Digitalisierung

Projekt PiCastle macht Mittelstand für 4.0 fit

Uranaloge Maschinen können mit PiCastle-Instrumenten in komplett vernetzte Produktionen eingebunden werden.

Uranaloge Maschinen können mit PiCastle-Instrumenten in komplett vernetzte Produktionen eingebunden werden.

Foto: Lars Heidrich

Lüdenscheid.   Im Projekt PiCastle entwickeln Unternehmen aus der Region mit dem Fraunhofer Institut Umsicht Instrumente zur Digitalisierung des Mittelstands.

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Das „Projekt PiCastle“ hört sich gehörig geheimnisvoll und fast ein wenig nach einem Kino-Thriller an. Spannend ist es allemal, ansonsten verbirgt sich hinter diesem Kunstbegriff so ziemlich das genaue Gegenteil von Geheimnis. Erstens geht es um ein reales Angebot an den Mittelstand zur Digitalisierung kleiner und mittelgroßer Unternehmen mit vergleichsweise einfachen Mitteln. Zweitens basiert das Projekt auf der Open-Source-Philosophie, ist also völlig transparent und quasi offen für Interessierte wie eine heruntergelassene Zugbrücke an einer Festung.

Das „Castle“, dass die Tore öffnet, ist im übertragenen Sinne das noch junge Lüdenscheider Unternehmen Screwerk, dass seit drei Jahren als Schraubenproduzent und vor allem Händler kleinerer Margen als Start-up in einer alten Branche ein rasantes Wachstum erlebt. Motor des Projektes sind Alexander Hoffmann und Heiko Schlabach, die Screwerk-Gründer.

IT-Spezialist und Softwareentwickler Schlabach und sein alter Schulfreund, der Unternehmer Hoffmann, starteten in einer bis dato unentdeckten Nische mit riesigem Bedarf bei Null mit E-Commerce und einer Schraubenvariante, die sie in kleinen Losgrößen vertrieben haben. Bis dahin waren Kunden weltweit gezwungen, eine sechsstellige Zahl beim Produzenten abzunehmen, auch wenn sie nur ein paar Tausend brauchten.

Der „Graph“ als Herzstück

Das Konzept geht auf. Mittlerweile sind knapp 10 000 Schraubenvarianten im Programm. Betrug der Jahresumsatz 2016 bereits zwei Millionen Euro, wurde er 2017 verdoppelt. „Ende des Jahres werden wir bei rund zehn Millionen Euro liegen. Das Ziel ist es, aus Screwerk in drei bis fünf Jahren eine 100 Millionen-Euro-Firma zu machen“, sagt Hoffmann. Screwerk hat mittlerweile aus einer maroden alten Fabrik eine schicke Zentrale mit Produktion und Lager gemacht, verfügt über einen zweiten Produktions-Standort in Haan und hat einen dritten konkret im Auge.

Dass Screwerk als B2B-Plattform für Schrauben kleine Margen bis hin zur Losgröße 1 anbieten kann, hat mit dem speziellen Ansatz zu tun. Wirtschaftlich umsetzbar ist dies allein mithilfe digitalisierter Arbeits- und Geschäfts-Prozesse, deren Herzstück die von Schlabach entwickelte Datenbank „Graph“ ist.

Das Pi-Labor

In der PiCastle-Initiative werden nun seit dem Sommer zusammen mit den Firmen Möhling aus Altena, Schlicker aus Radevormwald, GWI aus Iserlohn und dem Fraunhofer Institut Umsicht aus Oberhausen die notwendigen Werkzeuge für eine individuell angepasste Digitalisierung mittelständischer Betriebe mit weitgehend analogen Maschinen und Abläufen entwickelt. „Wir haben hier einen sehr heterogenen Mittelstand, also müssen die Instrumente auch flexibel anpassbar sein“, erklärt Hoffmann. Einige Standards wird es aber schon geben, beispielsweise den bereits entwickelten digitalisierten Schaltschrank. „Den haben wir im ,PI-Labor’ entwickelt“, sagt Hoffmann. Am sogenannten „Pi-Dienstag“ treffen sich die Entwickler und Entscheider der beteiligten Projektpartner. Gebaut wird der Schrank vom Unternehmen GWI nach Plänen aus dem Projekt.

Josef Robert, Abteilungsleiter am Fraunhofer Institut Umsicht in Oberhausen, sieht enormes Potenzial in Lüdenscheid. „Ich traue Screwerk Einiges zu. Gäbe es Aktien, würde ich heute welche kaufen.“ Was morgen ist, wie lange große Konkurrenten in der Branche dem kometenhaften Aufstieg der Lüdenscheider schulterzuckend zuschauen, weiß man natürlich nicht. Der Pi-Castle-Ansatz der Digitalisierung des Mittelstandes bleibe davon unbenommen sehr vielversprechend. „Bei Screwerk geht es um Automatisierung des Lagers und eine 24 Stunden auftragsbezogene Fertigung. Das ist auf viele Maschinen übertragbar, nicht nur in der Schraubenbranche“, sagt Josef Robert.

Leuchtturm Screwerk

Fraunhofer Umsicht unterstützt die Pi-Castle-Initiative zum einen bei der Erschließung von Fördermitteln. Zum anderen sei man auch bei der Entwicklung der Technologie im Boot. Zusammen mit dem graphenbasierten Datenbanksystem, dem nicht einmal Zigarettenschachtel großen Einplatinencomputer „Rasperry Pi“, einem eigens entwickelten Steckersystem der Firma Schlicker, das durchgängige Vernetzung innerhalb eines Unternehmens zulässt, und gegebenenfalls einigen handelsüblichen Monitoren, können Unternehmen ihre Ressourcen in einem durchgängigen System vernetzen und steuern.

Grundprinzip beim PiCastle-Projekt ist und bleibt der offene Standard. „Es sollen ruhig Softwareanbieter und Dienstleister unsere Werkzeuge nutzen“, wirbt Hoffmann für ein neues, offenes Denken – das am Ende auch zur Transformation Richtung Digitalisierung zu gehören scheint.

Konkret arbeitet die PiCastle-Initiative gerade daran, dass es im kommenden Jahr einen Onlineshop geben kann, in dem dann interessierte Unternehmen nach dem Baukastenprinzip die Hardware für ihre Digitalisierung finden sollen.

Dass der Ansatz funktioniert, zeige das Beispiel Screwerk, bestätigt nicht nur Fraunhofer-Abteilungsleiter Josef Robert. Das Unternehmen war laut Focus-Ranking 2018 das derzeit schnellstwachsende E-Commerce Unternehmen Deutschlands.

Für Anfang 2019 hat sich NRW-Digitalminister Andreas Pinkwart angekündigt, um sich vor Ort in Lüdenscheid selbst ein Bild davon zu machen, wie dem Mittelstand der Sprung ins digitale Zeitalter gelingen kann.

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