NRW-Mobilitätsforum

Mobilität der Zukunft: „Wozu brauchen wir noch ein Ticket?“

Wie sieht die Fortbewegung der Zukunft aus? Das diskutierten Experten auf dem ersten NRW-Mobilitätsforum in Bielefeld.

Wie sieht die Fortbewegung der Zukunft aus? Das diskutierten Experten auf dem ersten NRW-Mobilitätsforum in Bielefeld.

Foto: Sascha Kertzscher

Bielefeld.  Beim NRW-Mobilitätsforum in Bielefeld geht es um die Zukunft der Fortbewegung in Städten und auf dem Land. Es gilt neue Wege zu beschreiten.

Der Ort ist mit Bedacht gewählt: Lokschuppen heißt das Gebäude in Bielefeld, in dem die Veranstaltung stattfindet. Früher standen dort Lokomotiven, heute sind die Hallen eine angesagte Szenerie für Partys oder Seminare. Vor der Tür steht ein alter Zug. Grünspan nagt an ihm, als gelte es ein passendes Symbol zu erfinden für diesen Tag. Denn es geht um die Zukunft der Mobilität und die Fehler der Vergangenheit. Um Stillstand bei entscheidenden Themen. Um die Frage, wie zeitgemäß das ist, was die Menschen im Land Fortbewegung nennen.

Das NRW-Mobilitätsforum feiert an diesem Tag seine Premiere. Das Besondere: Erstmals präsentieren sich die drei Verkehrsverbünde in NRW als Einheit. Der Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) Seite an Seite mit dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und dem Nahverkehr Rheinland (NVR). Ein Signal dafür, dass die Zeichen der Zeit zumindest verstanden worden sind. Anwesend ist unter anderem Landesverkehrsminister Hendrik Wüst. Er und andere diskutieren vor 350 Anwesenden aus der Branche die Probleme und die Lösungsansätze.

Mut zu neuen Wegen

Es gibt tatsächlich Kommunen, die den Mut haben, neue Wege zu gehen, die es auf einen Versuch ankommen lassen, um aus dem „Weiter-wie-bisher“ auszubrechen und Anreize zu schaffen, das Auto stehen zu lassen oder gar nicht erst anzuschaffen. Beispiele gefällig?

Augsburg: Dort gibt es seit Anfang November eine kleine (79 Euro) und eine große (109) monatliche Flatrate für verschiedene Möglichkeiten in der Stadt. Das große Paket beinhaltet die Nutzung eines Carsharing-Autos für bis zu 30 Stunden im Monat, bis zu 30 Minuten Leihradnutzung am Stück, sowie die kostenfreie Nutzung des Nahverkehrs.

Busfahren zum Nulltarif an Samstagen

Bocholt: Wegen des wachsenden Einkaufsverkehrs bietet der Ort im Münsterland Busfahren zum Nulltarif an Samstagen an. Ein Jahr lang dauert die in NRW erste derartige Testphase. Man rechnet mit Einnahmeverlusten von 50.000 Euro.

Münster: Seit den 60er Jahren hat sich die Kommune den Ruf als Vorzeigestadt des Fahrradverkehrs erarbeitet. Liegt auch an der günstigen Topographie. Aber es sind auch mutige Entscheidungen getroffen worden: Fahrradstraßen wurden errichtet, in die Autos zwar fahren dürfen, in denen sie sich aber nachrangig bewegen und deshalb sehr langsam. Ergebnis: 40 Prozent des Verkehrs findet auf dem Fahrrad statt.

Das erinnert an Kopenhagen, eine Stadt, die sich 2009 auf den Weg machte. „Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden“, sagt Brigitte Bundesen Svarre in Bielefeld. Sie arbeitet für die international tätige städtebauliche Beratungsfirma Gehl, die Kommunen wie Kopenhagen nah am Menschen umbaut: Lebendig, attraktiv, nachhaltig, sicher, gesund sollen die Orte sein.

Autos aus der Innenstadt verbannt

Autos wurden in Kopenhagen aus der City verbannt, Fußgängerzonen, Parks und Spielplätze geschaffen, Radwege verbreitert und mit einer grünen Welle ausgestattet, Bürgersteige ebenfalls vergrößert. Der Widerstand der Händler war groß, weil sie fürchteten, dass niemand mehr käme. Doch der Zulauf ist größer denn je. Weil es einfach schön da ist.

In Deutschland sind 47 Millionen Autos zugelassen. Auf dem Land, rechnet Prof. Dr. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin vor, kämen auf 1000 Einwohner 800 Autos. „Babys mitgezählt“, sagt der gebürtige Siegener. „Wenn ich zu meinem Kumpel nach Freudenberg fahre, dann werde ich an so vielen verstopften Straßen vorbeigelotst, als führe ich nach Sao Paulo rein.“ Er beklagt, dass die Gesetze den Fortschritt noch immer behindern, weil sie aus Zeiten stammen, die das Auto in den Mittelpunkt rückten. Und er hält das Fahrkartensystem des ÖPNV für veraltet. „Nicht nur bei den jungen Leuten ist es doch so: Alles, was auf dem Smartphone steht, gilt. Und umgekehrt: Alles, was auf dem Smartphone nicht verfügbar ist, hat auch keine Relevanz. Warum brauchen wir noch eine Fahrkarte?“ Einsteigen, über Tarifgrenzen hinaus fahren zum gleichen Preis, aussteigen, automatisch bezahlen. Das sei die Zukunft.

Großstädte als Maßstab

Aber ist sie das auch dort, wo Busse und Bahnen nur selten fahren? Auf dem Land nämlich. „Im Hochsauerlandkreis sind andere Herausforderungen zu bewältigen als zum Beispiel in Düsseldorf“, mahnt Thomas Hendele, Präsident des Landkreistages NRW: „Die Entfernungen sind nicht vergleichbar, aber ich habe den Eindruck, dass sich diese Diskussion zumindest in der Öffentlichkeit sehr an der Großstadt orientiert.“

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