Heimat-Serie: Landschaft

Spirituelle Heimat-Orte – „Landschaft hat eine Wirkung“

Die Aussicht in Schmallenberg-Jagdhaus im Rücken: Kulturwissenschaftlerin Susanne Falk (56) stützt mit viel Engagement das Gefühl für Heimat. Foto:Ralf Rottmann

Die Aussicht in Schmallenberg-Jagdhaus im Rücken: Kulturwissenschaftlerin Susanne Falk (56) stützt mit viel Engagement das Gefühl für Heimat. Foto:Ralf Rottmann

Lennestadt.   Kulturwissenschaftlerin Susanne Falk über die Bedeutung von Heimat, die Kraft spiritueller Orte im Sauerland und den eigenen Platz im Ort.

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Sie beschäftigt sich mit der Regionalgeschichte, ist Projektleiterin des Spirituellen Sommers in Südwestfalen. Der Begriff Heimat ist das verbindende Element der Arbeit der Kulturwissenschaftlerin Susanne Falk aus Lennestadt-Hachen.

Wie wichtig ist Landschaft?

Susanne Falk: Landschaft hat einen hohen Wiedererkennungswert. Immer dann, wenn man zurückkehrt und die Berge die Neigung haben, die man kennt, und die Farben signalisieren: Aha. Da bin ich zu Hause. Außerdem hat Landschaft eine Wirkung. Sie kann beschützend sein, freilassend, anregend - ganz unterschiedlich.

Wie lesen Sie Landschaft?

Hier am Schäferhof in Schmallenberg-Jagdhaus ist sie zum Beispiel herausfordernd. Wir sind so nah am Himmel, dass man wirklich das Gefühl hat, man ist zwischen Himmel und Erde aufgehoben. Das ist ein ganz anderer Charakter, als wenn ich in einem lichten Laubwald bei Grevenbrück unterwegs bin - und hat eine andere Wirkung.

Hat das Sauerland nach Kyrill seine Düsternis verloren?

Kyrill hat zwei Seiten. Für die Waldbauern war es eine Katastrophe, sie bleibt bestehen, mildert sich auch nicht, wenn wir uns über neue Aussichten freuen. Aber alles ist ein bisschen heller. Ich bin gespannt, es wird in 15 Jahren wieder vorbei sein. Das zeigt auch, dass Landschaft immer im Wandel ist, sei es durch Naturereignisse oder wirtschaftliche Nutzung.

Sie sind mit dem Projekt Sauerland Inspiration der Sauerland Wanderdörfer unterwegs. Mit Erfolg?

Ja, wir schauen uns kraftvolle und spirituellen Orte an. Wir sind an unterschiedlichsten Plätzen. Wenn man sich mal für eine Viertelstunde in Stille treiben lässt und alle Sinne wahrnimmt, bekommt man mit, was an diesem Ort ist. Es kann etwas Beschützendes, Klärendes, Tröstliches, oder Fröhliches sein. Das ist deutlich zu spüren.

Nennen Sie uns welche?

Gerne. Zum Beispiel Berggipfel, Quellen, Abbrüche, viele sakrale Gebäude - all diese Orte haben besondere Wirkungen. Wir suchen erst einmal 40 dieser Orte, aber natürlich gibt es viel mehr, und alle sind auf ihre Weise besonders.

Sie machen es spannend...

Es fällt schwer, einzelne herauszustellen, aber vielleicht zwei Beispiele: die kleine Anhöhe „Lausebuche“ bei Oberelspe, von der man in die Weite und in zwei Täler schaut. Dort zu sein, kann Menschen in vollkommenen Frieden versetzen, obwohl es mitten im Leben ist und viele Spaziergänger vorbeikommen. Wenn man da sitzt, setzt sich ein Frieden auf die Menschen, und das ist eine spirituelle Qualität. Denn spirituelle Orte sind nicht Orte, an denen man katholisch, evangelisch oder muslimisch sein kann oder gar muss, sondern, wo der Mensch in seinem Innersten berührt wird.

Noch ein Beispiel?

Der Philippstollen in Olsberg ist das genaue Gegenteil davon. Im Innern spürt man die Enge, aber auch das Aufgehobensein im Schoß der Erde.

Welche Erfahrungen machen Sie bei der Spurensuche?

Das Schöne ist, bei den Begehungen sagt jeder etwas dazu, wie er den Ort empfindet. Menschen aus dem Ort und von außen und mit unterschiedlichen Perspektiven wie Heimatpfleger, Kirchenleute oder, weil sie den Ort seit ihrer Kindheit kennen. Es dauert nicht lange, und plötzlich ist man mit zuvor wildfremden Menschen im Gespräch über die wesentlichen Dinge der Welt. So ist es auch mit dem Begriff Heimat. Sie ist immer mit der Beziehungen zu den Menschen verbunden. Sie ist ein Ort, an dem man sich kennt, einen Draht zu den Menschen bekommt.

Das gelingt nicht immer?

Nein, bei mir nicht, als ich in Tübingen studiert habe. Ich habe die Witze der Leute nicht verstanden, und sie meine nicht. Das sind Erfahrungen, die jeder anders macht.

Heimat wird nicht selten mit ländlichem Raum gleichgesetzt. Wurmt Sie das?

Ja. Städte können genauso eine Heimat sein. Und umgekehrt ist das Sauerland auch als moderner Wirtschaftsstandort Heimat und nicht nur Fachwerkidylle, wie es in den benachbarten Metropolen lange gesehen wurde.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Dass ich in meinen Lebensverhältnissen wirken und in einem Gemeinwesen mitgestalten kann, dass ich mit den Menschen verbunden bin, dass ich meine Kräfte einbringen kann. Und: Dass ich einen Platz darin habe, wie verschieden er auch sein mag.

Um eine Heimat zu haben, muss ­jeder aktiv sein?

Auf jeden Fall. Heimat machen, das ist der Punkt. Man hat sie nicht automatisch, man muss sich kümmern, damit die Lebensverhältnisse gut sind. Heimat finde ich nur in der direkten Beziehung zu den Menschen. Da hilft mir ein Geschichtsbuch ein Stück weit, aber es braucht mehr.

Ist Heimat nicht konservativ, rückwärtsgewandt und beharrend?

Natürlich gibt es diese Kräfte, aber wir erleben immer wieder, dass gerade in diesem geschützten Rahmen Innovationen eher möglich sind. Menschen fällt es leichter, sich von Dingen, die von gestern sind, zu verabschieden, wenn sie miteinander verbunden sind. Auch die Vereine und Ehrenamtlichen, die in diesem Bereich wichtige Arbeit leisten, sind dafür offen.

Also alles gut mit der Heimat?

Nein. Heimat ist nicht immer nur schön. Jeder kann dort auch schmerzhafte Erfahrungen machen. Auch der Verlust von Heimat fordert die Menschen aktuell in besonderer Weise. Zur Heimatarbeit gehören darum drei Verben: haben, suchen, finden. So lautete auch das Motto des Festes des Kreisheimatbundes zum Jubiläum des Kreises Olpe. Und es braucht eine Analyse der Wirklichkeit, die hat, wie alles auf der Welt, gute und schlechte Seiten. Je mehr ich in der Lage bin, das Gute wie das Schlechte anzunehmen, umso mehr kann ich mich verwurzeln.

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