Vor 50 Jahren

Neu, anders, merkwürdig: Als Kraftwerk 1970 in Soest auftrat

Die Band Kraftwerk im November 1970 bei einem Auftritt im Karussell der Jugend in Soest.

Die Band Kraftwerk im November 1970 bei einem Auftritt im Karussell der Jugend in Soest.

Foto: Screenshot / WDR

Soest/Hagen.  Im beschaulichen Soest entsteht vor 50 Jahren der erste Live-Mitschnitt der später weltbekannten Band Kraftwerk. Ihr Stil verstört aber damals.

Furchtbar sei das damals gewesen, sagt Willy Cosmann (65). Ganz furchtbar. Er denkt sich zurück, wie er auf dem Holzboden in einem riesigen Zelt sitzt, in dem sich viele Menschen die kalte Luft teilen. Direkt vor ihm auf der Bühne: Drei Männer, die Musik machen. Merkwürdige Musik. Vielleicht auch einfach nur Geräusche, die aus schlecht geregelten Boxen schrebbeln. Weiß der Henker.

Was da gerade anfängt – für die Männer, für die Musik, für ihn selbst – das ahnt der Soester nicht.

Furchtbar, sagt er wieder.

Dann fügt er an: „Ich bin stolz, dass ich damals dabei gewesen bin.“

Zeugen einer Revolution - ohne es zu wissen

Es ist ein Novemberabend 1970, exakt 50 Jahre her, an dem ein kleines Stück Musikgeschichte geschrieben wird in Soest , diesem hübschen, überschaubaren Städtchen mit seinem historischen Marktplatz, dem Kopfsteinpflaster und den Fachwerkhäusern. Dort, wo Bewährtes noch heute seinen Platz hat, entstehen die ersten Live-Bilder einer beginnenden Revolution . Der Sound dazu ist fast verstörend.

Die Band „Kraftwerk“ aus Düsseldorf – im gleichen Jahr gegründet und noch recht unbekannt – tritt im Karussell der Jugend auf, einem Zelt, das einige Jahre lang während der Allerheiligenkirmes aufgebaut wurde, um die Jugendlichen mit Musik und Kleinkunst vom Rummel fernzuhalten. Das Fernsehen (WDR) ist Kooperationspartner und überträgt live.

New York Times: Kraftwerk sind die Beatles der elektronischen Tanzmusik

So entsteht der erste Live-Mitschnitt eines Kraftwerk-Auftritts, einer Band, die es zu einigem Ruhm brachte, die die Musikszene veränderte, die von der New York Times einst als Beatles der elektronischen Tanzmusik geadelt wurde, die 2014 mit dem Grammy für ihr Lebenswerk – der höchsten Weihung in der Musikwelt – ausgezeichnet wurde. Willy Cosmann und sein Kumpel Detlef Böttcher sehen sie als einer der Ersten. Als Musik mehr war als stets verfügbares Material bei Deezer, Spotify, Napster oder Apple Music .

„Wir waren dankbar für alles, was wir kriegen konnten“, sagt Cosmann, der damals 15 Jahre alt ist. Zu jung, um Einlass (ab 16) gewährt zu bekommen, „aber wen kümmerte das damals schon“, sagt er. Die Haare würde er gern länger tragen, wie es viele seiner Freunde tun. Ein Zeichen der Unangepasstheit, der Rebellion gegen das Erwachsensein und dessen Bewährtheiten. Die Eltern verbieten es.

Probehören im Plattenladen in Soest

Dann wenigstens andere Musik hören. Die Beatles und die Rollig Stones sind angesagt, aber alles, was abseits liegt, ist fast noch besser. „Wir haben alles aufgesogen, was mit progressiver Musik zu tun hatte“, sagt Cosmann. Bei Radio Westbrock, einem Plattenladen in Soest, haben sie früher einen Probehörraum gehabt, in den man so gerade zu zweit hineinpasst. Dort legen sie die neusten Scheiben auf, bis die Verkäuferinnen die Jungs nach einer halben Stunde oder Stunde hinauswerfen. Denn Geld, um die Platten zu kaufen, haben sie ja nicht. Und wenn, dann spart man für eine Anlage. „Wenn du eine mit 100 Watt hattest, warst du der Größte“, sagt Böttcher. Die beiden Freunde fahren damals zu jedem möglichen Konzert in der Gegend. Wer einen heißen Band-Tipp hat, der abseits des Bravo-Spektrums liegt, wird fast schon bewundert.

Wie aus dem Musiklabor

Deswegen musste man ja auch im Karussell der Jugend dabei sein. „Egal, wie der Abend wurde: In den nächsten Wochen wurde auf dem Schulhof nur darüber gesprochen“, erinnert sich Cosmann. „Das war unsere Veranstaltung, unser Event. Wir hielten uns für was Besseres als die Erwachsenen.“ Immer auf der Suche nach etwas Neuem und Anderem. Aber so neu? So anders?

Die alten Aufnahmen des WDR sind bei Youtube zu sehen: Ein Zelt voller Menschen, drei Männer auf der Bühne, einer am Synthesizer, der andere am Schlagzeug, ein weiterer mit einer Flöte. „Das sah alles sehr amateurhaft aus“, erinnert sich Cosmann. „Und dann haben sie minutenlang irgendwelche Melodiethemen wiederholt.“ Als spiele jemand sehr geduldig Didgeridoo auf einen vorgegebenen Rhythmus. Experimentell. Töne aus dem Versuchslabor. Der Anfang der elektronischen Musik.

Inspiration für internationale Stars

Ein Stil, dem die Band treu bleibt. In Soest aber blicken sie in zum Teil mindestens erstaunte Gesichter: Eine junge Frau sucht im Publikum nach einem erwidernden Blick, als wollte sie fragen: echt jetzt? Ein anderer hat den Kopf in seine Handinnenflächen gelegt, als gehöre dies dazu, wenn man sich auf die Musik einlassen will. Cosmann und andere nicken zögerlich zur Musik. „Kraftwerk war etwas völlig anderes auf einmal. Ganz neue Klänge, ganz neue Töne“, sagt Böttcher: „Dolle fand ich es nicht. Aber ich habe gedacht: Lass sie mal machen.“

Aber es sind Abende wie dieser in Soest, die etwas ausgelöst haben. Die Band Kraftwerk zog weiter, begründete den Elektro-Pop , machte später Welttourneen und beeinflusste offenbar mit ihrem Stil Dutzende Künstler, darunter David Bowie, Dr. Dre, Depeche Mode, Duran Duran, Alphaville, Rammstein . Und aus Willy Cosmann und Böttcher wurden Musikliebhaber. Bis heute.

„Für mich waren diese Abende sehr wichtig. Auch wegen dieser Vergangenheit bin ich Schlagzeuger geworden.“Er hat ein altes Kino gekauft, das als Veranstaltungsstätte taugt. Er kann jetzt mit dem Gitarristen Böttcher auf seiner eigenen Bühne spielen. Cosmanns Sohn? Ist Musiker in einer Band. Sein Enkel? Spielt Schlagzeug. „Drei Generationen…“, sagt Cosmann und spricht seinen Satz nicht zuende. Weiß ja jeder, was gemeint ist: das Gegenteil von furchtbar.

<<< Hintergrund >>>

Die Düsseldorfer Band Kraftwerk gründete sich 1970. In Soest trat sie kurz danach in der Besetzung Ralf Hütter, Florian Schneider und Klaus Dinger auf.

1974 brachte die Band das Album Autobahn heraus. Das Titellied ( „Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“ ) schaffte es sogar in die US-amerikanischen und britischen Charts und bleibt eines der erfolgreichsten Stücke der Band, die als einer der einflussreichsten der vergangenen Jahrzehnte betrachtet wird.

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