Corona

Corona: Mutter-Vater-Kind-Kliniken wieder in großer Not

Mutter-Kind-Kur: Zeit füreinander zu haben fernab vom sonstigen Wohnumfeld, kann die Familiensituation wieder stabilisieren.

Mutter-Kind-Kur: Zeit füreinander zu haben fernab vom sonstigen Wohnumfeld, kann die Familiensituation wieder stabilisieren.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Brilon.  Seit dem 30. September stehen Mutter-Vater-Kind-Kliniken nicht mehr unter dem Rettungsschirm des Bundes. Eine existenzbedrohende Situation.

Die Corona-Pandemie hat die Mutter-Vater-Kind-Einrichtung Talitha im nordhessischen Bad Wildungen, 45 Kilometer von Hallenberg im Hochsauerland entfernt, in der vergangenen Woche mit voller Wucht erwischt. 27 kurende Frauen und Kinder sowie vier Mitarbeiter wurden positiv getestet, das zuständige Gesundheitsamt schloss das Haus in Trägerschaft des Caritasverbandes Brilon umgehend.

Alle Familien – sämtliche befanden sich in der zweiten Kurwoche – wurden nach Hause geschickt, alle Mitarbeiter gehen für 14 Tage in Quarantäne. Die nächste Kurgruppe musste daher bereits wieder ausgeladen werden.

Bund hätte 60 Prozent der Ausfallkosten getragen

„Kann eine komplette Kurmaßnahme corona-bedingt nicht stattfinden, fehlen uns 330.000 Euro“, sagt Vorstand Heinz-Georg Eirund. Ein horrender finanzieller Verlust, für den niemand aufkommt. Denn: „Am 30. September ist der Rettungsschirm für Mutter-Vater-Kind-Kuren ausgelaufen, der uns gerade vor solchen Situationen schützen sollte – 60 Prozent der Ausfallkosten sollten in solchen Fällen vom Bund mitgetragen werden.“

Drei Monate im Frühjahr geschlossen

Die Caritas Brilon ist auch Träger der Mutter-Vater-Kind-Einrichtung St. Ursula in Winterberg. Eirund schlägt Alarm: „Wir und die anderen mehr als 70 Rehabilitations- und Vorsorgekliniken des Müttergenesungswerks befinden sich nach der dreimonatigen Schließung zu Beginn der Corona-Pandemie schon wieder in einer existenzbedrohenden Situation. Müssten Häuser für immer schließen, wären Familien die großen Leidtragenden.“ Die Einnahmeseite sei in den vergangenen Jahren nicht so üppig gewesen, dass man große Rücklagen hätte aufbauen können.

Auch die Katholische Arbeitsgemeinschaft Müttergenesung (KAG) – der größte Trägerzusammenschluss im Müttergenesungswerk – sieht den Fortbestand der Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen akut bedroht: „Die Belegung ist äußerst fragil. In dieser schwierigen Situation sind die Kliniken seit dem 1. Oktober ausschließlich auf sich alleine gestellt“, so KAG-Bundesvorsitzende Lucia Lagoda.

Einrichtungen fast noch nie so wertvoll wie heute

Das Müttergenesungswerk als Dachverband forderte schon eine Verlängerung des Rettungsschirms bis zum 31. März 2021. „Das würde schon einmal helfen“, sagt Heinz-Georg Eirund“, aber eigentlich müsste es eine Absicherung bis zum Ende der Corona-Pandemie geben.“

Dabei waren die Einrichtungen fast noch nie so wertvoll wie heute. Homeoffice, Homeschooling, Arbeitsplatzsorgen und sonstige Ungewissheiten rund um das Corona-Virus haben viele Familien an die Grenzen der Belastung gebracht. „Der Bedarf ist da. Unsere Mitarbeiter in den Kliniken haben uns wiederholt berichtet, dass Familien während ihrer Kur wieder an Stabilität gewonnen haben.“

Die Nachfrage sei groß, „in unseren beiden Einrichtungen in Winterberg und Bad Wildungen hatten wir nahezu Vollauslastung“, so Eirund. Es sei, findet der Vorstand der Caritas Brilon, auch eine familienpolitische Frage, ob man Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen unter den Rettungsschirm nimmt.

Ministerium: Regelbetrieb möglich

Das Bundesgesundheitsministerin begründet die Nicht-Verlängerung des Rettungsschirms damit, dass in Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen grundsätzlich der Regelbetrieb wieder möglich sei und empfiehlt, über Risiken wie Kurabsagen und -abbrüche in den Tagessatz-Verhandlungen mit Krankenkassen zu verhandeln.

Abgesehen davon, dass ein Corona-Ausbruch wie aktuell in Bad Wildungen einen Regelbetrieb in weite Ferne erscheinen lässt – „die Kassen sehen unsere Not, verweisen aber darauf, dass ihnen entsprechende Regelungen aus rechtlichen Gründen nicht möglich seien“, sagt Eirund und formuliert das Dilemma so: „Es gibt keine Klarheit, wer für Klarheit sorgt.“

Rettungsschirm für Reha-Kliniken im Bereich der Rentenversicherungsträger verlängert

Zumal beispielsweise der Rettungsschirm für Reha-Kliniken im Bereich der Rentenversicherungsträger nach dem 30. September verlängert wurde. „Das ist völlig richtig. Aber keiner versteht doch, dass Mutter-Vater-Kind-Kliniken rausgefallen sind“, so Eirund.

Sollte sich die Situation nicht ändern, bleibt dem Caritas-Vorstand zufolge Kurzarbeit die einzige Möglichkeit, um Kosten zu senken. „Aber das wäre ein Schlag ins Gesicht unserer Mitarbeiter, die in der Corona-Pandemie Großartiges leisten.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben