Gewerkschaften

Rückblick des DGB-Vorsitzenden Andreas Meyer-Lauber

Der studierte Lehrer Andreas Meyer-Lauber (65) war zuvor GEW-Landesvorsitzender als er 2010 zum Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in NRW gewählt wurde.

Der studierte Lehrer Andreas Meyer-Lauber (65) war zuvor GEW-Landesvorsitzender als er 2010 zum Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in NRW gewählt wurde.

Düsseldorf/Hagen.   Der Hagener Andreas Meyer-Lauber tritt nach sieben Jahren an der Spitze des DGB-NRW aus Altersgründen zum Jahresende ab. Ein Rückblick.

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Das ewige Hin und Her hat bald ein Ende. Ein paar Tage noch, dann ist Schluss für Andreas Meyer-Lauber als Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Nordrhein-Westfalen. Mehr als sieben Jahre lang war die Strecke Hagen – Düsseldorf – Hagen für den 65-Jährigen der tägliche Arbeitsweg. Nicht dramatisch, aber der obligatorische Stau zwischen Wuppertal und der Landeshauptstadt ließ über die Jahre sicher mehr Zeit zum Nachdenken als einem lieb sein kann. Ein Rückblick mit der WESTFALENPOST. „Das Land hat 25 Jahre von der Substanz gelebt. Ein großes Versäumnis“, sagt Meyer-Lauber, der sich kontinuierlich für mehr Investitionen im Land eingesetzt hat, private wie der öffentlichen Hand. Rückblickend sind während seiner Amtszeit nicht nur auf der Straße Baustellen offen geblieben, aber es ist auch vieles erreicht worden in Meyer-Laubers Zeit als Spitzengewerkschafter.

Aufholjagd bei Löhnen und Gehältern

Zu allererst fällt ihm da die „Aufholjagd in der Tarifpolitik in den letzten Jahren und die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns“ ein. Letzteren können sich die Gewerkschaften zwar nicht allein auf die Fahne schreiben, aber sie waren der Motor für die Politik – und Meyer-Lauber ein Rad im Getriebe, das in der Sache unermüdlich lief, zum Werben auch schon mal im Morgengrauen vor Bahnhöfen. „Der Mindestlohn ist ein politischer Erfolg. Er löst zwar nicht alle Probleme, legt aber immerhin eine Untergrenze fest.“

Der Krach um die Beamtenbesoldung

Und sonst? „Wir haben dafür gesorgt, dass der öffentliche Dienst nicht von der allgemeinen Lohnentwicklung abgekoppelt wird und haben in NRW für eine Wende gesorgt. Es werden wieder mehr Menschen im öffentlichen Dienst eingestellt.“

Beim Thema Beamtenbesoldung hatte es der DGB-Chef seinerzeit im Streit mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft mächtig krachen lassen. „Das hat sich gelohnt. Ich glaube sogar, dass es stilbildend war. Wir haben gezeigt, dass wir Konflikt und Kooperation können, egal wer regiert. Ich bin überzeugt, dass sich die neue Landesregierung an die Spielregeln halten wird.“ Zur Erinnerung: Es war 2013/14 eine Frage der Gerechtigkeit – die Landesregierung hatte vor, 700 Millionen Euro dadurch einzusparen, dass der Tarifabschluss für Angestellte im öffentlichen Dienst nicht auf höhere Beamte übertragen werden sollte. Aus Gewerkschaftssicht war das aus der Politik zu hörende Argument, dass es ja nicht die Ärmsten im Lande getroffen hätte, kein akzeptables. „In Zeiten zum Beispiel des Lehrermangels gilt es, den Beruf attraktiver zu machen, damit mehr junge Menschen ihn ergreifen. Sparen ist das völlig falsche Signal.“

Kein Fortschritt beim Thema Armut

Ein Thema, bei dem sich aus Meyer-Laubers Sicht zu wenig bewegt hat: „Die Armut, auch die Kinderarmut ist nicht weniger geworden. Dass Armut erblich ist – und das ist so –, ist in einer demokratischen Gesellschaft ein schlimmes Defizit!“ Dies zeige sich auch beim Thema Bildung. Aufstieg durch Bildung, eine alte Hoffnung, gewinne aktuell wesentlich an Bedeutung, „weil die ungelernte Arbeit im Begriff des Aussterbens ist“, erinnert Meyer-Lauber. Zur Bilanz in NRW gehört auch die seit Jahren konstant hohe Zahl Langzeitarbeitsloser. Immer wieder schaffen einige Tausend den Sprung in Arbeit, aber immer wieder kommen ebenso viele zu der Gruppe der Abgehängten dazu. „Der Zufluss in die Langzeitarbeitslosigkeit aus der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen ohne Ausbildung muss strategisch gestoppt werden. Alle jungen Menschen brauchen eine Berufsausbildung, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.“

Ein Langzeitproblem bleibt

Zuletzt sei die Zahl der Langzeitarbeitslosen in NRW leicht gesunken. Und die Landesregierung mit Arbeitsminister Laumann habe hoffentlich erkannt, dass etwas getan werden muss, mag Meyer-Lauber nicht zu sehr Schwarzmalen. Außerdem: „In den letzten drei Jahren sind zusätzlich 400 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in NRW entstanden.“ Gut e, sichere Arbeit ist erklärtes Ziel des DGB – also keine ganz schlechte Bilanz für Meyer-Lauber. Ende des Jahres scheidet der 65-Jährige aus seinem Amt aus. Die Kandidatin für seine Nachfolge an der Spitze des Bezirksvorsitzes ist die amtierende Landesschlichterin Anja Weber, ein NGG-Gewächs. Wird die 56-Jährige von der Bezirkskonferenz am 8. Dezember gewählt, wovon auszugehen ist, wird Weber nach einem Dutzend Männern die erste Frau an der Spitze des DGB in NRW sein.

Ganz selbstverständlich war 2010 die Wahl von Meyer-Lauber zum DGB-Bezirksvorsitzenden auch nicht. Dass es so weit kam, hatte damit zu tun, dass sein Vorgänger, der Dortmunder Guntram Schneider, von Hannelore Kraft als Arbeits-, Sozial- und Integrationsminister in das Landeskabinett berufen worden war. Meyer-Lauber war seinerzeit Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), nicht unbedingt die stärkste Kraft unter dem Dach des DGB. Und dann als ruhiger, analytischer Kopf die Nachfolge des stimmgewaltigen IG Metallers Schneider antreten? Zweifler gab es schon. Aber der schlanke, groß gewachsene Gewerkschafter hat in seiner Amtszeit bewiesen, dass er Ecken und Kanten hat und glasklare Worte wählen kann.

Vorsitz im WDR-Rundfunkrat

Komplett aus dem Geschäft zieht sich der Hagener nicht zurück. Meyer-Lauber bleibt, in Abstimmung mit dem DGB, der ihn entsandt hatte, Vorsitzender des WDR-Rundfunkrates. Hin und her zwischen Hagen und Düsseldorf geht es für ihn in Zukunft aber vorzugsweise auf dem E-Bike auf der alten Nordbahntrasse zwischen Wuppertal-Wichlinghausen und -Vohwinkel. Sicher schöner als auf der A46 - und mitunter vermutlich sogar schneller. Der technologieoffene Meyer-Lauber hat sich jüngst ein E-Bike angeschafft.

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