Liebe

„Beim Online-Dating trägt man die eigene Haut zu Markte“

Die Liebe ist auch im Netz ein großes Thema. Aber das Kennenlernen folgt anderen Regeln als in der wirklichen Welt.

Die Liebe ist auch im Netz ein großes Thema. Aber das Kennenlernen folgt anderen Regeln als in der wirklichen Welt.

Siegen.   Der Siegener Soziologe Thomas Meyer zum Online-Dating: Unendliche Möglichkeiten bei der Partnerjagd machen es oft schwer, ein Ende zu finden.

Online-Dating ist innerhalb weniger Jahre zu einem Massenphänomen geworden. Die Hälfte aller Singles soll Umfragen zufolge bereits ihr Liebesglück im Internet suchen. Aber das Kennenlernen und Verlieben in digitalen Partnerschaftsportalen hat zwiespältige Folgen, meint der Siegener Soziologe Thomas Meyer.

Was verändert sich?

Thomas Meyer: Den Hintergrund bildet das romantische Liebesideal, das sich im 18. Jahrhundert entwickelte, das in unserer individualisierten Gegenwartsgesellschaft fortlebt und wichtige Aufgaben der Sinnstiftung übernimmt. Die Liebe wird zur wichtigsten Angelegenheit des Lebens erkoren und gleichgesetzt mit größtem Glück. Zugleich wird sie als Reich der Innerlichkeit, Empfindsamkeit und Gefühlsseligkeit verklärt.

Und das sehen Sie als problematisch an?

Meyer: Es existiert ein Widerspruch, wenn einerseits die Liebe als Gegenwelt zum durchrationalisierten Kapitalismus betrachtet wird und andererseits die Algorithmen der Online-Portale für den passenden Partner bzw. die passende Partnerin sorgen sollen.

Stichwort Kapitalismus...

Meyer: Vor allem die einflussreiche Kultursoziologin Eva Illouz kritisiert das Einströmen von Markt- und Konsumprinzipien in die Sphäre emotionaler Intimbeziehungen. Online-Dating animiert dazu, Angebote wie im Supermarkt zu vergleichen und sich für die beste „Ware“ zu entscheiden. Angesichts der unerschöpflichen Auswahl erscheinen die Offerten im Netz wie Fließbandprodukte für den schnellen, reichlichen und billigen Konsum.

Das klingt hart...

Meyer: Sicherlich.

Aber?

Meyer: Der Nutzer ist ja nicht nur Käufer, sondern auch Verkäufer, der sich selbst als Ware anpreist. Das heißt: Er muss mit einer perfekten Selbstinszenierung den eigenen Marktwert steigern, um im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit bestehen zu können.

Ist das nicht in der analogen Welt ähnlich?

Meyer: Durchaus; der Punkt ist jedoch, dass auf den Partnerbörsen die Profilbilder immer wichtiger werden. Dabei sehen wir immer Darstellungen, welche sich an die standardisierten Schönheitsideale, wie sie vor allem die Massenmedien transportieren, anlehnen. Man folgt vorfabrizierten Schablonen, um die eigene Haut erfolgreich zu Markte zu tragen, die Konkurrenz immer im Nacken.

Ist die schriftliche Kommunikation nicht auch wichtig?

Meyer: Sehr sogar. Die starke Fokussierung auf die Schriftlichkeit in den digitalen Partnerbörsen erinnert an die Tradition der klassischen Liebesbriefe. Diese romantische Aufladung, welche für die Börsen durchaus charakteristisch ist, kann aber auch zum Problem werden. Kommt es zur Begegnung in der Realität, ist die Chance groß, dass der Zauber verfliegt. Denn während das Kennenlernen in der analogen Welt sozusagen von außen nach innen funktioniert, ist es in der digitalen Welt umgekehrt: Erst lernt man das Innenleben des Anderen über Texte kennen und merkt vielleicht erst in der Realität, dass man sich, wie es so schön heißt, „gar nicht riechen“ kann.

Ist die App Tinder, bei der man nur Fotos hin- oder wegwischt, da nicht ehrlicher?

Meyer: Das lässt sich kaum vergleichen, Bei Tinder geht es eher um Affären, während in den Partnerbörsen die ganz überwiegende Zahl der Nutzer eine feste Beziehung sucht.

Wer sind überhaupt die Nutzer?

Meyer: Weniger die ganz Jungen, die finden genügend natürliche Kontakthöfe. Es ist vor allem die mittlere Generation über 40, die nach einer Trennung oder Scheidung online aktiv wird. Die typischen Online-Dater sind überdurchschnittlich häufig gebildet, relativ einkommensstark und computeraffin.

Und sind sie erfolgreich?

Meyer: Da gibt es weder verlässliche Daten noch belastbare Forschungen. Aber wir wissen aus der analogen Welt: Gegensätze ziehen sich dauerhaft nicht an, gleich und gleich dagegen gesellt sich gern. Wenn die digitalen Algorithmen wirklich in der Lage sein sollten, die „Liebesglückwahrscheinlichtkeit“ zu steigern und stabilere Beziehungen herzustellen, wäre das ein Kracher.

Sie sind insgesamt skeptisch?

Meyer: Vieles wird schneller, konsumorientierter und flüchtiger. Ich sehe auch die Gefahr, dass sich aus den unendlichen Möglichkeiten im Netz eine Partnerjagd entwickelt, die sich schwer tut, ein Ende zu finden. So kann sich das Surfen auf den Portalen zu einer Droge entwickeln. Doch das wird der Expansion der digitalen Liebessuche keinen Abbruch tun. Für viele Menschen, die ansonsten wenig Zeit und Möglichkeiten haben, einen Partner oder eine Partnerin kennenzulernen, bietet das Internet eine Fülle von Verheißungen. Nicht zuletzt: Wer sich heute im Internet kennenlernt, gilt anders als früher nicht mehr als Versager, sondern ist moderner Nutzer einer fast schon selbstverständlich geworden Sozialinnovation.

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben