Corona

Neuer Grenzwert: Wie fern ist für Region erneuter Lockdown?

Wie hier in Lüdenscheid werden deutschlandweit viele Tests durchgeführt.

Wie hier in Lüdenscheid werden deutschlandweit viele Tests durchgeführt.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Corona: Bei 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen droht lokal das Ende von Lockerungen. So ist die Lage in unseren Kreisen.

Es ist der Wert, auf den jetzt viel geschaut wird, der auch viel diskutiert werden wird: Die „Sieben-Tages-Aktivität“ der Corona-Infektionen könnte zumindest in einzelnen Kreisen wieder zu tiefgreifenden Maßnahmen und zur Rücknahme der gerade erst eingeleiteten Lockerungen im öffentlichen Leben führen. Wie nah wir in unserer Region an solch einem Szenario sind:

Was besagt die neue Regelung?

Wenn binnen sieben Tagen mehr als 50 neue Infektionen mit dem Coronavirus pro 100.000 Einwohner in einer kreisfreien Stadt wie Hagen oder einem Landkreis registriert werden, dann müssen dort vor Ort Maßnahmen ergriffen werden, um die Ausbreitung einzudämmen. So haben es am Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten vereinbart. Doch was das konkret bedeutet, dass wissen die örtlichen Gesundheitsämter nicht. Noch gebe es keine Ausführungen, Weisungen oder Erlasse – so die übereinstimmende Antwort auf eine Umfrage der WESTFALENPOST. Wann dies geschehen wird, ist unklar. Eine Anfrage der WP beim NRW-Gesundheitsministerium blieb bislang unbeantwortet.

Wie sehen die werte aktuell in der Region aus?

Von der Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen sind alle Kreise und kreisfreien Städte im Regierungsbezirk Arnsberg derzeit weit entfernt: Das gilt auch für die beiden „Spitzenreiter“, den Kreis Olpe (20 Neuinfektionen) und Hagen (14 Neuinfektionen), in denen die Ausbreitung derzeit am aktivsten ist. In allen anderen Städten und Kreisen liegt die Zahl im einstelligen Bereich.

Und auch in der Rückschau auf die vergangenen Wochen wäre die jetzt neu aufgelegte Marke wohl nie gerissen worden. Beispiel Kreis Siegen-Wittgenstein: „50 neue Infizierte pro 100.000 Einwohner würde für uns bedeuten, dass sich bei 280.000 Einwohnern 140 Personen pro Woche anstecken müssten“, sagt Kreissprecherin Jana Schröder. „Im Maximum hatten wir bislang aber etwa 70 Personen pro Woche.“ Ähnlich im Hochsauerlandkreis: Bei rund 260.000 Einwohnern müsste es zu 136 Neuinfektionen innerhalb einer Woche kommen, um neue Maßnahmen auszulösen. Diese Zahl, so Dr. Peter Kleeschulte, der Leiter des Kreis-Gesundheitsamtes, sei bislang nie erreicht worden. Auch nicht zu Beginn der Pandemie, als das Hochsauerland stark betroffen war.

Was geschieht, wenn der Grenzwert überschritten wird?

Das Überschreiten der neuen Obergrenze bei den Neuinfektionen scheint in der Region also bislang in weiter Ferne zu sein. Und auch wenn sie erreicht wird, sehen die Kreise und Städte keinen Automatismus, dass die Beschränkungen in den jeweiligen Kreisen wieder auf das Maß von vor dem 20. April – also dem Datum der ersten Lockerungen – zurückgefahren werden müssen. Das sagt etwa Olaf Schade, der Landrat des Ennepe-Ruhr-Kreises: „Der Krisenstab wird bei einer Steigerung der Zahlen zunächst analysieren, wo die Gründe dafür zu suchen sind.“ Dann werde man konkrete Entscheidungen treffen – schnell, aber situationsangemessen.

So sieht es auch der Kreis Olpe, der derzeit am stärksten im Regierungsbezirk Arnsberg von der Corona-Pandemie betroffen ist: „Unser Handeln wird wesentlich dadurch bestimmt sein, ob das Ausbruchsgeschehen beispielsweise auf eine einzelne Einrichtung beschränkt ist, oder ob das gesamte Kreisgebiet betroffen ist“, sagt Sprecher Hans-Werner Voß.

Ein ähnliches Denken auch im Märkischen Kreis. „Bei einem klar abgrenzbaren Infektionsgeschehen, etwa in einem Pflegeheim, kann das Beschränkungskonzept sich nur auf die betroffene Einrichtung beziehen“, so Sprecher Hendrik Klein. Wenn allerdings kein konkreter Infektionsherd identifiziert werden könne, dann müsse es für den gesamten betroffenen Kreis ein Beschränkungskonzept geben: „Eine zu kleinflächige Betrachtung ist schon vom statistischen Ansatz her nicht sinnvoll.“

Welche Rolle spielen die Gesundheitsämter?

Die Situation vor Ort genau betrachten und dann durch die Gesundheitsämter gezielt Maßnahmen ergreifen – gerade diese Vorgehensweise sieht Dr. Peter Kleeschulte, der Leiter des HSK-Gesundheitsamts als richtig an: „Das können wir sicherlich besser beurteilen als eine zentrale Stelle irgendwo“, sagt der erfahrene Mediziner. „Aber mir ist auch ganz wichtig zu betonen, wie entscheidend die zugesagte Hilfe vom Land und vom Robert-Koch-Institut ist, wenn es zu einem größeren Ausbruch kommt. Dann können wir von dort die dringend benötigte Unterstützung anfordern.“

Der Wert 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner höre sich zunächst wenig an, wenn er aber tatsächlich erreicht werde, dann sei es eine große Herausforderung, alle Infektionsketten nachzuverfolgen. Ähnlich hat dies am Donnerstag auch Kanzleramtsminister Helge Braun in der ZDF-Sendung Maybrit Illner gesagt: Der CDU-Politiker, der selbst promovierter Mediziner ist, hatte daher auch 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner vorgeschlagen, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Bei 50 seien die lokalen Behörden schon auf Unterstützung vom Bund angewiesen: „Dann brennt der Dachstuhl lichterloh.“

Wie sind die Gesundheitsämter personell aufgestellt?

Weil den Gesundheitsämtern in der Region nun so eine immense Bedeutung zukommt, sind sie in den vergangenen Wochen auch personell verstärkt worden. Innerhalb der Verwaltungen ist umgeschichtet worden, Mitarbeiter der Gesundheitsämter sind von anderen Aufgaben befreit worden. Beim Kreis Siegen-Wittgenstein sind normalerweise sieben Mitarbeiter mit dem Infektionsschutz befasst, nun sind es 60.

Im Märkischen Kreis beschäftigen sich 200 Bedienstete mit der Pandemie, das Land hat vier Mitarbeiter entsandt. Die Stadt Hagen hat das Personal des Gesundheitsamts von 40 auf rund 50 Stellen hochgefahren. Der Kreis Soest hat zum Beispiel zwei Ärzte mit befristeten Verträgen neu eingestellt. Und der EN-Kreis beschäftigt vier Studenten, die bei der Ermittlung von Kontaktpersonen helfen, im Märkischen Kreis hat der Bund hierzu drei Studenten entsendet.

Fünf Kräfte pro 20.000 Einwohner, so die Vorgabe des Landes, müssten eigentlich zur Verfügung stehen, um die Infektionsketten nachzuvollziehen. Allerdings, auch das ist eine übereinstimmende Rückmeldung aus dem Kreisen und Städten, passe man diese Vorgabe an die aktuelle Situation an. Sprich: Bei den derzeit niedrigen Zahlen erledigen sie andere Aufgaben. „Wir habe uns aber so aufgestellt, dass wir diese personelle Reserve im Bedarfsfall aktivieren können“, so Dr. Peter Kleeschulte aus dem HSK.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben