Fußball und Glaube

Siegener Pfarrer vor der WM: „Es gibt keinen Fußball-Gott“

Der Siegener Religionspädagoge Günther Klempnauer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema „Fußball und Glaube“.

Der Siegener Religionspädagoge Günther Klempnauer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema „Fußball und Glaube“.

Foto: Ralf Rottmann

Siegen.   Als Fußballpfarrer war Günther Klempnauer aus Siegen bei der EM 1992 in Schweden im Einsatz. Nun spricht er über Profis und ihren Glauben.

„Keiner kommt an Gott ­vorbei“ hat der langjährige Sport- und Religionspädagoge Günther Klempnauer (82) sein neues Buch genannt. Zum Beginn der WM ein Gespräch mit dem Autor, der 1992 für die Uefa als Fußballpfarrer bei der EM in Schweden war, über Gott und die (Fußball-)Welt.

Die wichtigste Frage zuerst: Gibt es einen Fußball-Gott?

Günther Klempnauer: Da muss ich Sie enttäuschen. Ich zitiere bei dieser Frage gerne Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool. Er hat treffend gesagt: „Es gibt zwar für mich keinen Fußball-Gott, aber ich glaube, dass es Gott ist, der uns Menschen genauso liebt, wie wir sind, mit all unseren Macken, und deswegen glaube ich, dass er auch den Fußball liebt.“

Auf der Vorderseite Ihres Buches ist der FC-Bayern-Spieler David Alaba auf dem Rasen kniend zu sehen, wie er eine demütige Haltung gen Himmel einnimmt. „Leben ohne Gott ist wie Fußball ohne Ball“, hat der Österreicher getwittert. Und doch hat man den Eindruck, dass es prominenten Fußballern schwer fällt, sich zu ihrem Glauben zu bekennen. Warum?

Der frühere Bundestrainer Berti Vogts hat mir einmal gesagt, dass man in eine Schieflage kommt, wenn man sich als Christ outet bzw. etwas sagt, was nicht gesellschaftsfähig ist. Man brauche nicht nur Mut, sondern auch eine überragende berufliche Qualifikation. Daraus erwächst eine Souveränität, um gegen den Strom zu schwimmen.

Wie sieht es heute aus?

Immer mehr Fußball-Profis bekennen sich zu ihrem Glauben. Sie haben irgendwann erkannt, dass in der heutigen Zeit der Übersättigung und Reizüberflutung prall gefüllte Bankkonten und dicke Autos nicht alles im Leben sind. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass es zwar toll ist, einen Pokal in den Händen zu halten oder ein Meisterschaftsspiel zu gewinnen. Aber: Schon ein paar Tage später ist das nächste Spiel, der Ruhm ist vergänglich. Wenn sie an Gott glauben, ist das Glücksgefühl eben nicht nach einigen Minuten oder Stunden wieder vorbei.

Heißt das, dass gläubige Fußballer ihren Beruf gelassener ausüben können?

Ja, die von mir interviewten Fußballidole sprechen von einer heiteren Gelassenheit, die ihnen der christliche Glaube vermittelt. Heiko Herrlich, Cheftrainer von Bayer 04 Leverkusen, bezieht sich auf die Bergpredigt Jesu: „Gebt nur Gott und seiner Sache den ersten Platz in euerm Leben, so wird er euch auch alles geben, was ihr nötig habt.“ Mit einer solchen Glaubenserfahrung fühlt man sich nicht mehr so sklavisch an den Fußball gebunden. In der Einleitung meines Buches habe ich das so auf den Punkt gebracht: „Fußball ist nicht alles, aber ohne Gott ist alles nichts!“

Für manche Fans scheint der Fußball aber alles zu sein, für sie ist er eine Art Ersatz-Religion. Wie ist das zu erklären?

In einer Zeit, in der die Institution Kirche an Bedeutung verliert und auch das kapitalistische Wirtschaftssystem seine integrierende Kraft verliert - man könnte auch von einer Sinnentleerung sprechen -, vermittelt Fußball vielen Menschen ein spirituelles Gefühl. Das Leben erscheint lebenswerter.

Aber doch nicht im Moment einer Niederlage der eigenen Mannschaft. Warum sorgten sogenannte „Fans“ jüngst nach dem Abstieg des Hamburger SV für bedrohliche Szenen mit Pyrotechnik und ließen ihren Tränen hemmungslos freien Lauf?

Wenn der Glaube an Gott aus einer Gesellschaft verschwindet, betet der Mensch selbstgemachte Idole an, liefert sich diesen geradezu aus. In der Niederlage bricht für ihn eine Welt zusammen. Der Psychiater Viktor Frankl hat das ein Wechselspiel zwischen Vergötzung und Verzweiflung genannt. Bundestrainer Löw hat das exakt beschrieben: „Nach Siegen wirst du als Messias gefeiert, als Heilsbringer fürs ganze Volk. Wenn du ein Spiel verlierst, bist du der Staatsverein Nr. 1.“

Während der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft sind in manchen Kirchen WM-Andachten oder Public Viewings auf Großleinwänden geplant. Wie finden Sie das?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen der Fußballfan-Gemeinde und der christliche Gemeinde: Begeisterung, Hingabe, Einsatzbereitschaft, Teamgeist und Spielfreude. Tolle Eigenschaften, die der Schöpfer in uns angelegt hat und die wir ausleben sollen.

Fans werden in den kommenden Wochen für den Sieg ihrer Mannschaft beten. Können Sie dieses Verhalten nachvollziehen?

Es ist menschlich verständlich, wenn man sich wünscht, dass das eigene Team Weltmeister wird. Aber davon hängt nicht die Seligkeit für einen Christen ab. Alle elf Fußball-Legenden, über die ich in meinem Buch schreibe, haben mir gesagt, dass sie niemals für einen Sieg gebetet haben - sondern nur dafür, dass Gott sie befähigen möge, ihr Bestes zu geben und sie vor Verletzungen zu bewahren. Das hat sie vor dem Zwang, um jeden Preis gewinnen zu wollen, bewahrt. Sie sagten: „Wir haben doch denselben Gott, wenn wir gegen­einander spielen.“

Da sind wir wieder bei Ihrem Satz „Fußball ist nicht alles“, oder?

Ganz genau. Papst Benedict XVI hat es treffend ausgedrückt: „Fußball ist das Heraustreten aus dem versklavten Alltag in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss und deshalb so schön ist.“

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