Bierszene

Millioneninvestition in „0,0“ zahlt sich für Veltins aus

Brauingenieur Peter Peschmann hat die sechs Millionen Euro teure Anlage maßgeblich mitentwickelt, in der bei Veltins gebrautem Bier durch Umkehrosmose der Alkohol entzogen wird, ohne dass wichtige Aromastoffe verloren gehen.150.000 Hektoliter können damit jährlich produziert werden. Foto:MATTHIAS GRABEN

Brauingenieur Peter Peschmann hat die sechs Millionen Euro teure Anlage maßgeblich mitentwickelt, in der bei Veltins gebrautem Bier durch Umkehrosmose der Alkohol entzogen wird, ohne dass wichtige Aromastoffe verloren gehen.150.000 Hektoliter können damit jährlich produziert werden. Foto:MATTHIAS GRABEN

Meschede.   Peinlich war gestern: Während der Bierabsatz in Deutschland schrumpft, gewinnt Alkoholfreies Marktanteile. Veltins sieht die Zukunft im „0,0“.

Die Deutschen sind immer noch eine Biertrinkernation. Keine Frage. Aber irgendwie ändern sich die Zeiten doch. Beim Pils in der Premiumliga etwa tobt zunehmend ein Verdrängungswettbewerb, den die Durstigen im Getränkemarkt mit dem sicheren Blick für das Sonderangebot goutieren. Das eigentliche Indiz für Sinneswandel beim Verbraucher ist aber ein anderes: Alkoholfreies erlebt einen ungeahnten Höhenflug.

Eine Erfindung aus Ostdeutschland

Die Kiste wird nicht mehr heimlich im Dunkeln gekauft und auch auf Partys wird niemand mehr mitleidig angeblickt oder gar für krank gehalten, der sich den Abend über ohne Alkohol vergnügt, selbst wenn er nicht mehr ans Steuer muss. Die Sauerländer Brauerei Veltins hat bereits seit 20 Jahren Alkoholfreies im Programm und war damit sogar „spät dran“, wie Sprecher Ulrich Biene erinnert.

Schon in den 70ern machte das „Aubi“ in Ostberlin Furore. Der Brauer Ulrich Wappler hatte das Autofahrer-Bier, eben kurz Aubi, für die VEB Engelhardt entwickelt, damals Ostdeutschlands größte Brauerei. 1972 wurde es auf der Messe in Leipzig vorgestellt. Mit der Wende kam 1990 das Ende für die Brauerei.

Volumenprozent und Promille

Im Westen sorgte, deutlich später als das „Aubi“, das Clausthaler dafür, dass alkoholfreies Bier bekannt wurde. Richtig Geschmack gefunden haben die Kunden vielleicht erst mit Erdingers alkoholfreiem Weiß- oder Weizenbier.

Es gibt verschiedene Verfahren, um Alkoholfreies herzustellen. Üblich war es auch bei Veltins bis vor einem Jahr, einem „echten“ Bier nach und nach durch Filtration den Alkohol, den wesentlichen Geschmacksträger, zu entziehen. Und dabei leider auch reichlich Aromen zu verlieren, um schließlich ein Getränk zu erhalten, das unter der magischen Schwelle von 0,5 Volumenprozent Alkohol bleibt und sich damit alkoholfrei nennen darf.

Aber so richtig trauten viele Kunden dem Bier als makellosem Erfrischungsgetränk noch nicht. Es könnte an dem Missverständnis liegen, dass 0,5 Volumenprozent Alkohol vielleicht irgend etwas mit Promille Alkohol im Blut zu tun hätten. „Es ist auch ein bisschen die Schuld von Verbraucherverbänden“, sagt Veltins-Marketingdirektor Herbert Sollich: „Dabei hat Fruchtsaft ähnlich viel Alkohol wie herkömmliches alkoholfreies Bier.“ Sozusagen eine „banane“ Diskussion – die gelbe Baumfrucht trägt umgerechnet angeblich sogar 0,6 Prozent Alkohol in sich.

Als Rest bleibt Wasser-Alkoholsuppe

Die Eifelbrauerei Bitburger setzte dem Spuk ein Ende mit der Einführung eines echten „0,0“. Auf diesen Zug ist seit einem Jahr auch Veltins gesprungen. „Das ist jetzt Stand der Technik und wird sich durchsetzen“, ist Sollich sicher.

Sechs Millionen Euro wurden in eine neue Anlage in Grevenstein investiert. Eine Eigenentwicklung, an der Produktionschef Peter Peschmann eine ganze Weile getüftelt hat. Nicht jedes Detail soll verraten werden, um die Konkurrenz nicht auf den Geschmack zu bringen. Denn auf den sind sie schon einigermaßen stolz. Nur so viel: „Das neue Verfahren funktioniert mit einer besonderen Membrantechnik. Es hält die Bieraromastoffe zurück und lässt den Alkohol nach und nach verschwinden“, erklärt Peschmann. Übrig bleibt eine Wasser-Alkoholsuppe auf der einen und schmackhaftes Pils auf der anderen – mit 0,05 Volumenprozent flüchtigen Alkoholspuren, also quasi nichts. Ein Jahr lang haben der Brauingenieur Peschmann und sein Entwicklungsteam im Geheimen getüftelt, bis alles passte. Dann wurde die Anlage aus Edelstahl gebaut. Über insgesamt 4500 Quadratmeter Membranfläche verfügt die Entalkoholisierungsanlage, die nach dem Prinzip der Umkehrosmose funktioniert, also unter Hochdruck.

So wird das 0,0 bei Veltins in Grevenstein gebraut.
So wird das 0,0 bei Veltins in Grevenstein gebraut.

Rund 150.000 Hektoliter Alkoholfreies können damit pro Jahr hergestellt werden. Steigt der Bedarf noch deutlich weiter, wird die Anlage flott vergrößert.

Der 48-jährige Peschmann hat das Brauen von der Pike auf gelernt. Ist heute Diplom-Ingenieur für Gärungs- und Getränkeindustrie und seit zehn Jahren bei Veltins im Boot: „Für einen Ingenieur ist es schon ein interessantes Verfahren“, sagt der Familienvater. An einem sonnigen Samstag greift er nach dem Rasenmähen dennoch lieber zu einem echten Pils: „Ich bin eben auch Brauer. Und für mich macht man seit 4000 Jahren nicht viel falsch.“ Gemessen am Gesamtausstoß bleibt Deutschland wohl noch länger eine echte Biertrinkernation und Alkoholfreies vorerst noch ein Nischenprodukt im Aufwind.

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