Attentats-Prävention

Potenzielle Attentäter in Schießsport-Vereinen im Visier

Beschlagnahmter Revolver in Obehausen.

Foto: Tom Thöne

Beschlagnahmter Revolver in Obehausen. Foto: Tom Thöne

Hagen.   Die Polizei im Ruhrgebiet geht bei der Prävention möglicher Attentate neue Wege: Sie besuchen Schießsport-Vereine. Eine Umfrage in Südwestfalen.

Das Attentat von Las Vegas mit 59 Toten beschäftigt auch die Experten in Südwestfalen: 143 467 erlaubnispflichtige Schusswaffen sind in der Region zurzeit gemeldet – vom kleinkalibrigen Gewehr bis zum schweren Revolver. Wer eine Waffe besitzen und damit schießen darf, das entscheidet eine Zuverlässigkeitsprüfung. Bei dieser Prüfung versucht die zuständige Waffenbehörde anhand eines Gesprächs zu ermitteln, ob der Antragssteller geeignet ist, eine Waffenbesitzkarte, einen Jagdschein oder einen allgemeinen Waffenschein zu erhalten. Neben Jägern unterziehen sich dieser vor allem Sportschützen.

Die Polizei im Ruhrgebiet geht seit Wochen bei der Prävention möglicher Attentate nun neue Wege: Sie besuchen Betreiber von Schießsport-Vereinen und fordern sie auf, sich Neumitglieder genau anzusehen, bevor sie ihnen die Gelegenheit zum Training mit Waffen geben. Zurzeit sind Beamte im Kreis Recklinghausen unterwegs, verteilen Flyer und warnen vor Fremden, die sich verdächtig verhalten. Wir haben uns in der Region umgehört.

Mehrmonatige Probephase

Die Polizei in Südwestfalen will dem Beispiel im Ruhrgebiet nicht folgen. Dabei spielt einer kleinen Umfrage dieser Zeitung zufolge Personalmangel keine Rolle. „In den letzten Jahren, vor allem seit Winnenden, sind die Waffenrichtlinien verschärft worden“, berichtet Volker Intemann von der Polizei Siegen-Wittgenstein. In Winnenden hatte 2009 ein 17-Jähriger bei einem Amoklauf 15 Menschen erschossen. Natürlich sei man sich der Gefahren bewusst, so Intemann, „aber die soziale Kontrolle funktioniert bei uns so gut, dass die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen ausreichen.“

„Wir machen uns schon ein Bild von den Leuten“, erzählt Intemann. Arbeit bescherten den Beamten immer wieder Bürger, die fahrlässig mit ihrer Waffe umgehen. Er erinnert sich an einen Vorfall, als man einen Jäger anhielt, der mit 2,0 Promille Alkohol im Blut seine auf dem Auto-Rücksitz liegenden Jagdwaffen durch die Lande fuhr. „Natürlich wurde ihm die Waffenbesitzkarte entzogen.“

Enger Kontakt zu Sportschützen

Ulrich Hanki von der Polizei Hagen bestätigt den engen Kontakt zu Sportschützen-Vereinen. Den Kollegen sei lediglich ein Vorfall aus der Vergangenheit bekannt, der zu Ermittlungen geführt habe. Einen großen Waffenschein, der das Tragen einer Waffe in der Öffentlichkeit eingeschränkt erlaubt, besitze niemand.

Kurt Häbel, Vorsitzender der Sportschützen Hengsbach, hat Verständnis für die Aktion im Ruhrgebiet. „Wir Sportschützen mussten uns seit Winnenden immer wieder rechtfertigen, aber in der heutigen Zeit kann man nicht vorsichtig genug sein.“ Interessierte müssten eine mehrmonatige Probephase überstehen. Ein einwandfreies Führungszeugnis sei in jedem Fall nötig.

Schlechte Erfahrung

Häbel erzählt von „einem einzigen Fall“ bei dem „wir schlechte Erfahrungen gemacht haben“: Erst „nach Tagen“ sei ihnen aufgefallen, dass der „Neue politisch als Rechtsaußen aktiv war“. Natürlich habe man sofort reagiert und den Mann ausgeschlossen. Zuvor soll er versucht haben, weitere Kameraden in den Verein zu holen.

Peter Assmann von den Sportschützen Oestrich: „Bei uns kennt jeder jeden.“ Seit Jahrzehnten bestehe der Verein aus nur 50 Mitgliedern. „Wir nehmen keinen mehr auf.“ Der ­Iserlohner Verein sei übervorsichtig. „Seit die RAF in den 1970ern ihr Unwesen trieb, schießen bei uns nur noch Freunde.“ Und sollte jemand auf Waffen scharf sein und die vielen Sicherheitsmaßnahmen des Vereinshauses ausschalten, dann wäre da immer noch „der Tresor aus dem Jahre 1936“.

Abgelehnte Neumitglieder

Fred Kalthaus vom Schützenverein Hagen Unterberg 1895 e. V. ist stolz auf den traditionellen Schützenverein mit 290 Mitgliedern. „Angehende Sportschützen sind die durchleuchtesten Bürger der Republik.“ Ein Restrisiko bestehe immer. „Wir geben unser Bestes, aber wir können den Leuten nicht in den Kopf gucken.“ Daran ändere auch die Initiative im Ruhrgebiet nichts. Im Verein, so Fred Kalthaus, seien auch schon einmal potenzielle Neumitglieder abgelehnt worden. „Aber eher wegen des Sozialverhaltens.“ Wenn jemand im ersten Gespräch frage, wann er seine Waffe haben könne, dann schalte man sofort auf stur, so Kalthaus.

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