Transport“ – eine 3-jährige Berufsausbildung für Schulabgänger und eine zwischen 9 und 12 Monate dauernde Funktionsausbildung für Quereinsteiger. Voraussetzung: abgeschlossene Erstausbildung.

Der Verdienst

Der Lokführer-Mangel, sagt Ausbilder Birnbaum, habe weniger mit der Bezahlung zu tun. „Das Grundgehalt liegt bei etwa 2600 Euro brutto. Hinzu kommen Nacht-, Sonntags- und Feiertags-Zulagen.“

Die Frauen

Der Lokführer-Beruf bleibt eine Männerdomäne. „Wir bilden auch Frauen aus“, sagt Birnbaum, „sie bleiben aber eher selten bei der Stange.“ Schichtdienst mache die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht leichter. „Ich sehe nicht, dass sich die Arbeitsbedingungen im Rund-um-die-Uhr-Betrieb grundlegend verändern lassen.“

Die Zukunft

Gerade große Unternehmen hätten oft einen hohen Altersdurchschnitt – und daher einen gestiegenen Krankenstand. Birnbaum: „Die Lage wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, weil viele Lokführer in den Ruhestand gehen.“ Für Lothar Ebbers von Pro Bahn müssen bessere Arbeitsbedingungen her. „Der Schuh drückt bei der Planbarkeit von Arbeit und Freizeit.“ Er fordert flexible Arbeitszeit-Modelle - „die einen vernünftigen Ausgleich garantieren.“

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