Adventsserie 2

Als Mann in der Nähstube – ein Selbstversuch

WP-Chefreporter Joachim Karpa wird an der Nähmaschine von Sabine Ringleb eingewiesen.

WP-Chefreporter Joachim Karpa wird an der Nähmaschine von Sabine Ringleb eingewiesen.

Foto: Lars Heidrich

Schmallenberg.   Handarbeit liegt im Trend. Selbstgemachtes sorgt für eine eigene Note. Wir öffnen für Männer die Nähstube. Premiere in Schmallenberg.

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Etwas Selbstgemachtes. Handgefertigt. Das ist angesagt, das liegt im Trend, heißt es. Frauen stricken, basteln, nähen. Für die Kinder, für den Mann. Und er? Er will an diesem Vormittag endlich etwas Eigenes machen. Für sie, für die Liebste. Warum also nicht in die Nähstube? Ein Versuch macht klug.

Es fängt leicht an. Alles wie im Auto. Nur ohne Lenkrad. „Hier ist der Rückwärtsgang, da unten das Gaspedal.“ Sabine Ringleb weist ihren Fahrschüler ein. Es ist seine erste Stunde, ihre aber auch – mit einem Mann. Die Lehrerin liebt Bilder aus der Autowelt. Ihr Schüler versteht das besser. Denkt sie.

Beide sitzen nebeneinander auf der Bank. Vor ihnen steht das Geschoss. In Weiß. Ein Schweizer Modell. „Kein Porsche. Das ist für Anfänger zu kompliziert, das könnte schiefgehen“, sagt sie. Die „Elna 3210 Jeans“ passe zum Anfänger. Robust, zuverlässig, nicht ohne Komfort. Also mit Füßchenlüfter, versenkbarem Transporteur und hoher Durchstichkraft.

Der Loop für Einsteiger

Aha. Technische Merkmale einer Maschine, die ohne Halt im Kopf kreisen. Je länger die Einweisung dauert, desto mehr formen sie sich zum Knäuel. Unentwirrbar. Als ob das Versuchskaninchen an der Nadel hängen würde. Eine andere Welt. Kundinnen, die den Laden „Nadel und Faden“ in Schmallenberg betreten, sind nicht weniger irritiert. Einen Mann haben sie hier noch nie sitzen und nähen sehen.

„Der Sauerländer ist noch nicht so weit“, sagt die Diplom-Ingenieurin für Bekleidungstechnik. Der Grünschnabel nickt, wundert sich darüber nicht und freut sich auf den ersten Arbeitsschritt: Die Suche nach einem passenden Stoff.

Wofür? Für einen Loop. Für Männer, die nicht wissen, was das ist: ein zusammengenähter Schal, der über dem Kopf angezogen und um den Hals geschlungen wird. Ideal für erste elektrische Nähversuche, versichert die Lehrmeisterin. „Damit fangen viele in meinen Nähkursen an.“

Fäden kreuzen sich

Die Wahl fällt auf einen petrolfarbenen Stoff aus Merinowolle. Er juckt nicht, er wärmt wohltuend. „Gute Wahl.“ Erste Anerkennung. Und der 1,35 Meter breite Ballen wird mit der Schere um ein 60 Zentimeter langes Stück gekürzt. Das schafft der anerkannte Grobmotoriker problemlos. Was aber im Anschuss passiert, ist Teufelszeug.

Der Faden in der Maschine wird verkreuzt. Oh Gott. Verkreuzt? Ja, er kommt von oben und von unten. Filigrane Fingerarbeit ist beim Einfädeln nötig. „Da haben viele am Anfang ihre Probleme“, muntert die 60-Jährige den 60-Jährigen auf und hilft beim Einfädeln. Geschickt. Mit einem Probeläppchen darf er sein Gespür für Nadel, Faden und Geschwindigkeit entwickeln. Eine Irrfahrt wilder Nähte. Das ist Kunst.

Beulen schmücken die Naht

Es wird ernst. Der Loop. „Die Naht wird der Länge nach von der linken Seite des Stoffs genäht, damit sie nicht sichtbar ist. Geben sie Gas.“ Nichts leichter als das. Auf die Aufforderung hat der Anfänger gewartet. Die Nadel rast. Nicht geradeaus. Sie macht Schlenker. Beulen schmücken die Naht. Warum? Weil er zu sehr am Stoff zerrt.

Sabine Ringleb bremst verbal ein. „Sie nähen forsch, sie nähen auf der Überholspur. Frauen haben da mehr Hemmungen.“ Verstanden. Langsamer kann beim Nähen am Ende schneller sein. Der rechte Fuß muss sich erst einfühlen.

Die Schnittkanten liegen aufeinander in Form. Sie dürfen sich nicht verschieben. Klammern helfen. Geht doch. An der Nachbarnähmaschine werkelt Annette Hanses-Ketteler aus Kirchhundem-Rinsecke an einer Jacke aus Wollwalk. „Ich habe gerne Betreuung, besonders bei schwierigen Geschichten wie beim Einnähen eines Reißverschlusses.“

Die 62-Jährige freut sich über den Eifer des männlichen Mitstreiters. „Das ist ein Superbild. Sie an der Nähmaschine. Das muss man festhalten.“ Wird gemacht. Diese Zeitung will Vorreiter für die Männer im Sauerland und Siegerland sein. Für die, die mit Nähen so wenig anfangen können wie Frauen mit Angeln.

Der Loop nimmt Formen an. Die Schneiderin gibt Anweisungen, führt die rechte Hand, die den Stoff hält. Nur leicht. Alles liegt Kante auf Kante. Es wird verriegelt, die Öffnung geschlossen. Sabine Ringleb: „Fertig ist der Loop. Für den Anfang ist das wirklich gut.“

Lob für den Loop. Nach knapp 90 Minuten liegt das erste selbst genähte Teil in den Händen des Autors. Ein Stolzprodukt. Wie viel Spott musste er von Kollegen über sich ergehen lassen. Sie, die glauben, Nähmaschinen würden mit zwei Füßen auf einem breiten Pedal angetrieben. Was sie denn ihren Frauen schenken? Von einem elektrischen Dosenöffner ist die Rede, von einer gusseisernen Pfanne. Doch so persönlich. Was glauben sie? Wer ist mit dem Loop Weihnachten weit vorne?

Denken Sie nach... Eben.

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