Kirche

Pfarrer legt Amt nieder – seine Erklärung im Wortlaut

In einer Stellungnahme erklärt Pfarrer Wohlgemuth, warum er sein Priesteramt niederlegt.

In einer Stellungnahme erklärt Pfarrer Wohlgemuth, warum er sein Priesteramt niederlegt.

Foto: Michael Kleinrensing / WP Michael Kleinrensing

Sauer-/Siegerland.  In einer persönlichen Stellungnahme erklärt Pfarrer Norbert Wohlgemuth, weshalb er sein Priesteramt nach knapp 30 Jahren im Amt niederlegt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Pfarrer Wohlgemut legt sein Priesteramt nieder. In einer persönlichen Stellungnahme erklärt er seine Entscheidung:

„In meiner Hoffnung auf eine Reformfähigkeit der katholischen Kirche bin ich immer wieder enttäuscht worden. Die Entwicklungen der letzten Jahre und Monate haben mir gezeigt, dass wir bei den seit Jahrzehnten bekannten Themen einfach nichtweiterkommen. Das sogenannte Kirchen“volk“ ist viel weiter ist als die Bischöfe und der Papst. Wem „gehört“ eigentlich die Kirche? Warum hört man nicht mehr auf die„Laien“? Spricht nicht auch durch sie der Geist Gottes?

Trotz vielfältiger Bemühungen der Ehren- und vieler Hauptamtlicher in den Gemeinden entfernt sich Kirche immer mehr von der Lebenswirklichkeit der Menschen; Verlautbarungen aus dem Raum der Kirche werden doch kaum noch ernst genommen. Die Kirche als Institution verliert stetig an sozialer Plausibilität, der Relevanzverlust ist fast täglichspürbar. In der Kirche gibt es Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat und kaum einer versteht; und die Fragen von vielen Menschen finden keine Antwort.

Dennoch nehme ich stärkend und mit Freude wahr, das viele Engagierte in unseren Gemeinden ebenso denken. Sie haben es satt, dass selbst die kleinsten Reformschritte seit Jahrzehnten verschleppt werden, sie möchten nicht mitwirken an einer Pastoral der Vergeblichkeit, sondern ihre Gemeinde vor Ort zeitgemäß gestalten.

Wir erleben aber nicht nur eine Spannung zwischen „oben“ und „unten“ in der Kirche, sondern auch zwischen „links“ und „rechts“. Sogenannte Progressive stehen gegen sogenannte Traditionalisten; dass es diese Gruppierungen (und vieleAbstufungen) gibt, ist nicht das Problem. Problematisch wird es erst, wenn sich gegenseitig die Rechtgläubigkeit abgesprochen wird und man meint, nicht mehr zusammen Eucharistie feiern zu können. Das ist Sünde am Leib des Herrn.

Es gibt in der Kirche eine Sprache, die kaum noch verständlich ist, die die Menschen nicht erreicht, dafür ist sie aber schön fromm. Wir erleben in der Kirche zu oft eine Art von Frömmelei, wo mit floskelhaften Worten Menschen abgespeist werden,anstatt ihnen konkret und tatkräftig zu helfen. Haben wir von Jesus nicht den Auftrag erhalten, eine neue Art der Ausübung von Macht zu praktizieren? Ist es nicht an der Zeit, Überheblichkeit, Arroganz,Klerikalismus, Priesterfixierung, Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit abzulegen? Vieles von dem, was Jesus zu seiner Zeit im Judentum kritisiert hat, finden wir in der katholischen Kirche längst wieder vor.

Ist der Umgang der offiziellen Kirche mit Suchenden, Zweifelnden, Gescheiterten (wie auch immer sie „gescheitert“ sein mögen), mit Frauen, mit Andersgläubigen, mit unseren evangelischen Geschwistern und so weiter wirklich im Sinne Jesu, des Herrn? Braucht es in der Kirche nicht doch ein höheres Maß an Liebe und Gemeinschaft, an Einheit und Geschwisterlichkeit, an Barmherzigkeit und Versöhnungsbereitschaft?Beschäftigt sich die Kirche nicht zu sehr mit sich selbst?

Wir brauchen nur an die immer weiter ausufernde Thematik wie die der Strukturen, des Rechts, der Verwaltung, der Organisation und die immer größer und unübersichtlicher werdenden „pastorale Räume“ usw zu denken.Ich liebe diese Kirche, ich liebe all die Menschen, die diese Kirche bilden. Die Kirche ist mir Heimat. Aber meine zunehmenden seelischen und körperlichen Schwierigkeiten machen wir Sorgen. Über Jahre hinweg war ich nie beim Arzt oder gar krankgeschrieben; das hat sich in der letzten Zeit klar verändert.

Auch meine erschöpfungsbedingen Ausfälle, auch depressive Episoden und wochenlange seelische Beschwerden sind mir bisher unbekannte Symptome. Auch macht mir perspektivisch Sorge, dass ich im Pfarrhaus fast immer alleine bin; das ist aus mehreren Gründen nicht gut. Diese Situation fügt der Seele Schaden zu und kostet zu viel Kraft. Mit zunehmendem Alter wird dies nicht einfacher.

Ich halte den Pflichtzölibat für überholt, machtbegründet, menschenunwürdig,krankmachend und empfinde ihn als einen zu starken Eingriff in das Intimleben des Priesters. Ich habe auf verschiedenen Wegen versucht, eine Auszeit genehmigt zu bekommen. Leider wurde mir eine mündlich und zweimal schriftlich zugesagte Sabbat-Zeit nicht ermöglicht; die Genehmigung wurde zurückgezogen. Daher muss ich nun diesen schweren und nicht nur für mich harten Schrittvollziehen und mein Priesteramt niederlegen. Es ist ein Schritt, der mir nicht leicht fällt, die Konsequenzen sind für mich in Gänze überhaupt noch nicht absehbar.

Ziemlich sicher wird es Phasen geben, in denen ich diesen Schritt auch bereuen werde. Ich bin sehr, sehr gerne Priester und mein Dienst hat mir viel Freudegemacht – aber es geht es nicht mehr. Dennoch gehe ich voller Gottvertrauen,Neugierde und Gelassenheit in diesen neuen unbekannten Abschnitt meines Lebens- als Christ. Meine Freistellung vom Priesteramt gilt ab dem 29. Juli. Das Gespräch mit dem Erzbischof und der weiteren Bistumsleitung war zwar recht kurz, aber angenehm und etwas wertschätzend. Dennoch habe ich gespürt, dass ich in den Augen der Oberen kein guter Priester bin; ich sehe und möchte Vieles in der Kirche anders als es die Hierarchen wünschen.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (4) Kommentar schreiben