Energiewende

Nordrhein-Westfalen will frühen Stresstest fürs Stromnetz

Der Ausbau des Stromnetzes, der für die Energiewende notwendig ist, läuft nach Ansicht der Wirtschaft bisher viel zu schleppend.

Der Ausbau des Stromnetzes, der für die Energiewende notwendig ist, läuft nach Ansicht der Wirtschaft bisher viel zu schleppend.

Foto: dpa / Klaus-Dietmar Gabbert

Düsseldorf/Hagen.   Das NRW-Wirtschaftsministerium fordert einen Check der Energiesicherheit deutlich vor dem von der Kohlekommission genannten Jahr 2023.

Die Landesregierung fordert mit Blick auf den geplanten Kohleausstieg einen Stresstest für die Stromversorgung „bereits deutlich vor dem Jahr 2023“. Entsprechende Informationen dieser Zeitung bestätigte jetzt das Landeswirtschaftsministerium in Düsseldorf. Damit will die NRW-Regierung noch vor dem ersten so genannten „Checkpoint“ 2023, den die Kohlekommission empfiehlt, dass die Stromnetz- und Versorgungssicherheit überprüft wird.

Ein solcher Stresstest müsse auf Bundesebene durchgeführt werden, weil die Stromversorgung nicht isoliert auf ein einziges Bundesland betrachtet werden könne; die „Leistungsfähigkeit der deutschen Stromversorgung“ müsse innerhalb des „europäischen Verbunds kontinuierlich überprüft“ werden, heißt es aus dem NRW-Wirtschaftsministerium.

NRW will Energieversorgung sicherstellen

„Nordrhein-Westfalen erarbeitet derzeit eine Energieversorgungsstrategie“, kündigte das Landeswirtschaftsministerium auf unsere Nachfrage gestern weiter an. Ein Schwerpunkt dieses Papiers soll „die Gewährleistung der Versorgungssicherheit“ sein.

Derweil wächst die Sorge bei Unternehmen aus Südwestfalen, dass die Netzstabilität und damit die Grundversorgung mit Strom durch die stufenweise Stilllegung von Kohlekraftwerken und der Abschaltung des nächsten Atomkraftwerks bis spätestens Ende 2019 (Philippsburg 2) gefährdet wird.

Die Energieversorgung war am Mittwoch auch Thema beim Treffen aller Präsidenten der Industrie- und Handelskammern (IHK) aus NRW in Wuppertal. Die Grundkritik aus der Wirtschaft: Trotz hoher Energiepreise ist womöglich künftig nicht sicher, dass Strom dauerhaft verfügbar ist.

Im Rheinland bildet sich derweil eine „Industrieallianz für regionale Energiesicherheit“, kurz Ireas. Initiator ist der Bundesverband für den Schutz kritischer Infrastrukturen. Unterstützt wird die Initiative dabei von den IHK Köln, Aachen und Niederrhein. Der Startschuss soll am 1. Juli fallen.

Sorge vor dem Doppelausstieg

Es ist gar nicht die Angst vor einem kompletten „Blackout“, einem Totalausfall des Stroms. Es ist die Sorge um schon leichte Schwankungen im Netz, die zu Hause vielleicht ein Flackern des Lichts auslösen – in der Industrie aber zum sofortigen Stillstand von Maschinen und Anlagen und damit ganzer Produktionslinien führen können.

Allein im Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Siegen befürchten in einer aktuellen Umfrage 42 Prozent der Industriebetriebe, dass die Netzstabilität und damit die Grundlastversorgung gefährdet sind, wenn Deutschland nahezu zeitgleich aus dem Atom- und Kohlestrom aussteigt. „Jedes zweite Unternehmen geht davon aus, dass sich die Energiewende negativ auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit auswirkt“, mahnt Siegens IHK-Präsident Felix G. Hensel.

Dabei sind die Unternehmer gar nicht grundsätzlich gegen die Energiewende und den Klimaschutz. Ihre Bedenken gründen sich auf den Doppelausstieg, den Deutschland schaffen will: das Ende der Kohleverstromung bis 2038, oder – optional sogar bis 2035 – und, unmittelbar zuvor, der Atomausstieg. Und das bei bisher schleppendem Netzausbau.

Netzausbau hinkt hinterher

Bis Ende 2019 muss das nächste Atomkraftwerk, der Meiler Philippsburg 2, vom Netz; bis Ende des Jahres 2022 auch die restlichen dann noch sechs Kernkraftwerke in Deutschland. Reserve-Kraftwerke, also Gaskraftwerke, die einspringen, wenn aus den Erneuerbaren Energien zu wenig Strom kommt, gebe es noch viel zu wenige; ebenso brauche es mehr Speicherkapazitäten für den gegenteiligen Fall, wenn aus Sonne, Wind und Wasser mehr Strom produziert wird, als verbraucht wird, kritisieren die Unternehmer.

Dazu läuft nach Ansicht der Wirtschaft im Sieger- und Sauerland der Ausbau des Stromnetzes viel zu schleppend: „Das Monitoring zum Netzausbau der Bundesnetzagentur aus dem vierten Quartal 2018 zeigt: Von den 7.700 Kilometern an neuen oder auszubauenden Stromtrassen sind erst rund 1.750 Kilometer genehmigt und nur etwas mehr als die Hälfte davon gebaut“, zeigt Siegens IHK-Geschäftsführer Klaus Gräbener auf.

„Ich habe schon große Bedenken, dass Kohle- und Atomausstieg zusammen funktionieren können“, urteilt Christopher Grünewald, Chef des Spezialpapierherstellers Grünewald Papier in Kirchhundem, über den Doppelausstieg. Die Grünewald-Papierfabrik ist nach eigenen Angaben eines „der stromintensivsten Unternehmen“ in der Region. Der jährliche Stromverbrauch liegt demnach bei rund 28 Millionen Kilowattstunden (kWh); die Stromkosten machen 58 Prozent der Bruttowertschöpfung aus.

Automatische Abschaltung

Christopher Grünewald sorgt insbesondere der Gedanke an Spannungsschwankungen im Stromnetz. „Dann wird unsere Papiermaschine aus Sicherheitsgründen automatisch heruntergefahren“, beschreibt Grünewald. Die große Papiermaschine ist das Herzstück der Grünewald-Produktion: Sie stellt das Ausgangsmaterial her – Papiere, die für den Kontakt mit Lebensmitteln geeignet sind und aus denen Brötchentüten, Einschlagpapiere und Servierten hergestellt werden. „In der Spitze mit bis zu 45 Stundenkilometer“ saust die Papierbahn durch die Hightech-Anlage, deren zentraler Zylinder mehr als 80 Tonnen wiegt. Schaltet die Maschine ab, „brauchen wir eine Stunde, um sie wieder hochzufahren“. Betriebswirtschaftlich eine Katastrophe für ein Unternehmen, das rund um die Uhr, sieben Tage die Woche produziert. Außerdem sind solche Anlagen durchaus sensibel: Eine plötzlicher Stromabfall kann Schäden verursachen.

Bau neuer Gaskraftwerke

„Wir brauchen einen Masterplan für die Energiewende. 2023 ist schon morgen“, fordert Christoph Grünewald, der seinen Blick auf die Dinge am 24. Oktober 2018 der Kohlekommission dargelegt hat.

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hatte unlängst in Siegen „den Bau neuer Gaskraftwerke“, „am besten auf den stillgelegten Flächen der aus dem Markt genommenen Kraftwerke“ und „mehr Pumpspeicher“ angekündigt, um die Energiewende zu schaffen.


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