Ballett

Ricardo Fernando vertanzt Musik der Rolling Stones in Hagen

| Lesedauer: 4 Minuten
Szene aus  Malasombra  von Choreograph Cayetano Soto. Mit (v.l.):  Nikolaos Doede, Ana Isabel Casquilho, Jiwon Kim Doede und Toshitaka Nakamura

Szene aus Malasombra von Choreograph Cayetano Soto. Mit (v.l.): Nikolaos Doede, Ana Isabel Casquilho, Jiwon Kim Doede und Toshitaka Nakamura

Hagen.   Mit „Satisfaction“ verabschiedet sich Ballettdirektor Ricardo Fernando vom Theater Hagen. Wir verraten, warum man den dreiteiligen Abend gesehen haben muss

Rock’n’Roll ist nicht nur die Bezeichnung für einen Musikstil, sondern beschreibt vor allem ein Lebensgefühl. Darin sind die Pole weit gespannt, und die Extreme zwischen strahlender Glückseligkeit und schwärzestem Verlorensein lotet der neue Ballettabend im Theater Hagen mit drei eindringlichen Choreographien aus. Das Publikum feiert bereits jedes ­einzelne Stück mit Beifall im ­Stehen und will am Ende gar nicht mehr aufhören zu applaudieren. Diese Begeisterung gilt Ballett­direktor Ricardo Fernando, der mit „Satisfaction“ seine letzte Arbeit am Theater Hagen vorstellt und ab Sommer in Augsburg wirken wird.

Nach den Sternen greifen

(I can’t get no) Satisfaction: Der Liedtitel ist Programm. Es ist nie genug; in der Kunst greift Ricardo Fernando täglich nach den Sternen. Und so vertanzt er neun Hits von den Rolling Stones als Hommage an die ewig junge, befruchtende Kraft der Musik. Fünf rote Telefonzellen möblieren den Schwarzraum der Bühne, und hier treffen sich die jungen Männer und Frauen, in Minikleidern und angedeuteten Polohemden wie in den 1960ern, um ihre noch unschuldigen Träume zu leben, Eifersucht und Liebe zu erfahren, Trennungsschmerz zu ertragen und den Blick auf eine verwirrende Welt zu richten. In dieser Choreographie entstehen betörend schöne Momente, absolut virtuos getanzt und bei aller Tiefenschärfe doch immer von einer gewissen wehmütigen Leichtigkeit durchdrungen und von tiefer, tiefer Poesie.

„Satisfaction“ schließt den Dreier-Abend ab, aber die Dramaturgie der Produktion lässt sich gut von hinten nach vorne lesen. Denn diese jungen Menschen, die so elektrisiert sind vom Zauber einer neuen Musikrichtung, wissen noch nicht, dass der Rock’n’Roll eine gefährliche Nachtseite hat. Die erkundet Stéphen Delattre zum Auftakt mit „Black Snow“, das ebenso wie „Satisfaction“ eine Uraufführung ist. Das Stück führt in die tödlichen Abgründe der Drogensucht, und der französische Choreograph findet Bilder von großer Macht und mischt Tanztheater mit Ballett, um den vergeblichen Kampf eines jungen Mannes gegen die schwarzen Spiegelmänner zu erzählen, die in dieser Geschichte die Droge und das Geschäft mir ihnen symbolisieren. Der Horrortrip der zugedröhnten Zombies mit ihren Leuchtleisten an den Armen kehrt die Innenwelt eines Alptraums nach außen, ebenso berückend wie bedrückend.

Miguel Esteves tanzt dieses Schicksal mit unvergleichlicher Intensität, durchmisst den Weg vom fröhlichen, neugierigen Teenager bis zum einsamen Wrack. Das ist eine beispiellose Leistung, denn keine Sekunde lang lässt Esteves in seiner Spannung und Konzentration nach, und das, obwohl er sich kurz vor der Premiere bei den Proben eine schwere Verletzung zuzog. Tal Eitan ist die Mutter, die vergeblich versucht, ihren Sohn aus diesem inneren Gefängnis wieder herauszuziehen, ihn aber nicht erreichen kann. „Black Snow“ ist Erzählballett im besten Sinne des Wortes und vereint technische Perfektion mit Ausdrucksmacht.

Die schwarze Seite des Rock

Auch bei „Malasombra“ von Cayetano Soto geht es um die Schattenseiten des Rock’n’Roll. Der spanische Choreograph stellt die Musik der Sängerin La Lupe in den Mittelpunkt, der „Queen of Latin Soul“, die verarmt und vergessen starb. Zu den heißen lateinamerikanischen Rhythmen präsentiert Cayetano Soto auf einem Laubboden eine bewusst widerständige Endlosschleife aus genau abgezirkelten, ritualisierten Bewegungen. Hier wird eine sexuelle Komponente des Rock erforscht, die weit über Teenager-Liebeskummer hinausgeht. Die Grenzen zwischen der Geschlechterrollen-Zuweisung verschwimmen, und ein latent aggressiver Grundton deutet an, dass Begierde jederzeit in Gewalt umschlagen kann. Die Tänzer müssen sich in diesem Stück unglaublich konzentrieren, weil ihre Bewegungen wie ferngesteuert und synchron erfolgen.

So zeigt der Abend im Dreierschritt die atemberaubende Vielseitigkeit und das hohe tänzerische Niveau der Hagener Compagnie, die unter der Leitung von Ricardo Fernando mit Liebe und Begeisterung immer neue künstlerische Räume eröffnet und das Publikum an einen faszinierenden Reichtum von Handschriften, Stilen und Erzähltechniken herangeführt hat. Danke, Ricardo Fernando, für 14 wunderbare Jahre.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sauer- und Siegerland

Liebe Nutzerinnen und Nutzer:

Wir mussten unsere Kommentarfunktion im Portal aus technischen Gründen leider abschalten. Mehr zu den Hintergründen erfahren Sie
» HIER