Kirche

Warum ein Pfarrer sein Amt niederlegt

„Unsern Priestern in Dankbarkeit“: Pfarrer Norbert Wohlgemuth vor der Kirche seiner Gemeinde in Fröndenberg.

„Unsern Priestern in Dankbarkeit“: Pfarrer Norbert Wohlgemuth vor der Kirche seiner Gemeinde in Fröndenberg.

Foto: Ralf Rottmann

Fröndenberg.  Pfarrer Norbert Wohlgemuth ist aus Protest gegen mangelnde Reformen in der Kirche von seinem Priesteramt zurückgetreten.

Im Eingangsbereich klebt ein großes BVB-Wappen auf der Glastür, ein Kreuz hängt an der Wand. Auf der Couch sitzt ein großer Teddybär. Und manchmal auch Norbert Wohlgemuth (58). Sonst keiner. Er wohnt ja schließlich hier allein in dem Haus hinter der katholischen Herz-Jesu-Kirche in Fröndenberg, dessen Pfarrer er ist. Oder: Dessen Pfarrer er war. Seit Montag ist er das nicht mehr. Freigestellt vom Erzbistum Paderborn. Auf eigenen Wunsch hin. Hunderte Nachrichten, sagt er, habe er erhalten seit der Verkündung am Sonntag. „Willkommen in der Freiheit“, hätten welche geschrieben. Und so fühlt sich das tatsächlich ein bisschen für ihn an.

Es ist ein Vorgang mit Seltenheitswert. Ein Bruch mit der eigenen Biographie. Sieben Jahre lang hat sich Wohlgemuth ausbilden lassen, 30 Jahre lang war er im Dienst am Menschen, verbreitete die Botschaft Jesu. Doch mit der Kirche, wie sie sich im 21. Jahrhundert präsentiert, hat er große Probleme. „Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, zu sagen, dass es nicht mehr geht.“

Zeit der Überheblichkeit und Arroganz vorbei

Er konnte und wollte nicht mehr. „In meiner Hoffnung auf eine Reformfähigkeit der katholischen Kirche bin ich immer wieder enttäuscht worden“, sagt er und fragt: „Ist es nicht an der Zeit, Überheblichkeit, Arroganz, Klerikalismus, Priesterfixierung, Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit abzulegen? Ist der Umgang der Kirche mit Suchenden, Zweifelnden, Gescheiterten, mit Frauen, mit Andersgläubigen, mit unseren evangelischen Geschwistern wirklich im Sinne Jesu, des Herrn?“ Fragen, die ihn schon lange beschäftigen. Seit dem Studium, sagt er. Die Antworten darauf wurden ihm immer drängender.

Mit seinem Wohnmobil war der Hobby-Radfahrer neulich in Frankreich, die Tour de France besuchen. Auf dem Rückweg fühlte er sich so frei, dass er sich nicht mehr den Zwängen unterwerfen wollte, die er sich nicht geschaffen hat. „Wie eine Offenbarung“, sei das gewesen.

Er suchte das Gespräch mit Erzbischof Hans-Josef Becker in Paderborn. Zuvor hatte sich Wohlgemuth um eine Auszeit von einem Jahr bemüht, weil er sich ausgebrannt fühlte, weil er sogar depressive Episoden an sich feststellte. Mehr als acht Wochen Pause, sagt der Pfarrer, räume die katholische Kirche ihren Mitarbeitern aber nicht ein. Selbst die habe er nicht bekommen können – wegen eines angeblichen Formfehlers bei der Beantragung.

Kein wertschätzendes Gespräch

Also musste es der große Schlussstrich sein. Und so wie er das schildert, steht dieses Gespräch im Kleinen für die vielen großen Dinge, die er in seiner Kirche für falsch hält. „Es war ein angenehmes Gespräch, aber kein wertschätzendes“, sagt Wohlgemuth. Fragen? Keine. Nach 20 Minuten inklusive Smalltalk sei das Gespräch vorbei gewesen.

„Ich wollte nicht überredet werden. Aber wenn mir ein Messdiener sagen würde, dass er aufhören will, dann frage ich ihn, was los ist, was schief gelaufen ist, was wir eventuell tun können?“ Er schaut von seinem Balkon herunter auf Fröndenberg. „Fast 30 Jahre war ich bei dieser Firma.“ Er lacht über den Begriff. „Jeder Vierwochenpraktikant wird anderswo besser verabschiedet.“

Wohlgemuth klingt nicht verbittert. Er versteht nur nicht, sagt er, dass es ausgerechnet die Institution, die Nächstenliebe predigt, nicht schafft, sie auch besser zu leben. „Das liegt daran, dass die Kirche in ihren Machtstrukturen gefangen ist. Die Oberen genügen sich selbst.“ Das Erzbistum Paderborn reagierte auf eine Anfrage dieser Zeitung zu dieser Sache am Montag nicht.

Wohlgemuth, der Pfarrer in Arolsen, Dörenhagen und Alfen, Horn-Bad Meinberg, Olsberg, Marsberg, Hagen und Fröndenberg war, genügt sich selbst nicht. Zumindest nicht dauerhaft. Das Alleinsein, sagt er, sei ein Problem. „Ich halte den Pflichtzölibat für überholt, machtbegründet, menschenunwürdig, krankmachend und empfinde ihn als einen zu starken Eingriff in das Intimleben des Priesters“, sagt er. „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Liebesbeziehung, trotzdem möchte ich nicht mehr alleine leben.“

Zurück nach Marsberg

Er wird Ende August zu einer befreundeten Familie nach Westheim im Sauerland ziehen, Gemeinde Marsberg. Dort bezieht er eine kleine Wohnung. 18 Jahre war der gebürtige Dortmunder dort Pfarrer, bis sich die Strukturen änderten und er gehen musste. „Da wäre ich gern geblieben. Da hatte und habe ich Heimat.“ Dort hofft er, häufiger jemanden zu haben zum Reden. Gar nicht immer. Nur häufiger.

„Pfarrer Wohlgemuth hat einen mutigen Schritt getan und verdient unsere Solidarität und vor allem die Solidarität seiner Gemeinde“, sagt Christian Weisner von „Wir sind Kirche“, einem Verein zur Förderung von Reformen in der römisch-katholischen Kirche. „In den letzten Jahrzehnten haben allein in Deutschland Tausende das Priesteramt aufgeben müssen aufgrund des unbarmherzig angewandten Zölibatsgesetzes. Wir wissen von vielen Pfarrern, die sich ähnlich ausgebrannt, ausgenutzt und von der Kirchenleitung im Stich gelassen fühlen.“

Hoffnung auf Solidarisierung der Priester im Erzbistum

Und Berthold Zeppenfeld, Vertreter von „Wir sind Kirche“ im Erzbistum Paderborn fügt hinzu, dass die Haltung der Bistumsleitung zu kritisieren sei, weil sie nicht nur ein Sabbatjahr verweigert hat, sondern den Priester mit seinen Forderungen „offensichtlich nicht Ernst genommen hat und froh ist, ihn los zu sein. Da viele Priester auch in unserem Erzbistum so wie Herr Wohlgemuth für Reformen sind, erhoffe ich mir, dass die jetzt auch den Mund aufmachen und sich solidarisieren. Nach dem Protest der Frauen mit Maria 2.0 wäre jetzt eine ähnliche Aktivität der Priester wünschenswert.“

Ein Jahr lang, sagt Norbert Wohlgemuth, wolle er beruflich nun nichts tun. Seine Rentenansprüche verringern sich durch die Beendigungen seines Dienstes, „aber ich komme klar, ich brauche nicht viel.“ Was er jetzt tun will? Den Jakobsweg erneut wandern. Freunde treffen. Er fühlt sich gut mit seinem Schritt. Viel Zuspruch habe er erhalten, auch von Kollegen. Ob er etwas verändern kann, wenn nicht einmal der Papst Reformen anstoßen kann? „Für das Erzbistum ist das eine kurzfristige Erschütterung. Nach zwei Tagen ist das kein Thema mehr. Ich erwarte nicht, dass sich etwas zum Besseren ändert. Weder hier in Fröndenberg noch sonstwo.“

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