Stahlindustrie

Politik trifft auf Wirtschaft: Bekenntnisse zu Europa

Viel Blech – und zwar hochwertiges: Markus Pieper, MdEP, rechts, und Heino Buddenberg, technischer Geschäftsführer bei C. D.  Wälzholz beim Firmenrundgang.

Foto: Ralf Rottmann

Viel Blech – und zwar hochwertiges: Markus Pieper, MdEP, rechts, und Heino Buddenberg, technischer Geschäftsführer bei C. D. Wälzholz beim Firmenrundgang. Foto: Ralf Rottmann

Hagen.   Der EU-Parlamentarier Markus Pieper trifft beim Kaltwalzer C. D. Wälzholz in Hagen auf die Sorgen einer ganzen Industrie.

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Politik trifft auf Wirtschaft: Der münsterländische Europaabgeordnete Markus Pieper (CDU) tauchte am Montag bei der C. D. Wälzholz KG in Hagen nicht nur tief in die Branche der Stahlverarbeiter ein, sondern hörte von der Unternehmensführung die Erwartungen und Befürchtungen, die typisch für eine ganze mittelständische Industrie sind. Das passte, denn Pieper ist Mittelstandssprecher der Fraktion der Christdemokraten und Volksparteien (EVP) im europäischen Parlament. Europa trifft auf Region, Münsterland auf Südwestfalen – die Themen sind viel­fältig.

Teure Energie

C. D. Wälzholz ist ein ebenso traditionsreiches wie innovatives Unternehmen; letzteres ist die Grund­lage für die lange und erfolgreiche Geschichte. Wie bei so vielen Unternehmen aus Südwestfalen, die den Weltmarkt bedienen. Wälzholz ist aber auch ein energieintensives Unternehmen. „Im Hagener Lennetal sind wir der größte Stromverbraucher“, ist sich Hans-Toni Junius, Vorsitzender Geschäftsführung, trotz der hohen Unternehmensdichte sicher. Zwar ist Wälzholz von der EEG-Umlage immerhin teilbefreit, nur: Was, wenn die EU dazu kommt, diese Teilbefreiung als verbotene weil wettbewerbsverzerrende Beihilfe zu bewerten?

Heino Buddenberg, technischer Geschäftsführer, spricht von einem „Damoklesschwert“, von einer „faktischen Bedrohung“. Zumal: Auch die Entwicklung der Netzentgelte zeigt eher nach oben als nach unten. Dem Stromsparen, durch mehr Effizienz, seien Grenzen gesetzt: „Der Stahl, den wir bearbeiten, bleibt gleich hart. Es braucht immer die gleiche Menge Energie“, zeigt Buddenberg die „physikalische Grenze“ der Effizienzsteigerung auf.

„Die Situation in Deutschland ist bekannt in Europa. Aber Europa ist nicht verantwortlich für die deutsche Energiewende“, stellt Pieper klar. Er spricht sich für „mehr Wettbewerb“ bei der Nutzung der erneuerbaren Energien und die Kosten, die daraus entstehen, aus und meint etwa einen „grenzüberschreitenden Handel mit CO2-Zertifikaten“. Pieper weiß aber auch: Energiepolitik ist Sache der Mitgliedsstaaten, unterliegt der nationalen Hoheit. Die Chancen für Brüssel sind begrenzt. Pieper sagt auch: „Wir werden eher mehr, als weniger Strom verbrauchen. Er wird nur grüner werden“. Stichwort zunehmende Elektromobilität. Also Autos, deren Akkus mit Strom aus der Steckdose geladen werden, statt Tanks mit Sprit zu füllen.

Freier Handel

„Freie Märkte sind für uns von essenzieller Bedeutung“, sagt Hans-Toni Junius über drohende Handelsbarrieren, die die USA aufbauen könnten. 55 Prozent seiner Produkte verkauft Wälzholz außerhalb von Deutschland, strebt ein „überproportionales Wachstum in Asien und Amerika“ an. – „TTIP ist eine Handelserleichterung“, urteilt der Europaparlamentarier und ist froh über das Ceta-Abkommen mit Kanada. Pieper wirbt für „Handelsabkommen mit möglichst vielen Regionen“. Auch vor dem Hintergrund des Brexits.

Seine Sorge klingt dramatisch: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zur Werkbank der anderen werden“, warnt Pieper davor, die Folgen des Brexits zu unterschätzen. Der Anteil des europäischen Binnenmarkts an der Wertschöpfung weltweit könne nach dem Austritt Großbritanniens aus dem Binnenmarkt von 20 auf „17 oder nur noch 16 Prozent“ sinken. Pieper: „Dann setzen andere, wie China oder Indien, die Standards.“ Und dann wird der Parlamentarier fast zum Kabarettisten und seufzt: „Es wäre einfacher, England würde aus dem Vereinten Königreich austreten, als das Vereinte Königreich aus der EU.“ Immerhin, und da ist Pieper wieder ganz Politiker: Es gebe ja die „Rückzugsoption vom Rückzug“. Deshalb bleibe auch die Zahl der Parlamentssitze zunächst bei 791 – so, als entsende Großbritannien weiterhin 73 Abgeordnete.

Gute Ausbildung

„Wir bilden über Bedarf aus, weil wir den demografischen Wandel sehen“, sagt Hans-Toni Junius über die Nachwuchskräftesuche. 80 Auszubildende hat Wälzholz aktuell, beschäftigt insgesamt Mitarbeiter aus 19 Nationen in seinen deutschen Standorten. - „Die Berufsbildungskompetenz ist eine nationale Aufgabe“, stellt Pieper fest, und sagt klar: „Das System der dualen Ausbildung in Deutschland darf nicht von Europa ausgehöhlt werden“. Auch nicht von „europäischen Berufsbildern“, die jetzt festgelegt werden können, wenn ein Drittel der EU-Mitgliedsstaaten dies wolle.

Kaputte Verkehrswege

„Die Rheinbrücke bei Leverkusen ist nicht das einzige Hindernis, um Waren auszuliefern“, sagt Heino Buddenberg fast süffisant; das kaputte Straßennetz in NRW sei „ein Armutszeugnis für einen Exportweltmeister“. – Pieper verweist auf die Gelder, die aus Brüssel in Schieneninfrastrukturprojekte fließen; in NRW etwa in die Betuwe-Linie, die Teil der Verbindung zwischen den Häfen Rotterdam (Niederlande) und Genua (Italien) ist. Und er wirbt für die Europäische Eisenbahn-Agentur („Gerade gegründet“), die künftig Zulassungen EU-weit regele. Pieper: „Das Wechseln der Lok vor einer Grenze wird dann überflüssig.“ NRW hinke allerdings bei öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP-Projekten), etwa beim Autobahnausbau, deutlich hinterher.

Das Fazit

Am Ende des fast dreistündigen Treffens ist klar: Es sind alle überzeugte Europäer, die dort am Tisch sitzen. Und sie sehen die Europamüdigkeit oder gar -feindlichkeit mit Sorge. Nicht nur wirtschaftlich. Europa sei ein „Friedens­garant seit mehr als 60 Jahren“, urteilt der Unternehmer Hans-Toni Junius ganz politisch. Und gibt der Runde mit auf den Weg: „Tun Sie ‘was für Europa!“

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