Reitsport-Serie

So verbringt Weltmeister Damon Hill seine „Sport-Rente“

Zu Besuch bei Damon Hill: Jil-Marielle Becks mit dem Weltmeister-Hengst, der bei der Familie Becks in Senden sein Rentnerdasein genießt. 

Zu Besuch bei Damon Hill: Jil-Marielle Becks mit dem Weltmeister-Hengst, der bei der Familie Becks in Senden sein Rentnerdasein genießt. 

Foto: Falk Blesken / WP/Falk Blesken

Senden.  Einst entzauberte er bei der DM in Balve den Wunderhengst Totilas. Nun unterbricht Damon Hill nur noch für eine Sache seinen Ruhestand.

Er habe keine Allüren – sagte Jil-Marielle Becks. Er habe einen Top-Charakter – sagte Jil-Marielle Becks. In diesem Moment scheint ihm all das jedoch ziemlich egal zu sein. Den Kopf für ein Foto heben? In die Kamera schauen? Das gehörte zur fast täglichen Routine in den vergangenen Jahren, schließlich war er einer der Superstars seiner Zunft.

Doch jetzt weigert sich Damon Hill. Nicht, weil er plötzlich Allüren oder sein Charakter sich gewandelt hätte. Heu. In seiner Box liegt ihm zu Hufen: Eine Portion Heu. Und die – reizt den Rentner mehr. Verständlicherweise.

Eine Bauernschaft bei Senden im Münsterland, hier lebt die Familie Becks. Ihr gehört der mittlerweile 19-jährige Hengst, der einst mit Reiterin Helen Langehanenberg zu den besten Dressurpaaren der Welt zählte und der nun auf der idyllisch gelegenen Anlage sein Leben nach Leistungssport und einer Bilderbuch-Karriere genießt.

Die Erfolge

In Bad Sassendorf-Opmünden bei Züchter Heinrich Sauer geboren, gewann Damon Hill bereits 2005 mit Helen Langehanenberg als Reiterin die Weltmeisterschaft der Jungen Dressurpferde. Auch 2006 holte er diesen Titel. Ab 2010 startete der Hengst richtig durch. Höhepunkte waren 2012 die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in London mit der deutschen Mannschaft sowie 2014 der WM-Titel mit der Mannschaft und jeweils die Vize-Weltmeisterschaft im Grand Prix Special sowie in der Kür.

Der Reiterwechsel

Als im November 2014 bekannt wurde, dass sich die Wege von Langehanenberg und Damon Hill trennen, herrschte Entsetzen unter den Dressur-Fans. „Die Vorstellungen über die Konditionen gingen zu weit auseinander“, begründete Besitzer Christian Becks in einer Pressemitteilung damals das Scheitern der Verhandlungen zwischen Eigentümerfamilie und Langehanenberg.

Bis zu seiner „Sport-Rente“ ab 2017 wurde der Hengst von Jil-Marielle Becks geritten und er trug die heute 21-Jährige zu etlichen Siegen. Unter anderem gewann das Duo den Preis der Besten in Warendorf in der Altersklasse der Jungen Reiter (U21).

Damon Hill, der Lehrmeister

„Dami hat mir eine Menge beigebracht“, sagt Jil-Marielle Becks über den Mannschafts-Weltmeister von 2014. Wie das zu verstehen ist? „Er hat mich dazu erzogen, korrekt zu reiten“, erklärt sie.

Auf Fehler oder die falschen Hilfen reagierte der „Lehrmeister“ nämlich unverzüglich. Piaffe sei zum Beispiel nicht gleich Piaffe „und durch ihn weiß ich jetzt, wie sich eine Piaffe richtig anfühlen soll“, erzählt Becks. Ein strenger Lehrer sei Damon Hill aber nicht gewesen. „Er kämpft für seinen Reiter und ist immer gut gelaunt“, sagt sie und ergänzt: „Er ist wirklich ein außergewöhnliches Pferd.“

Die Verkaufsabsichten

„Der gehört zur Familie. Er hat uns so viel Tolles, so schöne Zeiten beschert“, sagt Christian Becks, „wir haben nie darüber nachgedacht, ihn zu verkaufen.“ Zwei „dicke Angebote“ seien damals eingetrudelt, als Damon Hill Erfolge en masse einheimste, „aber er hat so viel für uns getan, jetzt tun wir etwas für ihn und wir denken, dass er sich dabei sehr wohl fühlt“, erzählt Becks. „Wenn wir ihn verkauft hätten, wäre es uns jeden Tag schlecht gegangen.“

Der heutige Alltag

Einen Sattel sah der 19-Jährige bereits seit langer Zeit nicht mehr. Er ist aber noch als Deckhengst gefragt, muss regelmäßig zur Hengststation und genießt ansonsten das Leben. „Ich gehe mit Strick und Halfter mit ihm spazieren und lasse ihn in Ruhe grasen“, erzählt Jil-Marielles Mutter Melanie Becks. Denn das ist das, was Damon Hill als Rentner am liebsten macht: Fressen. Kraftfutter, frisches Gras – oder eben Heu.

Dass er tatsächlich keine Allüren oder einen veränderten Charakter hat, beweist der Hengst dann auch noch. Als das letzte Heu in seiner Schnauze verschwunden ist, schaut er in die Kamera. Und weil Damon Hill, der abertausende Mal fotografiert wurde, ein Profi ist, spitzt er sogar vorbildlich die Ohren.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben