Literatur

Rutger Booß aus Herdecke schreibt Buch über Wunderglauben

Rutger Booß

Rutger Booß

Foto: Volker Hartmann

Herdecke/Hagen.   Rutger Booß aus Herdecke glaubt nicht an Wunder und schreibt deswegen ein Buch über den Wunderglauben. Wir verraten, was drinsteht

Dr. Rutger Booß ist Skeptiker aus Leidenschaft. Anders kann man ein Leben in der Buchbranche wohl auch nicht überstehen. Als Gründer des Dortmunder Grafit-Verlages hat der Verleger einige der interessantesten deutschen Krimiautoren entdeckt und groß gemacht. Soeben ist der Germanist 75 Jahre alt geworden, und jetzt schreibt er selber Bücher. Ist es da ein Wunder, dass „Wer’s glaubt, wird selig“ ausgerechnet vom Wunderglauben handelt?

„Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen Krimi zu schreiben“, antwortet Booß. Er hat als einer der ersten erkannt, welches Potenzial in Kriminalgeschichten steckt, die vor der Haustür spielen, er ist als Verleger der Erfinder des Regionalkrimis. Bei Grafit durften Krimis in Dortmund spielen, in der Eifel, in Münster und in Düsseldorf. Rutger Booß hat Jacques Berndorf verlegt und damit Literaturgeschichte geschrieben, er hat Jürgen Kehrer (Wilsberg) entdeckt und Horst Eckert. Warum der Terminus Regionalkrimi im Prinzip irreführend ist, weil ja schließlich jeder Krimi irgendwo spielen muss, warum das Bedürfnis der Leser nach regional verorteten Geschichten etwas mit der Globalisierung zu tun hat, darüber kann er lange referieren. Booß schätzt den Terminus Regionalkrimi auch deswegen nicht, weil es auf dem Höhepunkt der Welle weniger um die Qualität der Plots ging als darum, Landmarken in Texte einzubauen. Krimi war das Boomgenre schlechthin. Bis zu 1000 Manuskripte im Jahr hat Booß als Verleger auf dem Tisch gehabt.

Schöpfungsmythen und Heilserwartungen

Nun also das zweite Sachbuch aus der Feder Booß. Seit er Rentner ist, gehört der Altverleger ebenfalls zur Autoren-Fraktion. Sein Erstling „Immer diese Senioren. 111 Gründe, warum sie uns in den Wahnsinn treiben“ ist gleich zum Spiegel-Bestseller geworden. „Erfolg macht süchtig, deshalb dachte ich, jetzt kannst Du Dir ein anderes Thema vornehmen“, sagt er. Der gelernte Protestant und hauptberufliche Agnostiker hat mit „Wer’s glaubt, wird selig“ eine Kulturgeschichte des Wunderglaubens von den Schöpfungsmythen der Weltreligionen bis zu den Heilserwartungen der Fußballfans verfasst.

Ohne Verwunderung

Das Buch ist mit einem Augenzwinkern geschrieben und gründlich recherchiert. Es bietet sozusagen die schönsten Wunder im Schnelldurchlauf.

Immer mehr Wunderheiler

Der Wunderglaube ist verbreiteter denn je, die Zahl der Wunderheiler wächst. Nach wie vor dienen Wunder zur Legitimierung politischer Ansprüche, wie die Berichte von der weinenden Zarenstatue auf der Krim zeigen. „Der religiöse, wundergläubige Mensch wird in diesem Buch viel Interessantes finden, das er vielleicht noch nicht kennt. Er kann sich an Marienerscheinungen und Stigmatisationswundern sattlesen. Der Wunderskeptiker genießt tiefe Einblicke in eine verstandesferne Welt und hat in jedem Fall ordentlich was zu staunen und zu lachen“, so Booß.

Definiert man Wunder als das Ereigniswerden des Unmöglichen, verwundert es nicht, dass man heute so innig an sie glaubt. Die moderne Technik und die Werbung versprechen einem ja täglich, das Unmögliche möglich zu machen – ein weites Feld. „Selbst, wenn die Leute wissen, dass es ein Placebo ist, kann es trotzdem funktionieren“, zitiert Booß einen Mediziner.

Der wunde Punkt

Es ist interessant, dass jede der Weltreligionen Wunder braucht, um sich gegen die Konkurrenz anderer Glaubensrichtungen durchzusetzen. Diese stehen oft in einer motivischen Tradition; Weinwunder, Nahrungswunder und Heilungswunder gibt es nicht erst seit dem Christentum. „Am irrsten ist der Wunderglaube im Hinduismus, die scheuen vor gar keinem Wunder zurück, da gibt es sogar ein heiliges Motorrad.“

Die Heilige Vorhaut

Die Reliquie der Heiligen Vorhaut ist hingegen so etwas wie ein wunder Punkt unter Wundergläubigen, nachdem im 13. Jahrhundert ein Bauernmädchen in aller Unschuld berichtete, sie hätte beim Kosten der Eucharistie das Empfinden von Christi Vorhaut in ihrem Munde verspürt. Booß: „Der Bericht wurde im 18. Jahrhundert einkassiert. Im Jahr 1900 verhängte der Vatikan ein Sprech- und Schreibverbot über Jesu Vorhaut unter Strafe der Exkommunikation.“

Dass man ihn nach seinem Lieblingswunder fragt, findet Rutger Booß ganz wunderbar. „Das Rosenwunder der Elisabeth von Thüringen“, listet er auf. „Die enorme Wirkung Elisabeths muss vor dem Hintergrund der sozialen Spannungen des 12. und 13. Jahrhunderts gesehen werden, der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung. Da ist Elisabeths Herz für die Armen schon trostvoll.“

Rutger Booß: Wer’s glaubt, ist selig. Eine kurze Geschichte der Wunder und warum wir an sie glauben. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 280 Seiten, 12,99 Euro.

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