Oper

Otello als Beziehungstäter im Theater Hagen

Otello (Ricardo Tamura, l.) fällt auf Jagos Intrige (Raymond Ayers

Otello (Ricardo Tamura, l.) fällt auf Jagos Intrige (Raymond Ayers

Foto: Theater Hagen / Klaus Lefebvre

Hagen.  Zwischen Kontrollwahn und Manipulation: Das Theater Hagen zeigt Verdis große Oper „Otello“ in einer musikalisch sensationell guten Aufführung

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Das macht der Krieg aus den Männern: Führung wird zu Kontrollbesessenheit, und Hierarchie zeugt Intrigantentum. Otello muss an diesem System zwangsläufig scheitern. Das Theater Hagen zeigt Verdis gleichnamige Oper jetzt in einer ausgesprochen spannenden Interpretation. Die musikalische Leistung ist so wunderbar, dass man von einer echten Sternstunde sprechen kann.

Der Hagener Bühnenbildner Jan Bammes ist ein Zauberer, der aus dem Nichts faszinierende Lösungen entwickelt. Das muss er auch, denn der Sparzwang schlägt in Hagen mit Macht zu. Daher entdeckt das Publikum in den Kulissen alte Bekannte aus anderen Produktionen. Die aber baut Jan Bammes zu einem abstrakten Schwarzraum um, der eine öde Garnison am Rande des Nirgendwo symbolisiert und mit seinen kühnen Metallkonstruktionen die Lebensfeindlichkeit des militärischen Milieus visualisiert.

Wachturm und Wehrgang

Nichts mag hier blühen und gedeihen, am allerwenigsten Liebe und Vertrauen, und das in tödlichem Rot geflammte Kleid Desdemonas ist der einzige Farbtupfer.

Schon das Unwetter des Beginns überzeugt mit starken Bildern: Der Wachturm, der Wehrgang, die Sandsäcke und die Videoprojektionen schaffen zusammen mit Florian Ludwigs leidenschaftlichem Dirigat eine zutiefst beklemmende Atmosphäre, die die Tragödie grundiert.

Regisseurin Annette Wolf erzählt die Geschichte als Musterbeispiel einer gewalttätigen Beziehung. Heute schüttelt man ja oft ungläubig den Kopf über Shakespeares und Verdis Otello. Warum sollte ein so intelligenter und erfolgreicher Mann auf die lächerliche Tuch-Intrige Jagos hereinfallen? Das lässt sich selbst mit dem Migrationshintergrund nicht erklären.

Heilige und Hure

Doch liest man die Handlung als Drama eines von Berufs wegen gewalttätigen Machtneurotikers, der seine militärischen Feinde und sogar das Wetter gnadenlos im Griff hat, wird die Sache schon aktueller. Denn im Privaten setzt Otello ebenfalls auf Dominanz und Unterwerfung, etwas anderes hat er nicht gelernt, und er erträgt es noch nicht einmal, dass die Diener seiner Frau das Waschwasser bringen. Von dieser Sorte Ehemann handeln viele Polizeiberichte.

Desdemona bedient die katastrophale Beziehungsdynamik nach Kräften, indem sie sich zur Heiligen stilisieren lässt. Dass dies auch eine Form von Eitelkeit ist, wird erst am Schluss deutlich, wenn sich ihr Schuhtick offenbart. Annette Wolfs Regie überzeugt durch ihre konsequente Personenführung, und sie bringt zudem den Opern- und Kinderchor ansprechend in Bewegung.

Auch Jago demütigt seine Frau und neidet ihr den Kontakt zum kleinen Sohn, so wie er Otello den Aufstieg im System missgönnt. Sein Metier ist die Manipulation, also ebenfalls ein Aspekt von Kontrolle. Und der Junge ist das nächste Glied in der Kette der kaputten Männer, denn er spielt mit Panzern jetzt schon Krieg und Töten.

Nun besetzt man den Jago in der Regel mit sogenannten Dämonen-Baritonen. Nichts würde allerdings die Stimme von Raymond Ayers weniger beschreiben als das Dämonische. Das macht den Kontrast umso erschütternder, wie sich gerade in Jagos gotteslästerlichem Credo zeigt: Der Bösewicht mit der schwarzen Seele singt mit so wohlklingendem Bariton, so weich, so schmeichelnd, dass er die Engel im Himmel zu Tränen rühren könnte. Der Jago ist Ayers großartige Abschiedsrolle; der populäre Bariton wechselt von Hagen nach Mannheim.

Überhaupt ist der Hagener „Otello“ bis in die kleinen Rollen hervorragend besetzt, und die Sänger hören sehr gut aufeinander. Veronika Haller ist eine höhensichere Desdemona mit keuschem Timbre, was vor allem ihr „Ave Maria“ ganz entrückt klingen lässt. Ricardo Tamura hat als Otello eine ergreifende Palette von Farben und Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung, sein Tenor ist ungewöhnlich schön, aber er verlässt den Schönklang, um dem Absturz dieses mächtigen Mannes in feinen Details nachzuspüren. Allein für Tamura lohnt sich ein Besuch der Oper unbedingt. Kejia Xiong lässt als Cassio mit strahlend-lyrischem Tenor aufhorchen.

Unausweichliche Tragödie

Der Tod begleitet Otello mit nachtschwarzen Kontrabass-Schritten. GMD Florian Ludwig leitet die Hagener Philharmoniker mit Hingabe und Feuer; der Orchesterpart treibt die Handlung voran und kommentiert sie zugleich. Die Musiker spielen vorzüglich – mit all den Farben und Schattierungen, den sensibel gespielten Solostellen und dem angstvollen Herzklopfen, welches das Verhängnis unausweichlich macht.

Am Ende bleibt von dem ruhmreichen Feldherren nichts mehr übrig. Mit der Stammeskappe auf dem Kopf macht sich Otello daran, Desdemona zu töten. Doch das ist kein Ehrenmord, sondern ein Ausdruck ultimativer Dominanz.

Wieder am: 10., 20., 25. und 27. Juni, 2. Juli. Karten: 02331 / 2073218 oder www.theaterhagen.de

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