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„Nicht ins Bockshorn jagen lassen“

Der weiße Hai ist immer gut für einen Schrecken. Das Risiko, von einem angegriffen zu werden, ist allerdings verschwindend gering.

Der weiße Hai ist immer gut für einen Schrecken. Das Risiko, von einem angegriffen zu werden, ist allerdings verschwindend gering.

Foto: dpa

Dortmund.   Der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer über die Ängste der Woche, die Rolle der Gene und der Medien. „Blitzschlag wahrscheinlicher als Terror-Tod.“

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Vor fünf Jahren hat der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer seinen Bestseller „Die Angst der Woche“ (Piper-Taschenbuch für 9,99 Euro) veröffentlicht. Und noch immer heften Krämer, seine Mitarbeiter und Studenten jede Woche eine neue Panik-Meldung ans Schwarze Brett des Lehrstuhls. Start dieser Sammlung war im BSE-Jahr 2000. Macht also fast 800 Ängste.

Geht uns die Angst nie aus?

Walter Krämer: Bestimmt nicht. Aktuell haben wir dort eine Zeitungsmeldung hängen, laut der Berliner Polizisten wegen mangelnder Belüftung ihrer Schießstände stark vergiftungsgefährdet sind. Davor hatten wir Hitzschlag und Pilzvergiftungen.

Ihr langer Kampf gegen Hysterie und Panikmache ist vergeblich?

Nicht völlig. Ein Bericht, der vor ein paar Jahren davor warnte, die Choleragefahr in Deutschland habe sich verdoppelt, ohne zu erwähnen, dass die Zahl der Fälle von zwei auf vier gestiegen sei, also von praktisch nichts auf praktisch nichts, würde so wohl nicht mehr erscheinen. Seriöse Zeitungen erwähnen heute absolute Zahlen.

Aber sie sehen die Medien noch immer führend bei der Angstmache?

Es gibt eine Tendenz, Minigefahren herauszupicken und aufzublasen. Kürzlich war das so beim Zusammenhang zwischen Wurstessen und Darmkrebs. Wer täglich Wurst verzehrt, erhöht sein Risiko um 20 Prozent, hieß es. Relativ ist das korrekt, wenn von 100 Menschen fünf an Darmkrebs erkranken, von den Wurstessern sechs. Absolut ist das Risiko um ein Prozent gestiegen.

Journalisten können nicht rechnen?

Das mag im Einzelfall so sein, aber vor allem geht es darum, Sensationen und unheimliche Gefahren herauszuarbeiten.

Wir sind böse?

Solche Meldungen werden ja nachgefragt. Die Menschen empfinden eine gewisse Lust daran, sich zu gruseln, ein wohliges Gefühl beim Blick in den Abgrund. Sie bezahlen ja auch Geld für die Geisterbahn.

Sind wir Deutschen schlimmer?

Wir haben internationale Zeitungen verglichen. Dabei fiel uns auf, dass die Frankfurter Rundschau zwischen 2000 und 2010 vier mal so viele Panikmeldungen veröffentlicht hat wie der Pariser Figaro.

Woran könnte das liegen?

Es gibt dazu zwei Theorien. Erstens: Seit dem 30-jährigen Krieg, in dem ein Drittel der Bevölkerung ums Leben kam, rechnet das kollektive Unterbewusstsein der Deutschen damit, dass jeden Moment alles zu Ende sein könnte. Zweite These: Während Angelsachsen daran interessiert sind, praktische Probleme zu lösen, suchen Teutonen nach der Weltformel. Und wenn sie glauben, die gefunden zu haben, halten sie daran fest – unbeirrbar durch Tatsachen. Das gilt auch für Journalisten, die nach Fukushima die Gefahren der Radioaktivität beschworen, obwohl Erdbeben und Tsunami 20 000 Menschen getötet haben und die Kernkraft noch keinen.

Haben wir nicht Gründe, uns zu fürchten, vor Terror etwa?

Im November 2015 starben in Paris 150 Menschen. Allein an einem verlängerten Osterwochenende kommen in Frankreich genau so viele Menschen bei Autounfällen um. Die Anschläge vom 11. September 2001 haben rund 3000 Menschen das Leben gekostet. Genau so viele, nämlich anfangs rund 200 pro Monat, starben seitdem durch irrationale Verhaltensweisen als Folge davon, weil sie das Auto nahmen statt des Flugzeugs. Mir macht vor allem Angst, dass wir wegen des Terrors unsere Freiheiten einschränken.

Wir fürchten das Falsche?

Wir erregen uns über Dioxin in Eiern, Feuer fangende Haartrockner, Alzheimer durch Hochspannungsleitungen oder Hai-Angriffe. Dabei werde ich im Urlaub eher von einer Kokosnuss erschlagen als von einem Hai attackiert. Ich werde eher vom Blitz erschlagen als von einem Terroranschlag getroffen.

Wovor sollten wir uns fürchten?

Besonders gefährlich sind mit je 4000 Toten pro Jahr der Straßenverkehr und die Arbeit im Haushalt. Und mehr als 600 Menschen ertrinken jedes Jahr. 25 000 Menschen sterben jedes Jahr an Krankenhauskeimen. Und die ganz großen Killer sind Zigaretten, Alkohol und zu fettes Essen.

Warum schätzen wir die Risiken falsch ein?

Unsere Ängste sind genetisch programmiert. Die Angst vor verdorbenem Essen war in früheren Zeiten überlebenswichtig. Wenn unsere Art noch lange besteht, werden wir uns wahrscheinlich vor ungesicherten Steckdosen fürchten.

Alles Spuren der Vergangenheit?

Oft. Dass Ängste ansteckend sind, liegt am Herdentrieb, der nützlich war, als es den Zusammenhalt der Gruppe brauchte. Oder dass wir uns mehr vor menschengemachten Risiken fürchten als vor Gefahren aus der Natur. Denn gegen die waren wir früher hilflos.

Gibt es andere Mechanismen?

Risiken, die wir freiwillig auf uns nehmen, unterschätzen wir eher. Wenn mehr Menschen auf einen Schlag getroffen werden, fürchten wir uns mehr als vor Gefahren, die sich über einen längeren Zeitraum verteilen. Neue Risiken erzeugen mehr Panik als alte. Und was wir nicht verstehen, macht uns mehr Angst: Deshalb fürchten wir Krebs mehr als Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Wir sind und bleiben irrational?

Mathematische Fähigkeiten haben unserer Spezies über 99 Prozent der Menschheitsgeschichte keine Überlebensvorteile gebracht.

Das heißt?

Ich glaube nicht, dass sich unser Angstverhalten grundsätzlich ändern lässt. Aber Auswüchse und geschäftsmäßige Panikmache möchte ich entlarven. Wir sollten uns nicht zu leicht ins Bockshorn jagen lassen.

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