Fridays for Future

Protest in Meschede: „Können die Welt nicht allein retten“

Die Schülerinnen und Schüler nehmen die Politik in die Pflicht.

Die Schülerinnen und Schüler nehmen die Politik in die Pflicht.

Foto: Ralf Rottmann

Meschede.   160 Schülerinnen und Schüler protestieren in Meschede gegen die Klimapolitik. Nicht jeder versteht die Motive der jungen Menschen.

Der Unterkiefer von Mareen Klute zittert. „Auch wenn das vielleicht komisch klingt“, sagt sie, „ich bin stolz auf uns, auf mich, dass wir jetzt hier stehen.“ Hier vor dem Rathaus in Meschede, wo der Wind seit anderthalb Stunden eisig herzieht, wo der Bürgermeister vor die Tür gekommen ist. Wegen Mareen Klute und der anderen 160 jungen Menschen, die Plakate in den Händen halten.

„Wenn das Klima eine Bank wäre, wäre es längst gerettet“ steht auf einem. „Macht ihr eure Hausaufgaben, dann machen wir auch unsere“ auf einem anderen.

Fridays for Future heißt die Bewegung, die die 16-Jährige Greta Thunberg (16) ausgelöst hat, indem sie stets freitags die Schule schwänzt und vor dem schwedischen Parlament für eine bessere Klimapolitik demonstriert. Ihrem Beispiel folgen inzwischen Tausende in Deutschland. In Köln, Münster, Paderborn und vor dem Landtag in Düsseldorf gab es gestern erneute Demonstrationen.

Gute Sache? Oder der Zeitvertreib von Kindern, die nicht in die Schule wollen?

Bis zu 170 Teilnehmer

Mareen Klute (18), Schülerin am Gymnasium der Stadt Meschede, hatte die Idee zum Protest. Zusammen mit ihrem Schulkollegen Marcel Marcon (19) setzte sie sie um. Sie meldeten schon vergangene Woche ihren Protestmarsch vom Kreishaus zum Rathaus an. Auch da waren es 160, 170 Schüler. „Ich möchte, dass auch meine Kinder diesen Planeten so kennenlernen können, wie ich es konnte“, sagt Marcel Marcon. Seine Nase ist gerötet von der Kälte, die Stimme brüchig. Er gibt während des Protestmarschs durch die Fußgängerzone die Parolen über Megafon vor, die anderen wiederholen sie. „Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns unsere Zukunft klaut.“

Friday for Future - die Klima-Demo in Meschede

160 Schülerinnen und Schüler demonstrieren in Meschede für eine bessere Klima-Politik. Weitere Aktionen sind geplant.
Friday for Future - die Klima-Demo in Meschede

Passanten bleiben stehen, schauen, manche filmen mit dem Handy. Anwohner machen die Fenster auf. Wer klaut was? Ach, nur die Zukunft. Fenster zu.

Kritik von Armin Laschet

So diffus, wie die Gefahr des Klimawandels für den einen oder anderen zu sein scheint, so diffus ist die Stimmungslage rund um den Protest. Kritik gibt’s vor allem daran, dass sich der Protest während der Schulzeit formiert. Zuletzt formulierte ihn NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Anders wäre „glaubwürdiger“, sagt er.

„Wir wollen die Schüler ja zu Menschen erziehen, die Verantwortung übernehmen. Von daher ist das Engagement grundsätzlich gut“, sagt die Schulleiterin des Gymnasiums der Stadt Meschede, Claudia Bertels, „aber ich denke, es ließe sich auch Zeit dafür außerhalb der Schulzeit finden.“

Unentschuldigtes Fehlen

Sie hat im Kollegium verordnet, dass die Absenz als unentschuldigtes Fehlen auf dem Zeugnis ausgewiesen wird. Ebenso handhabt es das Benediktiner-Gymnasium.

An diesem Freitag ist ein Eintrag nicht nötig. Es gab Zeugnisse, seit 10.05 Uhr ist schulfrei. Um 11.30 beginnt die Demo. Mit genauso viel Beteiligten wie vergangene Woche.

„Ich kann den Reflex zur Kritik verstehen. Aber die Vorwürfe machen mich traurig“, sagt Organisator Marcel Marcon. Er hat das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Vor allem im Internet. Vor allem gegen den Typus AfD-Wähler, sagt er. „Die ältere Generation wirft uns doch oft vor, dass wir uns nicht genug engagieren. Es geht ja nicht darum, den Leuten ihren Lebensstandard wegzunehmen, es geht nicht nur um ihre Diesel-Autos.“

Dieselfahrer seit 50 Jahren

Ein weißhaariger Mann sieht die Schüler vorbeiziehen. „Ich bin dafür, die Umwelt zu schonen“, sagt er. „Aber es wird mir zuviel auf die Dieselfahrer geschoben.“ Er ist über 80, Dieselfahrer, „seit 50 Jahren“, sagt er.

Es ist kurz vor zwölf. Sagt die Kirchturmuhr im Ortskern. Sagen die Schüler. Sie haben das Rathaus erreicht, umzingeln den Eingang, skandieren weiter. Sie haben Fragen. Warum müssen nachts menschenleere Parkplätze taghell erleuchtet sein? Warum werden nicht alle städtischen Gebäude mit Solaranlagen auf dem Dach versehen? Wie könnten Bus und Bahn attraktiver werden?

Der Bürgermeister spricht

Christoph Weber, der Bürgermeister tritt vor die Tür. Applaus. Er redet über Wind- und Solar-Energie, über Luftverschmutzung, über Obstbäume. Er ist ein Politiker. „Jetzt fang doch mal an zu antworten“, sagt eine Schülerin leise.

Tja, Antworten. Die sind selten. Fragen sind in der Überzahl. Was tut ihr denn für das Klima? Ihr, die ihr auf die Straße geht? Besitzt ihr nicht eines dieser Handys mit der verheerenden Öko-Bilanz? Kauft ihr nicht auch das modische Oberteil für sechs Euro? „Ich versuche schon viel, lasse das Auto stehen, achte auf Müllvermeidung“, sagt Mareen Klute, die Ideengeberin. „Es fängt im Kleinen an. Aber allein können wir nicht die Welt retten.“ Sie meint: Es braucht die Hilfe der Politik.

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