Ernährung und Ökologie

Solidarische Landwirtschaft: Selbst sehen, wie das Essen wächst

Judith Padberg (hier mit Tochter Laura) ist Mitglied der Solidarischen Landwirtschaft am Almhof in Lennestadt-Elspe. Foto:MATTHIAS GRABEN

Judith Padberg (hier mit Tochter Laura) ist Mitglied der Solidarischen Landwirtschaft am Almhof in Lennestadt-Elspe. Foto:MATTHIAS GRABEN

Hagen/Lennestadt/Meschede  Ein Trend nimmt Fahrt auf: In Lennestadt und Meschede gibt es schon Solidarische Landwirtschaft, in Schmallenberg und Rüthen Pläne dazu.

. Die Zucchini sind riesig, und auch der Fenchel ist größer als im Supermarkt. Salat und Möhren sehen frisch aus, genau wie Kräuter, Kohlrabi und Lauchzwiebeln. Und alles zusammen füllt eine große Kiste. Und so eine Kiste gibt es jede Woche. Für 75 Euro im Monat. Regionales Gemüse in Bioqualität zum Schnäppchenpreis. Aber um den geht es nicht in erster Linie. Die Menschen, die am Freitagnachmittag auf dem Almhof in Elspe ihren Anteil abholen, sind Teil einer neuen Strategie für eine bäuerliche, ökologische Agrikultur. Solidarische Landwirtschaft (Solawi) heißt das Konzept.

Die Idee

Bauern haben die Wahl: Sie beuten die Natur aus oder sich selbst. Wie ihr Geschäft geht, hängt vom Weltmarkt ab, auf den sie keinen Einfluss haben. Zugleich fehlt den meisten Kunden die Verbindung zum Ursprung ihrer Lebensmittel. Das ist ein Problem für beide Seiten. Und lässt sich so lösen: Eine Gruppe von Menschen tut sich mit einem landwirtschaftlichen Betrieb zusammen und koppelt sich gemeinsam vom Markt ab: Die Teilnehmer finanzieren die geschätzten Jahreskosten über einen Monatsbeitrag und erhalten im Gegenzug die Ernte. Man teilt Risiko, Kosten und Ergebnis. Deutschlandweit arbeiten bereits 192 Betriebe nach diesem Konzept. In Südwestfalen in Lennestadt-Elspe und in Meschede.

Der Hof

Der Almhof Elspe besteht seit 1965. Rinderzucht und Grünland. Aber die Zeiten sind hart. Und deshalb sprang Elmar Duwe irgendwann auf die Erzählungen seines langjährigen Bekannten Reinhard Schleimer an, der Solawi im Westerwald kennengelernt hatte. 2014 ließ er sich überzeugen. Und im Mai 2015 wurde das erste Gemüse geerntet, auf einem knapp 12 000 Quadratmeter großen Feld. Die Interessengemeinschaft ist inzwischen ein eingetragener, gemeinnütziger Verein. Es gibt also auch Spendenbescheinigungen. 64 Ernteanteile sind vergeben. „75 bis 80 wären ideal“, sagt Schleimer.

Die Seele

Reinhard Schleimer hat nicht nur die Idee ins Sauerland getragen, er wohnt jetzt auch dem Hof und ist ehrenamtlich ein entscheidender Teil des Projekts. Duwe hatte keine Erfahrungen mit dem Gemüseanbau. Schleimer hingegen erklärt: „Ich habe den grünen Daumen.“ Und er hat eine Mission: „Wenn wir so weitermachen, gehen noch die letzten kleinen Betriebe zugrunde, wir verlieren den Bezug zu unserer Nahrung, werfen zu viel auf den Müll und leben auf Kosten anderer Länder. Das muss sich ändern.“

Die Teilnehmer

Gabriele Winkelmeier kommt gerade vom Acker. Sie hat Minze, Salbei und Johanniskraut gepflückt. Aber sie hat auch gearbeitet, wie schon oft in diesem Jahr. Meist jätet sie Unkraut: „Es wird nicht gespritzt, da ist viel zu tun.“ Natürlich auch bei der Ernte. Es gibt immer was zu ackern auf dem Acker. Das ist freiwillig, keiner muss. Aber viele tun es gern, weil sie etwas lernen. Und weil sie Teil von etwas sind. „Mir ist es wichtig zu sehen, wie die Dinge entstehen“, sagt Jessica Sondermann. So sieht es auch Oliver Duwe: „Im Laden muss ich glauben, was da steht. Hier habe ich garantiert frische Bioware und unterstütze den Bauern.“ „Hier sehe ich alles wachsen“, freut sich Sylvia König. Für einen eigenen Garten hätte sie nicht genug Zeit. Und 30 Sorten Gemüse sowieso nicht.

Die Mengen

Im Sommer und Herbst wächst mehr als im Winter und Frühling – das ist klar. „Aber ich hätte nie gedacht, dass man sich im Sauerland das ganze Jahr über von einem Stück Land ernähren kann“, sagt Jessica Sondermann. Dabei hilft natürlich die Tiefkühltruhe. Aber man muss alles putzen und verarbeiten. „Da hat man das Wochenende über zu tun,“ sagt die Bilstei­nerin. Oliver Duwe erinnert an die dicken Bohnen und die Erbsen in der Schote vom vergangenen Wochenende: „Das ist schon Arbeit. Aber es schmeckt noch mal so gut.“ Er teilt sich seine Kiste mit einem Kollegen. So verfahren viele. „Wir ernähren mehr als 150 Menschen“, erklärt Schleimer. Für 2019 hat der Verein einen Folientunnel gekauft, um die Ernte zu verfrühen und zu verlängern, vielleicht Gurken anzubauen und Feldsalat im Winter.

Die anderen

„Gemüseglück“, die Solawi in Meschede-Eversberg, existiert seit einem Jahr. 17 Anteilseigner unterstützen die Genossenschaft, die Felix Müller und Christian Bierbaum gegründet haben. Auf 1500 Quadratmetern wachsen Salat, Kohl und Bohnen, Tomaten, Lauch, Zwiebeln und Kürbis, Möhren, Rote Bete, Erbsen, Zucchini und Kartoffeln. Die Anteile kosten 65 Euro monatlich. Mehr Mitglieder werden gesucht.

Noch im Aufbau sind Solawi-Initiativen in Schmallenberg und Rüthen. Erst wenn genügend Interessenten beisammen sind, geht es los.

„Auf dem Land ist das schwieriger als in der Stadt“, meint Schleimer. Weil man da noch den eigenen Garten hat? „Ach was, die meisten haben nur noch Ziergärten. Aber man scheut die Ausgabe.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben