Mobilität

Siegen: Mit der Wasserstofftankstelle in die Zukunft?

Die erste Wasserstoff-Tankstelle der Region in Siegen. Die Macher wollen damit ein Zeichen setzen.

Die erste Wasserstoff-Tankstelle der Region in Siegen. Die Macher wollen damit ein Zeichen setzen.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Siegen.  Seit zwei Monaten steht in Siegen die erste Wasserstofftankstelle in Südwestfalen. Die Technologie geht in Richtung nachhaltige Zukunft.

Geräuschlos gleitet das Auto auf die vielleicht einsamste Tankstelle Deutschlands. Eine einzige Zapfsäule inmitten eines Industriegebiets. Gerade einmal 30 Tankfüllungen in zwei Monaten. Tankwart oder Shop sucht man vergeblich. Eigentlich fehlen nur noch vertrocknete Zweige, die wie im Western über die Straße wehen. Diese Tankstelle ist anders. Autos, die keine Geräusche machen, kein Personal und anstatt Benzin kann man nur „H2“ tanken? Hier ist Hightech im Spiel. Hightech im Leimbachtal in Siegen. Nicht fern von der A 45.

Die erste Wasserstofftankstelle in Südwestfalen steht dort. Noch ist sie einsam, doch Dominik Eichbaum, der als einer der Initiatoren die Wasserstofftankstelle ins Siegerland geholt hat, hat große Pläne: „Wir sehen uns als Pioniere und wollen die Region fit machen für die Zukunft.“ Im Kreis Siegen-Wittgenstein sind die einzigen Wasserstoffautos in Südwestfalen zugelassen. Bisher vier an der Zahl. In allen anderen Kreisen der Region ist der Zeiger noch auf der Null.

Pionierarbeit im Ländlichen

Dominik Eichbaum arbeitet für die Wirtschaftsförderung der Stadt Siegen: „Wir sehen uns als ‘Regiopole’ die sich nicht von den Ballungsgebieten abhängen lassen will.“ Den Begriff Regiopole nutzt der 40-Jährige gerne. Siegen sei mit der Region zusammen ein starker Standort. Die Stadt hat in ihrer Vorreiterrolle bereits fünf Wasserstofffahrzeuge bestellt – und wurde mit 225.000 Euro von der Bezirksregierung gefördert. Immerhin beginnen die Preise für wasserstoff-betriebene Autos bei 58.000 Euro.

Nachhaltigkeit für die Zukunft

Der Tankdeckel geht auf. Darunter kommt ein Ventil zum Vorschein: „Im Endeffekt läuft das System wie beim Gartenschlauch zuhause“, erzählt Wolfgang Keller, vom gleichnamigen Autohaus in Siegen und Hagen. Setzt man den Tankstutzen an, verriegelt er sich automatisch und baut den Druck auf. Mit 700 bar werden dann fünf Kilo gasförmiger Wasserstoff in den Tank gedrückt. 1 Kilo für 100 Kilometer, so lässt es sich überschlagen. Als Preis steht 9,50 Euro pro Kilo auf der Zapfsäule. So viel wie circa sieben Liter Benzin. Hier also kein Vorteil für die Brennstoffzelle.

Warum der ganze Aufwand, wo es doch in ganz Deutschland nur rund 500 Autos gibt, die mit Wasserstoff betankt werden? Wolfgang Keller meint, dass „die Unternehmen das gesellschaftspolitische Thema Nachhaltigkeit aufgreifen müssen“. Er will an die Zukunft denken. Momentan sei es ein „Kennenlernen“ der Technik. Vom Toyota-Modell ‘Mirai’ werden beispielsweise 3000 jährlich für den weltweiten Markt hergestellt. Diese Zahl soll in den kommenden Jahren steigen – und so auch der Preis gesenkt werden. 2023 sollen es 2500 sein. Pro Monat.

Viel Wirbel um nix?

Wenn man sich die Fakten über Wasserstoff anschaut, fragt man sich, warum die Technik nicht schon im Alltag angekommen ist. Das Fahren mit Brennstoffzelle ist ähnlich wie beim E-Auto: Die Leistung ist direkt abrufbar. Nur kommt ein Wasserstofffahrzeug rund 400 bis 500 Kilometer weit, ist schneller geladen und hat keinerlei Emissionen. Als sich das Auto in Bewegung setzt, tropft nur ein wenig Wasser aus dem Auspuff.

Die CO2-Bilanz von Produktion und Herstellung ist in etwa so hoch wie bei einem kleineren Batterieauto. Jedoch kompensiert das Wasserstoffauto die Bilanz schneller, weil beim Fahren selbst keine Emissionen entstehen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Fraunhofer-Instituts. Grundsätzlich seien beide Technologien auf einen Lebenszyklus gesehen emissionsärmer als Autos, die mit fossilen Brennstoffen laufen.

Die Infrastruktur stärken

Neben der in Siegen gibt es deutschlandweit bisher 70 Tankstellen. Die meisten an den Autobahnen, die die großen Städte verbinden. Vor einer längeren Fahrt muss man sich daher noch informieren, wo der nächste Tankstopp gemacht werden kann. Siegen war vom Bund zunächst nicht als Standort vorgesehen. Eigeninitiative musste her. Die lokale Wirtschaftsförderung holte Unternehmen und Forschung an den Tisch. Sie wollten das „Henne und Ei“-Problem lösen, wie es Dominik Eichbaum beschreibt: „Man muss einfach anfangen: Wenn es keine Tankmöglichkeit gibt, holt sich auch keiner ein Auto.“

Für die Tankstelle musste die Stadt nur das Grundstück stellen. Die restlichen Kosten – immerhin 1,5 Millionen Euro – übernimmt der Bund und H2-Mobility. Diese Projektgesellschaft ist für den Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur in Deutschland zuständig und wird von Bund und Unternehmen finanziert. Bis Ende des Jahres wollen sie 100 Tankstellen im Bundesgebiet eröffnen. Dann soll bedarfsgerecht gebaut werden. Im Gegensatz zum Elektroauto geht das Tanken beim Wasserstoff schnell: Ein Tankvorgang soll nur drei Minuten dauern. Als Wolfgang Keller das demonstrieren will, klappt es zunächst nicht. Neustart, dann geht es. Pionierarbeit ist nicht immer einfach.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben