Terror

Psychiaterin Saimeh: Radikale sind nicht "krank"

Blumen und Kerzen an einem der Tatorte der Paris-Attentate.

Blumen und Kerzen an einem der Tatorte der Paris-Attentate.

Foto:  Ian Langsdon

Lippstadt.  Die forensische Psychiaterin Nalah Saimeh über Terror und Gewalt, die Angst vor der Komplexität moderner Gesellschaften und die Fähigkeit zum Töten.

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Wie kann es sein, dass junge Männer plötzlich zu Massenmördern werden? Was geht in ihnen vor? Fragen an Dr. Nalah Saimeh, Ärztliche Direktorin des LWL-Zentrums für forensische Psychiatrie in Lippstadt.

Sind diese Terroristen vom IS eigentlich verrückt? Kranke? Wahnsinnige?

Nahlah Saimeh: Nein. Eine psychische Erkrankung führt dazu, dass Menschen im Alltag in vielen Bereichen sehr eingeschränkt sind. Auch haben Terroristen im Regelfall den Bezug zur Realität nicht verloren. Für einige ihrer Vorhaben braucht es gute Logistik, überlegte Planung und psychische Stabilität.

Wie unterscheiden sie sich dann von uns?

Saimeh: Menschen, die sich radikalisieren, sehen nur noch Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß, keine Grautöne mehr. Sie haben sehr einfache Lösungen parat für Probleme, die sie in der Gesellschaft oder in der Weltgemeinschaft sehen und empfinden sich allein auf der richtigen Seite. Sie kennen keine Zweifel und kein Zögern mehr.

Und damit rechtfertigen sie extreme Gewalt?

Saimeh: Radikales Gedankengut allein macht einen Menschen noch nicht zum Mörder. Da müssen noch andere Faktoren dazu kommen wie z.B. eine allgemeine Gewaltbereitschaft, ein bestärkendes Milieu und manchmal auch persönliche Unzufriedenheiten mit dem Leben, so wie es gerade für den Betreffenden ist. Es gibt unterschiedliche Typen. Manche haben sowieso eine sehr niedrige Schwelle für Gewalt. Sie bejahen Gewalt als Mittel, um Probleme zu lösen oder eigene Interessen durchzusetzen. Dazu kommen Psychopathen: gewaltbereit, sehr manipulativ, machtversessen. Das sind dann häufig die Demagogen. Sie können labile, unzufriedene Leute extrem gut beeinflussen. Typisch für die Strategie der Demagogen und für den Fanatisierungsprozess ist, dass man meint, alles Elend kommt von außen. Terror entsteht durch den nach außen verlagerten inneren Feind. In einem Prozess der Entmenschlichung werden die anderen nur noch als Ungeziefer gesehen, das es zu vernichten gilt. So wurden auch im Dritten Reich vorher unauffällige Menschen zu Mördern.

In der Gruppe fällt Töten leichter?

Saimeh: Es läuft bei allen Ideologien, ob politisch oder religiös, nach dem gleichen Prinzip: Es gibt eine Erlöserlehre und eine charismatische Führerfigur. Wenn die eigene Gruppe, die im Besitz der absoluten Wahrheit ist, sich durchsetzt, wird alles gut. Wer sich dem entgegenstellt, muss weg. Vielleicht muss man sich überwinden, um zu töten, aber das wird dann eben als Pflicht empfunden. Und bei den Islamisten kommt noch das Heilsversprechen im ewigen Paradies dazu.

Gibt es einen Rausch der Gewalt?

Saimeh: Die Fähigkeit und Bereitschaft zum Töten ist im Menschen angelegt und hat uns die gesamte Geschichte über begleitet. Dass unsere Gesellschaft friedlicher wird, dass Vergewaltigung in der Ehe eine Straftat ist und Gewalt in der Kindererziehung ein Tabu – das ist eine recht neue und historisch einzigartige Entwicklung. Das ist ein großer zivilisatorischer und kultureller Fortschritt. Deshalb erschrecken wir uns so über blutige Gewalt, bei der narzisstische Zerstörungslust und Allmachtsphantasien eine Rolle spielen können.

Aber sie wollen Terrorismus nicht medizinisch interpretieren?

Saimeh: Das zu betonen, ist mir sehr wichtig: Terrorismus und Extremismus sind kein Problem der Psychiatrie. Man darf hier nicht ein hoch komplexes Problem von globalen Ausmaßen plötzlich zum Thema ärztlicher Heilkunst herunter reden. Das wäre eine extreme Verharmlosung und Bagatellisierung. Die forensische Psychiatrie befasst sich aber mit der Analyse gewalttätiger Entwicklungen von Individualpersonen.

Woran liegt es denn nun also?

Saimeh: Es gibt viele Ursachen. Aber eine wichtige liegt darin, dass unsere freie Gesellschaft auch viel von uns verlangt. Ein junger Mensch muss in Westeuropa eigenverantwortlich entscheiden, wie er mit den Angeboten und Versuchungen umgeht, etwa mit Drogen oder schnellem Sex. Die Verbotsinstanz ist in uns selbst. Unsere Erziehung zielt auf die Internalisierung von Normen und Werten auch ohne äußere Kontrolle. Das klappt mehr oder weniger gut. In anderen Kulturen wird die Einhaltung von Regeln sehr viel mehr durch äußere Kontrolle erzeugt. Dieses Spannungsfeld überfordert einen Teil der Menschen, sie können mit der Vielschichtigkeit und Komplexität unserer modernen Gesellschaft nur schwer umgehen. Wenn sie den großen Vereinfachern folgen, schwinden ihre Angst und innere Unsicherheit.

Was könnte man dagegen setzen?

Saimeh: Wir müssen massiv in Präventionsarbeit investieren in Schulen, Berufsschulen, Jugendzentren etc. Wir brauchen Unterricht zur Vermittlung der Grundlagen unserer Gesellschaft, Ethikunterricht, Unterricht über die Beschaffenheit unserer Werte und vor allem auch über die im Rechtsstaat gültigen und unverbrüchlichen Grenzsetzungen. Es ist nicht alles erlaubt. Der Begriff der Freiheit wird schnell falsch verstanden. Ein weiteres Thema ist auch, dass es eine Gruppe junger Männer gibt, die zu den Bildungsverlierern gehört und für deren überzeichnete männliche Rollenstereotype wie Kämpfertum, Mut, Härte wir keinen Platz mehr haben.

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