Prozess

Raserprozess von Hövel: Gericht besichtigte Unfallstelle

Das Gericht machte sich vor Ort ein Bild, wie der Unfall zwischen Sundern und Balve abgelaufen ist.

Das Gericht machte sich vor Ort ein Bild, wie der Unfall zwischen Sundern und Balve abgelaufen ist.

Foto: Julia Tillmann

Sundern/Arnsberg.   Im Prozess nach dem tödlichen Raserunfall bei Hövel hat das Gericht die Unfallstelle besichtigt. Zudem gab ein Angeklagter eine Erklärung ab.

Er hat einst den hippokratischen Eid abgelegt und gelobt, keinen Menschen zu schaden. Jetzt sitzt der 42 Jahre alte Mediziner aus Hemer im Landgericht Arnsberg auf der Anklagebank und bemüht am zweiten Verhandlungstag im so genannten Raser-Prozess in der von seinem Anwalt verlesenen persönlichen Erklärung eben jenes Arztgelöbnis, um seine Integrität zu unterstreichen: „Ich bin Arzt aus Überzeugung.“

Doch er krachte alkoholisiert am 1. August 2018 zwischen Sundern-Hövel und Balve-Beckum mit seinem PS-starken Audi Q5 in einen entgegen kommenden Pkw. Der Anklage zufolge ist er dafür verantwortlich, dass fünf Menschen zu Schaden kamen – eine 70 Jahre alte Frau aus Neheim verlor bei dem Unfall ihr Leben, vier weitere Insassen überlebten lebensgefährlich verletzt und haben bis heute unter den Folgen des traumatischen Ereignisses zu leiden.

Pkw-Insassen lernten sich bei Rom-Fahrt kennen

„Es war wirklich ein schöner Abend“, sagt im Zeugenstand das 69 Jahre alte Unfallopfer, dass den VW Golf mit den fünf Senioren lenkte. Ein Abend, der jäh endete. Die Sauerländer, die sich von einer gemeinsamen Rom-Fahrt her kannten, hatten sich zum Essen in Menden getroffen und wollten das Treffen noch auf einer Terrasse einer Teilnehmerin in Langscheid ausklingen lassen.

Kurz vor dem Abzweig in Richtung Sorpesee kommt auf der Bundesstraße 229 der Beschreibung der Fahrerin zufolge ihrem Wagen zunächst ein roter Porsche mit „sehr hoher Geschwindigkeit“ entgegen, unmittelbar dahinter ein „helles Fahrzeug schlingernd“ – auf ihrer Spur. „Ich rufe noch: Was machen die da vorne? Fahren die ein Rennen?“, so die Sundernerin. Dann hört sie nur noch einen „fürchterlichen Knall“.

Ortstermin an der Unfallstelle

Die 2. Große Strafkammer des Landgerichts hat nach den Zeugenaussagen einen Ortstermin an der Unfallstelle unweit der Bushaltestelle „Melscheder Forsthaus“ festgelegt. Mehrere gelbe Markierungen erinnern an die Untersuchungen eines Dekra-Gutachters und geben bedrückende Hinweise auf das, was sich in Bruchteilen von Sekunden abgespielt haben muss.

Zwar dauert der Termin nur acht Minuten, aber man erhält einen Eindruck, welche Kräfte gewirkt haben müssen, dass nach der Kollision der VW Golf noch Meter nach hinten gedrückt wurde.

Ein Totalschaden auch für das Leben der Golf-Insassen. Im Kopf der 69-jährigen Fahrerin hat sich das Bild eingebrannt, wie die 70-jährige Mitfahrerin aus Neheim nach dem Unfall mit gebeugtem Körper nach vorne in der Mitte des Rücksitzes kauert.

Auf der Intensivstation eines Krankenhauses hört sie, wie Ärzte sagen: „4 Mal rot, 1 Mal schwarz.“ Da sei für sie klar gewesen, dass ihre Bekannte nicht überlebt hatte. „Ich werde nicht damit fertig, dass sie in meinen Auto gestorben ist.“

Feinmotorik bis heute eingeschränkt

Neben den seelischen Schmerzen kommen bis heute körperliche hinzu. Bewegungen tun weh, die Feinmotorik ist eingeschränkt: „Durch die Nervenquetschungen fallen mir Sachen aus der Hand“, sagt die 69-Jährige, „und ich kann keinen Knopf mehr richtig schließen.“ Sie muss mit erheblichen Beeinträchtigungen in alltäglichen Dingen leben. Die Ärzte machen ihr wenig Hoffnung, dass sich dieser Zustand grundlegend verändert.

Auch die anderen Insassen – der 79-jährige Ehemann der Verstorbenen aus Neheim, eine 64-Jährige aus Sundern und ein 68-jähriger Arnsberger, haben eine Vielzahl an Knochenbrüchen und sonstigen Verletzungen erlitten. Ihr Leben ist nicht mehr, wie es vorher war.

Mehrere Flaschen Alkohol getrunken

Nach jeder Zeugenaussage entschuldigt sich der angeklagte Arzt. In seiner persönlichen Erklärung spricht er von einer „Vielzahl falscher Entscheidungen“ am Unfalltag. Er sei „emotional aufgewühlt“ gewesen, weil wegen seiner finanzielle Schieflage der Verlust seines Pkw gedroht habe.

Zudem habe er sich über „Berichterstattungen“ und über NRW-Ministerpräsident Laschet geärgert. Diesen habe er an dem Tag bei der Polizei angezeigt. Nähere Angaben macht er nicht.

„Meinen Frust und Ärger habe ich mit mehreren Flaschen Alkohol heruntergespült.“ In diesem Zustand sei er in sein Auto gestiegen. Nachdem der Porsche des anderen Angeklagten – ein 58-Jähriger aus Soest – ihn überholt und knapp vor ihm eingeschert sei, habe er in einer Kurve das Lenkrad verrissen und sei in den Gegenverkehr geraten.

Er sei kein Rennen gefahren, beteuert der Arzt aus Hemer, und habe sich auch nicht durch irgendwelche Provokationen dazu hinreißen lassen. „Ich bin vom Naturell her nicht aufbrausend und jähzornig. Und kein Wettbewerbs-Typ.“

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