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Plettenberg ist für Dura-Chefin Lynn Tilton ein kleiner Fisch

Lynn Tilton, Vorstandsvorsitzende der Investmentgesellschaft Patriarch Partners, die auch hinter dem Dura-Mutterkonzern steht, bei einem Fototermin in Pasadena im US-Bundesstaat Kalifornien.

Foto: Los Angeles Times/Getty Images

Lynn Tilton, Vorstandsvorsitzende der Investmentgesellschaft Patriarch Partners, die auch hinter dem Dura-Mutterkonzern steht, bei einem Fototermin in Pasadena im US-Bundesstaat Kalifornien.

Detroit/Plettenberg.   Lynn Tilton ist die extravagante Chefin des Dura-Mutterkonzerns. An den Standorten Plettenberg und Kirchhundem bangen weiter 1000 Beschäftigte um ihren Arbeitsplatz.

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  • Lynn Tilton ist die extravagante Chefin des Dura-Mutterkonzerns.
  • An den Standorten Plettenberg und Kirchhundem bangen weiter 1000 Beschäftigte um ihre Jobs.
  • Am Mittwoch Gespräche im NRW-Wirtschaftsministerium.

Wie Bilder doch täuschen können. Lynn Tilton trägt gern teuren Schmuck, extravagant-offenherzige Kleider und ihr langes blondes Haar wie eine wilde Mähne. Anscheinend zeigt die ehemalige Tennisspielerin ihre weiblichen Reize ganz gern. Vor Kameras posiert sie, als wolle sie sich bei Heidi Klums Supermodel-Show bewerben. Aus dem Alter ist sie raus (Freitag wird sie 56), und finanziell hätte sie das auch gar nicht nötig: Lynn Tilton ist eine der erfolgreichsten Geschäftsfrauen der USA. Und sie ist Chefin von Dura Automotive, dem Mutterkonzern von Dura in Plettenberg.

Ihre Mission, so sagt sie selbst, sei es, Jobs zu retten. Deswegen möbelt sie seit Jahren mit ihrer Investment-Gesellschaft Patriarch Partners verschuldete Unternehmen auf, um ihnen wieder auf die Beine zu helfen. 75 Firmen besitzt Patriarch nach eigenen Angaben. Seit dem Jahr 2000 hat Tilton demnach in 243 Unternehmen investiert, die mit insgesamt mit 675.000 Mitarbeitern mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz erzielt haben. Vorher entwickelte sie eine patentierte Formel, um notleidende Kredite zu strukturieren.

Streit mit der Börsenaufsicht

Daraus entwickelte sie ihr Geschäftsmodell, das sie auch bei Patriarch Partners einsetzt. Dura in Plettenberg ist für die wohlhabende Dame – ihr Vermögen soll mehr als 800 Millionen Dollar betragen – wohl eher ein kleiner Fisch. Aber zu verschenken (oder für einen Euro zu verkaufen) hat sie nichts. Die Optik täuscht: Die in der Bronx geborene Selfmade-Milliardärin gilt als knallharte, intelligente Geschäftsfrau, die sich an der von Männern dominierten Wall Street durchgesetzt hat.

2015 legte sich Lynn Tilton mit der mächtigen US-Börsenaufsicht (SEC) an. Die Behörde wirft der Unternehmerin vor, Investoren mit falschen Angaben betrogen zu haben. Es geht um 200 Millionen US-Dollar. Im Gegenzug verklagte die Blondine die SEC. Ehemalige Manager ihrer Firma gehen ebenfalls juristisch gegen sie vor.

Die Mutter einer Tochter erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihren Erfolg als Geschäftsfrau – vor allem, weil sie viele amerikanische Jobs erhalten habe. Von deutschen Arbeitsplätzen ist nicht die Rede. Wie etwa aktuell in Plettenberg, Kirchhundem und Finnentrop.

Übernahme des Dura-Werks durch die Beschäftigten

Überhaupt: Von einem „Ein-Euro-Deal“ kann keine Rede sein. Die Übernahme des Dura-Werks Leisten & Blenden durch die Beschäftigten, wie es der amerikanische Mutterkonzern vorgeschlagen hat , wäre wohl eine Millionen-Investition. Die IG Metall geht nach ersten Analysen von „mindestens 50 Millionen Euro“ aus, die als Anschubfinanzierung notwendig wären, erklärte Torsten Kasubke, 1. Bevollmächtigter der IG Metall im Märkischen Kreis auf Nachfrage. Am Mittwoch finden nach Informationen dieser Redaktion dazu Gespräche im Landeswirtschaftsministerium statt.

Dabei will die Dura-Delegation in Düsseldorf ausloten, ob sich ein Szenario entwickeln lässt, bei dem am Ende eine Landesbürgschaft mithelfen könnte, das Werk zu übernehmen; auch Vertreter der NRW-Bank sollen dabei sein. Allerdings müssten bei einer Bürgschaft durch das Land die Beschäftigten oder weitere Geldgeber mindestens 20 Prozent einer Investitionssumme selber aufbringen; so sieht es das Konstrukt der helfenden Landesmittel vor. Eine weitere Hürde, die ein solches Projekt nicht wahrscheinlicher macht.

Maschinen als Sicherheiten

„Die Prüfung des Dura-Angebots an die Beschäftigten ist noch nicht abgeschlossen“, sagt indes Kasubke; daran werde noch unter Beteiligung eines Betriebswirts gearbeitet. Bis zum Donnerstag muss die Gewerkschaft aber wohl zumindest ein Teilergebnis präsentieren: Dann soll nämlich die nächste Betriebsversammlung am Standort Plettenberg für die Leisten & Blenden-Beschäftigten in der Vier-Täler-Stadt und in Kirchhundem-Selbecke stattfinden. Am Abend ist dann ein „Runder Tisch“ im Plettenberger Rathaus geplant, an dem auch die SPD-Abgeordneten Inge Blask (Landtag) und Dagmar Freitag (Bundestag) teilnehmen sollen.

Da die Unabwägbarkeiten innerhalb des Ein-Euro-Deals von Dura mehr als unübersichtlich erscheinen – u. a. sollen Teile der Maschinen, die Dura den Beschäftigten mietfrei überlassen will, angeblich als Sicherheiten hinterlegt sein – , stehen die Zeichen wohl eher auf Ablehnung des Angebots. Und das Bangen um 1000 Jobs geht weiter.

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