Krebs

Methadon als letzte Hoffnung für Krebspatienten

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Foto: dpa Picture-Alliance / Tobias Hase

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Hagen/Iserlohn.   Im Kampf gegen den Krebs hilft das Schmerzmittel im Zusammenspiel mit der Chemotherapie. Iserlohner Arzt ist von der Wirkung überzeugt.

Der Körper ist übersät mit Metastasen. Zuletzt sind sie in der Leber und im Hüftgelenk diagnostiziert worden. Seit zwei Jahren kämpft Hiltrud Giebel aus Hohenlimburg gegen den Krebs. Der Kampf scheint verloren. Ihre Tochter Katrin Eickbaum bringt sie zum Sterben ins Hospiz Mutter Teresa in Iserlohn-Letmathe. „Sie war bettlägerig, konnte nicht mehr aufstehen. Wir haben alle geglaubt, es geht nicht mehr lange.“ Nach drei Tagen können Mutter und Tochter kaum glauben, was passiert. „Sie ist mir entgegenlaufen.“

Dr. Hans-Jörg Hilscher, Allgemein- und Palliativmediziner, behandelnder Arzt im Hospiz, wundert sich nicht. „Zwei Drittel der an Krebs erkrankten Patienten spüren eine deutliche Verbesserung.“ Der Grund: die flüssige Verabreichung von Methadon schlägt positiv an. Das als Ersatzdroge für Heroinabhängige bekannte Schmerzmittel bremst die Ausbreitung der Krebszellen ein. „Als Wirkverstärker für Chemotherapien ist Methadon nachhaltiger als jedes andere Schmerzmittel. Es ist das einzige der Opioide, das die Ausbreitung der Krebserkrankung hemmt. Standard-Opioide wie Morphium fördern das Wachstum der Krebszellen sogar.“ Auch sei die Wechselwirkung von Methadon mit anderen Medikamenten „ausgesprochen gering“. Als Wundermittel gegen Krebs sieht Hilscher Methadon nicht. „Diese Erwartungshaltung ist völlig überzogen. Methadon hilft aber, ohne großen Schaden im Körper anzurichten. Es wirkt lebensverlängernd.“

Keine klinischen Studien

Warum Methadon nicht generell in der Krebstherapie angewendet wird? Es fehlt eine gründliche Erforschung, heißt es bei der Deutschen Krebshilfe. Vor diesem Hintergrund hält es der Vorstandsvorsitzende Gerd Nettekoven für geboten, Patienten, die nach diesem Behandlungsansatz fragten, dahingehend zu informieren, dass es für diese Form der Krebstherapie momentan noch keine belastbaren Daten aus klinischen Studien gebe; „Auf der Basis der bisher vorliegenden Daten ist ein Einsatz von Methadon als Krebsmedikament außerhalb von klinischen Studien nicht gerechtfertigt.“

Patienten blühen wieder auf

In vorklinischen Studien in Zell- und Tierversuchen hatte Dr. Claudia Friesen, Leiterin des molekularbiologischen Forschungslabors am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinikums Ulm, die positive Wirkung von Methadon auf Krebszellen im Zusammenspiel mit der Chemotherapie nachgewiesen. Erstmals waren ihre Ergebnisse in der ARD-Sendung plusminus im April publik gemacht worden. Seitdem beschäftigen sich Ärzte und Betroffene intensiv mit dem Thema. Dr. Hilscher arbeitet eng mit Dr. Friesen zusammen. Für diese Zeitung war die Chemikerin nicht erreichbar.

Katrin Eickbaum ist froh darüber, nicht auf entsprechende Studien gewartet zu haben. „Ich habe erlebt, wie Dr. Hilscher meiner Mutter mit Methadon Lebensqualität zurückgegeben hat.“ Dabei habe die vorherige Medikation mehr als 2000 Euro im Monat gekostet, Methadon hingegen nur ein paar Euro. Die 77-Jährige sei schmerzfrei gewesen, habe sich wieder bewegen können und einen gesunden Appetit entwickelt. „Das war so wertvoll für uns alle, das ist nicht mit Geld zu bezahlen.“ Auch andere Patienten, „das habe ich selbst im Hospiz erlebt“ seien förmlich aufgeblüht. „Eine alte Dame wollte mit ihrem Sohn wieder nach Duisburg fahren, um endlich mal wieder Currywurst zu essen.“

Effektiv und preiswert

Die 51-jährige Heilpädagogin bedauert, so spät von der Methadon-Therapie erfahren zu haben. Sie wisse, Methadon allein helfe nicht, aber die Behandlung damit bringe die Hoffnung zurück. „Jeder Krebskranke und seine Angehörigen klammern sich doch an jeden Strohhalm.“ Nicht nur sie fragt sich, warum die Pharmaindustrie die neuen Erkenntnisse über den Wirkstoff nicht weiter erforscht. Ein Grund mag sein, dass Methadon nicht mehr patentfähig und die Finanzierung von Studien somit nicht rentabel genug erscheint. „Das Verhältnis der Kosten von Methadon zu den anderen Opioiden liegt bei 1 zu 10“, sagt Dr. Hilscher. „Es ist effektiver und eben preiswerter.“ Dass es bislang so wenig eingesetzt wird, ist für ihn „eine Frage des Wissens“. Katrin Eickbaum weiß es jetzt: „Die vier Wochen, die meine Mutter noch gelebt hat, waren ein Geschenk.“

Hiltrud Giebel ist am 8. Februar in diesem Jahr gestorben.

Rainer Just aus Issum, Kreis Kleve, will mit einer Online-Petition die Forschung über Methadon in der Krebsbehandlung forcieren. Sie richtet sich an den Petitionsausschuss im Bundestag und fordert, „dass Methadon endlich zur Krebsbekämpfung angewendet wird“. Der Initiator Just verlor seine Lebensgefährtin durch eine Krebserkrankung. Bislang haben 19 060 Frauen und Männer unterschrieben. Zu finden ist die Petition im Netz unter der Adresse: openpetition.de/petition/online/methadon-in-der-krebsmedizin

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