Musik

Warum arme Kinder seltener Musik machen

Im Kinderochester  NRW spielen die begabten Nachwuchsmusiker. Das funktioniert nur, wenn die Eltern sich kümmern.

Foto: Volker Hartmann

Im Kinderochester NRW spielen die begabten Nachwuchsmusiker. Das funktioniert nur, wenn die Eltern sich kümmern. Foto: Volker Hartmann

Hagen.   Warum machen arme Kinder so selten aktiv Musik? Die Antworten auf diese Frage sind schwer zu finden. Eine Spurensuche in Südwestfalen.

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Warum nehmen arme Kinder die Fördermöglichkeiten im Bereich der musischen Bildung nicht wahr? Und wie kann man diese Jungen und Mädchen erreichen? Das sind Fragen, die sich die Träger des Musiklebens in unserer Region nicht erst seit der aktuellen Bertelsmannstudie stellen, die ermittelt hat, dass der Nachwuchs aus einkommensschwachen Familien seltener aktiv musiziert als andere Kinder. Die Ursachenforschung erweist sich als komplex. Einfache Antworten gibt es nicht.

„Schrecken die Kosten ab? Oder schreckt die langfristige Verpflichtung ab?“, überlegt Georg Scheuerlein, der als Leiter des Kulturamtes des Hochsauerlandkreises und als Leiter der HSK-Musikschule ein Spezialist für musische Breitenbildung ist.

Die Rechnung „reiche Töchter erhalten Klavierunterricht, arme Söhne liegen vor der Glotze“ geht für ihn pauschal nicht auf. „Es wird zu einfach dargestellt. Akademikerfamilien sind oft auch arm. Die Teilhabe an der kulturellen Bildung ist eine Frage der Sozialisation zu Hause. Es gibt Familien, wo schon über Generationen hinweg eine Bindung an Kultur nicht mehr vorhanden ist.“

Der Schule kommt eine immer größere Rolle zu

Vor diesem Hintergrund kommt der Schule eine immer größere Rolle zu. Scheuerlein: „Bei allem, was man an der Aktion ,Jedem Kind ein Instrument’ (JeKits) kritisieren kann: Das ist ein Weg, alle Kinder und Jugendliche in der Schulklasse zu erreichen.“

Das sieht sein Kollege Jörg Klüser als Leiter der Musikschule Olpe ähnlich. „JeKits bringt Kinder zur Musik, die sonst nie mit Musik in Kontakt gekommen wären. Auch die Streicher- und Bläserklassen in den Schulen konfrontieren Eltern mit Musik, die sonst nie auf die Idee gekommen wären, zur Musikschule zu gehen.“

Preisträger bei "Jugend musiziert" kommen vom Gymnasium

Dennoch haben die Preisträger der Jugend-musiziert-Wettbewerbe nach wie vor Gymnasial-Biographien, und ihre Eltern kommen aus bürgerlichen Berufen. Das liegt an einer Hemmschwelle, die der angehende Musiker überwinden muss. Man muss dranbleiben, man muss üben. „Da spielt ja ganz viel mit rein“, berichtet Jörg Klüser. „Die Eltern müssen auch Zeit und Lust haben, die Kinder zu fahren oder sich zu kümmern, dass sie zur Musikstunde, zum Üben und zu Auftritten kommen.“

Ohne dieses Training von Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit sowie der Entschlossenheit, Rückschläge zu überwinden ist es nicht möglich, ein Instrument zu lernen. Das sind die Gründe, warum musizierende Kinder in anderen schulischen und sozialen Bereichen ebenfalls überproportional erfolgreich sind. Umgekehrt werden diese Kompetenzen in sozial schwachen Familien oft nicht geübt oder sind seit Generationen verkümmert. Es fehlt nicht nur am Zugang, es fehlt das Wertebewusstsein, sich diesen Zugang zu erkämpfen.

Instrumente werden gestellt

Das beobachtet auch Dirk Burghaus, Vorsitzender des Musikvereins Frenkhausen in der Gemeinde Drolshagen. „Im Musikverein müssen die Kinder Lust dazu haben, sie müssen üben, das Elternhaus muss dahinterstehen. Nur zur Probe zu kommen, das reicht nicht.“ Die kleine Ortschaft Frenkhausen hat rund 400 Einwohner, knapp 70 von ihnen spielen im großen Orchester des Musikvereins.

Dazu kommen die Tanzmusik und die Egerlandbesetzung. Den Nachwuchs sichert der Verein mit einem gestaffelten Ausbildungsprogramm, das von der Früherziehung (derzeit rund 13 Kinder) über das Juniororchester bis zum Jugendorchester reicht. Burghaus: „Wir stellen die Instrumente und unterstützen die Finanzierung des Unterrichts. Wir verlangen keine Mitgliedsbeiträge, das gehört sich einfach nicht. Wir leben von den passiven Mitgliedschaften und Spenden. Was uns allerdings trifft, ist der Abbau von öffentlichen Fördermitteln.“

Freiwillige Feuerwehr bringt Jugendliche zum Musizieren

Das sieht Michael Forth, zweiter Vorsitzender des Musikzuges der Freiwilligen Feuerwehr Olpe ähnlich. „Musik zu machen, eint uns. Die finanziellen Unterschiede sind dabei egal.“ Rund 70 Kinder spielen in den beiden Jugendorchestern des Musikzuges. „Wir bilden einen absoluten Querschnitt durch die Bevölkerung.“

Ist auf dem Dorf die Welt also auch nach Noten noch in Ordnung? „Auf dem Land kann die Gemeinschaft Familien auffangen, die in Not geraten“, sagt Georg Scheuerlein. „In den Ballungsgebieten wohnen die finanzschwachen Familien oft in eigenen Vierteln. Diese Ghettoisierung wird in Zukunft noch die größten Probleme bereiten.“ Und Burghaus ergänzt: „Wenn jemand in eine soziale Krisensituation geraten würde, würden wir auch Wege finden, wie wir da durch kommen.“

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