IBG Automation

Mensch und Roboter arbeiten in Zukunft Hand in Hand

Ein Exemplar der seit der Hannovermesse 2018 vielleicht berühmtesten Roboterhand, die sich zur Begrüßung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur sogenannten Ghettofaust formte.Inzwischen ist die Technik von IBG deutlich weiter entwickelt worden - zu sehen auf der Hannovermesse 2019 im April (Halle 17, Stand E18). Fotos:MATTHIAS GRABEN

Ein Exemplar der seit der Hannovermesse 2018 vielleicht berühmtesten Roboterhand, die sich zur Begrüßung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur sogenannten Ghettofaust formte.Inzwischen ist die Technik von IBG deutlich weiter entwickelt worden - zu sehen auf der Hannovermesse 2019 im April (Halle 17, Stand E18). Fotos:MATTHIAS GRABEN

Neuenrade.   Roboter nehmen in Zukunft auf das Arbeitstempo des menschlichen Kollegen Rücksicht – wenn sie von IBG Automation aus Neuenrade stammen.

Es war vielleicht d a s Bild schlechthin von der Hannover Messe im vergangenen Jahr. Kanzlerin Angela Merkel, begleitet von allem, was Rang und Namen hat, begrüßt einen Roboter mit der „Ghettofaust“. Oder versucht es zumindest. Eine Szene, die vor rund zehn Monaten um die Welt geht und sich am Stand des Unternehmens IBG Automation aus Neuenrade abspielt.

Eine bessere Imagekampagne als Vorreiter beim Thema Automatisierung und Robotertechnik kann man sich kaum wünschen.

Tatsächlich ist IBG fast ein wenig im Verborgenen des Märkischen Sauerlands von einem Zwei-Ingenieure-Start-up Anfang der 80er Jahre in einem Büro mit Dachschräge zu einem Projektentwickler mit Weltruf gewachsen. „Viele beanspruchen, das Silicon Valley des Sauerlandes zu sein – wir auch“, sagt Matthias Fabian Goeke, Vorstandsmitglied und Sohn des IBG-Gründers Matthias Goeke.

Die filigrane Ghettofaust

Für diesen Anspruch spricht einiges. Etwa, dass IBG 2018 erneut als einer der einhundert innovativsten Mittelständler Deutschlands ausgezeichnet wurde. Oder dass die Sauerländer dem schillernden Unternehmer Elon Musk auf seinem Weg zum ernsthaften Konkurrenten der Automobilindustrie geholfen haben. „Wir haben schon viel für die Produktionstechnik des Tesla Modell 3 gearbeitet“, verrät Goeke – gerade erst nimmt der Verkauf des Mittelklasse-Elektroautos auch bei uns Fahrt auf, aber die Gründe für den verzögerten Start sind nicht in Neuenrade zu suchen, sondern im Silicon Valley selbst.

IBG blickt inzwischen auf über 30 Jahre Erfahrung im Automotivebereich zurück. „Es ist ein reines Projektgeschäft“, sagt Goeke. Das bedeutet, es gibt kaum Automatisierungstechnik von der Stange. „Das, was Standard ist, machen wir nur ungern.“ Annähernd die Hälfte der Aufträge stammt aus dem Automobilbereich. Automatisierter Cockpitbau, Radmontage, das Einsetzen von Schiebedächern, all das funktioniert mit Hilfe von IBG-Lösungen. Übrigens nicht immer schneller als von Menschenhand, aber höchst präzise und beinahe pausenlos.

Firmenbesuch beim Ingenieurbüro IBG in Neuenrade

Das Ingenieurbüro IBG in Neuenrade entwickelt innovative Lösungen zur Automation in Unternehmen und zum Einsatz von Robotertechnik.
Firmenbesuch beim Ingenieurbüro IBG in Neuenrade

Die Fünf-Finger-Hand des kollaborativen Roboters, wie er auf der vergangenen Hannover-Messe gezeigt wurde, kann natürlich viel mehr als nur eine coole Faust zur Begrüßung Prominenter. IBG hat die Handtechnik deutlich weiter verfeinert. Der Roboter ist zudem ausgestattet mit 3D-Kameras und kann nicht nur vom Partner Mensch mit Gesten gesteuert werden, sondern auch erkennen, wie es dem menschlichen Kollegen geht. Fortschreitende Mensch-Maschine -Kollaboration. „So könnte der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen. Der Roboter erkennt, ob das Wochenende anstrengend für mich war und ich noch müde bin. Er reicht mit dann bei Bedarf die Teile langsamer an“, erklärt der Ingenieur Matthias Fabian Goeke. Vom Anreichen eines Kaffees ist hier noch nicht die Rede.

Ein spezielles Einsatzgebiet für solche Roboter dürfte in Zukunft auch dort liegen, wo Menschen entweder nicht hinkommen, oder sich auf keinen Fall hinbegeben sollten – beispielsweise in der Chemieindustrie oder beim bald notwendigen Rückbau von Atomkraftwerken. Hier könnte der Roboter bei der Demontage bis zum stark radioaktiv verseuchten Kern vordringen.

Daimler setzt auf IBG-Lösung

IBG passt die Anlagen für die Kunden auf die jeweiligen Erfordernisse an, zum Beispiel für Daimler. Im Werk Bremen ist der Roboter mit IBG-Händen seit Jahresbeginn im Serieneinsatz für die Schiebedachmontage.

Die hohe Affinität zu Automobilen spiegelt sich bei IBG auch im Projekt Vision One 1 wider. Bereits 2012 haben die Ingenieure einen Entwurf für einen Minibus umgesetzt, inspiriert vom alten VW-Bulli und mit verblüffend ähnlichen Zügen wie der Volkswagen-Elektrobus I.D. Bus, der 2022 in Serie gehen soll – die Neuenrader verweisen darauf, dass ihr Modell weit vor den ersten Projektskizzen von VW gefertigt wurde.

Konzeptauto Vision Car One1

Jetzt geht es den Kreativen aus dem Sauerland bei Vision Car One 1 aber um etwas anderes, nämlich die Frage, „wie kann man ein Auto einfach und günstig bauen“, erklärt Goeke. Die Antwort: Natürlich mit Robotern und einer anderen Herangehensweise. IBG konzeptioniert erst den Bauplan mit bestmöglich zu fertigenden Teilen aus Karbon – das Design steht nicht an erster Stelle - auch wenn es nicht übel aussieht. Gemeinsam mit Partnern wie der Technischen Universität Dresden und Daimler entwickelt IBG mit dem „3DProCar“ vielleicht echte Konkurrenz zu den Dinosauriern der Branche.

Um dies möglichst effizient zu erledigen, basteln die Ingenieure aus Neuenrade gerade an „Medusa“. Das nächste Projekt, das auf der Hannover Messe vom 1. bis 5. April gezeigt werden soll. Ein großer Roboter mit sechs kleinen, die mit ihren fleißigen Händen zu Werke gehen können. Da darf man bereits heute gespannt sein, wie Medusa am besten begrüßt werden wird.

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