Orkan

„Nach Kyrill gab es keine Gewinner“

Waldbauer Bernward Lösse (Balve) im Februar. „Wenn ich meinen Wald sehe, kommen mir die Tränen.“

Waldbauer Bernward Lösse (Balve) im Februar. „Wenn ich meinen Wald sehe, kommen mir die Tränen.“

Foto: Bodo Goeke

Neuenrade.   Vor zehn Jahren wütet Kyrill über Südwestfalen. Die Auswirkungen der größten Naturkatastrophe des Landes sind bis heute spürbar. Bilanz in Zahlen.

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Leise rieselt der Schnee auf junge Buchen. Im Auge des Orkans ist es erstaunlich still. Vor knapp zehn Jahren wütete Kyrill in Südwestfalen. Auf dem 514 Meter hohen Kohlberg in Neuenrade stand nach dem 18. Januar 2007 keine Fichte mehr. Das Regionalforstamt Märkisches Sauerland verlor in drei Stunden so viel Holz, wie normalerweise in zehn Jahren gefällt wird. Diesen Ort haben der Landesbetrieb Wald und Holz und NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) zur Kyrill-Bilanz ausgewählt.


13 Baumarten stehen heute auf der Kyrillfläche am Kohlberg. Vorher wuchsen auf diesen 15 Hektar lediglich Fichten, die nach dem Krieg gepflanzt wurden. Der Anteil des Laubwaldes ist seit 2007 in den NRW-Wäldern von 7 auf 47 Prozent gestiegen. „Die Mischwälder sind klimastabiler“, sagt Umweltminister Johannes Remmel (Grüne).


25 Millionen Fichten. Von 15,7 Millionen Festmeter Sturmholz in NRW waren 95 Prozent Nadelhölzer – und darunter 25 Millionen Fichtenbäume. Da es vorher geregnet hatte, war der Boden weich. Der Orkan warf die Stämme deshalb meist samt Wurzel um, nur wenige knickten ab. „Deshalb war die Qualität des Holzes meist gut“, sagt Balves Förster Richard Nikodem.

1 Nacht ohne Strom. Johannes Remmel erinnert sich genau an die Kyrillnacht. Die A4 war unpassierbar, die Nacht verbrachte er deshalb nicht zu Hause in Siegen, sondern in einem Hotel – ohne Strom. Das Krisenmanagement der damaligen schwarz-gelben Landesregierung kommentiert Remmel nicht. Nur die Klausner-Verträge, in denen die Regierung langfristige Holzlieferverträge zu Festpreisen mit dem österreichischen Sägeunternehmen Klausner vereinbarte, kritisiert der Minister: „Die Konsequenzen tragen wir bis heute.“

93 Euro pro Festmeter. Der Leitpreis für Nadelholz liegt aktuell bei 93 Euro. Vor Kyrill lag er bei 84 Euro. Nach Kyrill fiel der Preis auf 60 Euro – die aufwändige Aufarbeitung in den Sturmwäldern nicht eingerechnet.

125 000 Festmeter. Allein im Regionalforstamt Märkisches Sauerland fehlt seit Kyrill das Holz für 30 Jahre. Pro Jahr werden 125 000 Festmeter weniger geerntet. Der Schaden liegt bei 3,5 Millionen Festmetern. „Daran hängen auch Arbeitsplätze. Nach Kyrill gab es keine Gewinner“, bilanziert Jörn Hevendehl, stellvertretender Leiter des Regionalforstamtes Märkisches Sauerland.


4 Förster von 16 fielen nach Kyrill allein im damaligen Forstamt Lüdenscheid aus. Burnout. Die Belastung sei enorm gewesen, die Landesförster mussten zwischen vielen Parteien vermitteln. „Schlaflose Nächte und Überstunden waren über eine lange Zeit an der Tagesordnung“, sagt Bernd Josef Schmitt, Leiter der Forstamtes Märkisches Sauerland.

7 Harvester arbeiteten für sechs Monate gleichzeitig im Balver Forst. Harvester sind Erntemaschinen, die das Holz auch in unwegsamen Gelände verarbeiten können. Die Balver arbeiteten hauptsächlich mit Spezialisten aus Finnland zusammen. Ein Harvester-Tag kostete 1000 Euro.

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