Sachbuch

Münte wird persönlich, aber nicht privat

Franz Müntefering wollte nie ein Buch schreiben. Mit 79 Jahren hat er es doch getan.

Franz Müntefering wollte nie ein Buch schreiben. Mit 79 Jahren hat er es doch getan.

Foto: SPD

Hagen.   Franz Münteferings Buch „Unterwegs“ ist ein Rückblick aufs eigene Leben und aufs Land. Und ein Ratgeber fürs Altern.

79 Jahre ist Franz Müntefering nun alt. Jetzt erscheint sein erstes Buch. Auf der Olympia-Schreibmaschine getippt. Drei bis vier Seiten habe er pro Tag geschafft, erzählt er. Am Computer wären es wahrscheinlich zehn. Aber ob die dann auch so gut seien? Für sein Gefühl werde viel zu viel geschrieben, meint der Sauerländer. Da sei ihm zu viel Exhibitionismus dabei. Den kann man ihm gewiss nicht vorwerfen: In „Unterwegs. Älterwerden in dieser Zeit“ (Verlag J.H.W. Dietz, 224 Seiten, 22 Euro) wird er zwar persönlich, nicht aber privat.

Wie das geht? Etwa so: „Papa war mit Rommel im Süden. Besser da als gegen die Russen vor Stalingrad, wohin er gemusst hätte, wäre ich nicht im Januar 1940 zur Welt gekommen. Ich denke: Krieg ist Krieg, aber auch im Krieg ist warm besser als eiskalt.“ Knappe Sätze, klare Aussagen. Wie gewohnt.

Dostojewski im Nachtprogramm

Dann ist der Krieg vorbei und die Amis kommen mit Kaugummi. „Sie sagten ‘Fackingbasta’ zu uns und wir grüßten sie so zurück. Darüber freuten sie sich und lachten.“ Die Familie erwägt eine Auswanderung nach Amerika, aber der Vater, der im Juni 1946 aus der Gefangenschaft kommt, würde als Industriearbeiter Beschäftigung finden, ist er sich sicher. Und ab 1949/50 gibt es auch wieder hinreichend zu essen.

Mit 14 geht Franz von der Volksschule in Sundern ab, lernt Industriekaufmann in einem kleinen metallverarbeitenden Betrieb und bleibt dort.

1961 muss er zur Bundeswehr. Da hat er schon angefangen zu lesen. „Wir hatten zuhause keine Bücher, außer Gesangbücher für den Kirchgang.“ Und jetzt: Böll, Tucholsky, Brecht, Kafka. Dostojewski im WDR-Nachtprogramm. Er stopft alles in sich hinein. Er stellt fest: Es gibt noch eine andere Welt. Und er wählt SPD. Erstmals 1961. 1965 noch einmal. Es reicht nicht für Willy Brandt. Das reicht ihm. Der ehemalige Messdiener und Pfarrjugendführer tritt 1966 ein.

Da sind Sozialdemokraten im Sauerland Exoten. Und Juso-Chef Müntefering (er ist der einzige), lädt in die einzige Gaststätte, die Sozialdemokraten in ihrem Haus tagen lässt: „Respekt, Café Lange.“1969 zieht er mit drei weiteren jungen Genossen unter 30 in den Rat ein. „Einer hatte Abitur. Ich bekanntlich nicht. Heute hätten wir alle vier das Abitur, aber keiner wäre – wahrscheinlich – mehr vor Ort.“

Ab 1975 im Bundestag

1975 zieht er als Nachrücker in den Bundestag ein – und bleibt dort bis 2013. Zwischendrin ist er Minister, Fraktionsvorsitzender, zweimal Parteichef. In der Zeit entstehen die Hartz-IV-Gesetze, die Agenda 2010, die Rente mit 67 wird beschlossen. Im Grundsatz steht Müntefering noch immer dazu. Und vom bedingungslosen Grundeinkommen hält er auch wenig: „Bevor immer größere Kreise der Gesellschaft sich in ein Wunschdenken verlieren, sollte besser die Diskussion um die (partielle) Kürzung der Wochenarbeitszeit – bei vollem Lohnausgleich – verstärkt werden. Denn das ist eine bessere Perspektive und keine neue, sondern eine bewährte.“

Der ehrenamtliche Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren kartet nicht nach. Er verzichtet auf Abrechnungen. Mit einer Ausnahme: Oskar Lafontaine. „Ohne seine Grätsche hätten wir mit Gerhard Schröder noch ein gutes Jahrzehnt soziale und demokratische Politik machen können.“

Zuversicht statt Optimismus

Und wie geht es weiter? Müntefering ist kein Optimist: „Optimismus setzt auf Schicksal und Naturnotwendigkeit, auf abwarten und Glückhaben, auf Dusel.“ Aber er ist zuversichtlich, dass es Menschen gibt, die die Chance zum Gestalten nutzen. Demnach gilt: „Die Vernünftigen jedes Alters müssen sich unterhaken und die Demokratie lebendig halten.“

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