Chorsterben

Männerchöre vor dem Aus - Jetzt droht das Ende vom Lied

Gemischte Chöre haben Zulauf, reinen Männerchöre fehlt dagegen der Nachwuchs.

Gemischte Chöre haben Zulauf, reinen Männerchöre fehlt dagegen der Nachwuchs.

Foto: Michael Korte

Hagen.   500 Männerchöre hat der Chorverband NRW in den vergangenen zehn Jahren verloren. Der MGV stirbt aus, obwohl das Singen selbst wieder im Trend ist.

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Sie haben „Ännchen von Tharau“ geprobt, als alle Welt längst „Hey Jude“ hören wollte. Jetzt sind sie mit ihrem Lied am Ende. Rund fünfhundert Männergesangvereine hat allein der Chorverband NRW in den vergangenen zehn Jahren verloren. Welche Ursachen hat das Sterben der Männerchöre? Warum gibt es keinen Nachwuchs? Haben die Herren die falschen Töne angestimmt? Das sind die Fragen, die wir in unserer neuen Serie gemeinsam mit Experten untersuchen wollen.

„Man muss den Männerchören danken. Ich mache ihnen ein ganz, ganz großes Kompliment“, so bilanziert der Mendener Musikdirektor Klaus Levermann die Situation. „Sie haben das deutsche Volkslied und generell das ,Singen in Gemeinschaft’ über eine schwierige Zeit gerettet. Ihr Durchhaltevermögen in einer Zeit, wo das Singen total out war, gibt den neuen Vokalensembles heute erst eine Chance.“ Denn die Chorbewegung hat zwei ganze singende Generationen verloren. Der Missbrauch des Volksliedes durch die Nationalsozialisten hatte nach 1945 einen Generalverdacht zur Folge, der nicht nur die Literatur traf, sondern auch die singenden Herren mit ihren Vereinsritualen selbst.

Trendwende kommt zu spät

Heute hat Ännchen von Tharau wieder Konjunktur. „Neue Ensembles bilden sich, neue Netzwerke, die Leidenschaft für das Singen ist wieder da“, so Levermann, der Bildungsreferent beim Chorverband NRW ist und Vizepräsident des Deutschen Chorverbandes. „Allein in den ersten drei Monaten 2016 hat der Chorverband NRW 28 neugegründete Chöre aufgenommen.“ Nur kommt die Trendwende für viele MGVs zu spät.

„Wir sind gemeinsam alt geworden, haben tolle Erlebnisse gehabt, dann lass den Verein doch um Gottes willen sterben“, hält Prof. Michael Schmoll nichts von einer künstlichen Beatmung. Der Mendener ist Musikprofessor in Osnabrück. „Die kritische Frage ist doch: Wann hat denn der Chor, der jetzt aufgibt, überhaupt mal einen neuen Sänger bekommen? In den 70er Jahren? Oder in den 80ern? Und die Frage lautet weiter: Wer soll denn zu uns kommen?“

Viele MGVs haben versucht, das Ende hinauszuzögern, indem sie sich an Popsongs oder Musical-Stücke wagten. Wenn dann kahle Köpfe „Hair“ sangen, ging das oft an den Erwartungen des Publikums vorbei. „Man darf sich nicht verbiegen“, rät Prof. Schmoll. „Und das Volkslied kommt wieder.“

Dirigieren mit dem Bierglas

Eigentlich sind sich die Experten einig, dass die spezifische MGV-Vereinskultur für neue Mitglieder nicht mehr attraktiv ist, also jene berühmte Kombination aus Singen, Vereinsmeierei und Geselligkeit nach den Proben, wo dann mit dem Pilsglas dirigiert wird.

Doch die Ursachen liegen tiefer. Prof. Schmoll listet in erster Linie Veränderungen der Arbeitswelt auf: „Das Chorsterben hat kaum etwas mit dem Singen zu tun. Es liegt an der vereinsmäßig verorteten Form, wo man sich 50 mal im Jahr einmal pro Woche zwei Stunden fest binden muss.“ Allerdings haben immer weniger Tenöre und Bässe berufliche Dienstpläne, die ihnen erlauben, dienstags pünktlich um 20 Uhr die Noten aufzuschlagen.

Schmoll: „Gospelchöre brummen ohne Ende. Die arbeiten anders als ein örtlicher Gesangverein mit klaren Projekten, zielorientiert, ergebnisorientiert. Da, wo Ideen am Start sind, kann man schon noch etwas halten.“

Klaus Levermann kritisiert, dass in Kindergärten und Schulen schon seit Jahrzehnten nicht mehr ausreichend gesungen wird. „Singen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Man hat das Künstlerisch-Kreative immer mehr in der Erziehung zurückgedrängt.“

Michael Schmoll kann ein Lied davon singen, wie Männerchöre altern. 1978 hat er seinen ersten MGV dirigiert, da war er 20 und seine Sänger im Schnitt 50. „Jetzt marschiere ich auf die 60 zu, und dieselben Sänger sind immer noch da.“ Schmoll wirbt für eine Kultur des Abschieds. „Die Gesangvereine trifft es im Moment am meisten. Das finde ich gesellschaftlich schade, denn ich sehe dafür keinen Ersatz. Da ist an menschlichen Sachen so viel Schönes passiert, da gab es soviel Zusammenhalt. Aber man muss auch loslassen können und schauen, was die Zeit bringt.“

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