Digitalwirtschaft

Start-ups sind im Sauerland besser aufgehoben als in Berlin

Ökonom und Autor Steven Hill schaute sich 2016 in mittelständischen Firmen um, wie hier in Meschede-Ense. In „Die Start-up-Illusion“ rät er jungen Kreativen: „Geht nach Meschede!“

Foto: Hans Blossey

Ökonom und Autor Steven Hill schaute sich 2016 in mittelständischen Firmen um, wie hier in Meschede-Ense. In „Die Start-up-Illusion“ rät er jungen Kreativen: „Geht nach Meschede!“ Foto: Hans Blossey

Meschede.   FH Südwestfalen und Industrie- und Handelskammern versuchen, zwischen zwei Wirtschafts-Welten zu vermitteln. Profitieren könnten beide.

Vergesst das Silicon Valley, verlasst Berlin und Hamburg, geht in die Provinz, wo die mittelständischen Weltmarktführer, die sogenannten Hidden Champions zuhause sind. So lautet der Rat des US-amerikanischen Publizisten und Wirtschaftswissenschaftlers Steven Hill, Autor des Buches „Die Start-up-Illusion“.

Besser Meschede als Silicon Valley!

Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem digitalen Wandel in Unternehmen und ist seit zwei Jahrzehnten im vermeintlich glückselig machenden kalifornischen Kreativmekka zuhause. „Geht nach Meschede“, ruft er der versammelten deutschen Start-up-Hipster Gemeinschaft in den Metropolen zu. Ein Gag?

Keineswegs, versichert Martin Botteck, Professor der Fachhochschule Südwestfalen am Standort Meschede. Das Thema Digitalisierung im Mittelstand haben Hochschule und Industrie- und Handelskammern seit geraumer Zeit auf der Agenda. Dass das Sauerland in den internationalen Fokus geraten ist, hat mit einem Besuch des Autors beim Kongress „Industrie 4.0 für den Mittelstand in Südwestfalen“ im vergangenen Jahr zu tun.

Bei seinem zweieinhalbtägigen Besuch im Sauerland, „hat Hill viel über unseren Mittelstand gelernt. Nämlich, dass hier echte Produkte mit hoher Qualität hergestellt werden“, sagt Botteck. Hill ist der Ansicht, dass die Kreativität digitaler Start-ups in Regionen wie Südwestfalen viel sinnvoller eingesetzt werden könnte, als im hippen Berlin Apps zu produzieren, die die Welt vielleicht gar nicht braucht.

„Hier passiert schon eine Menge“

Daran, dass diese zwei Welten, der traditionelle produzierende Mittelstand in Südwestfalen und junge Digitalkreative zueinander finden, arbeiten Hochschule und Industrie- und Handelskammern.

„Hier passiert auch schon eine ganze Menge“, versichert Michael Beringhoff, bei der IHK Hellweg-Sauerland in Arnsberg für Innovationsfragen zuständig. Für viele Unternehmen gelte es aktuell zu klären, was Digitalisierung und 4.0 überhaupt konkret für sie bedeute. Die Kammer versuche diesen Prozess zu moderieren.

Zum Beispiel, in dem Mittelstand und Start-ups bei Kongressen wie im vergangenen Jahr oder in drei Wochen beim nächsten 4.0-Treffen zusammengebracht werden. Ein entsprechendes Projekt zur Begleitung sei entwickelt worden, Förderung vom Land Nordrhein-Westfalen sei in Aussicht. Im Projekt sollen Formen der Kooperation erprobt, gute Wege weitergegangen, Sackgassen wieder verlassen werden. „Wenn es gut läuft, können wir Anfang 2018 starten“, sagt Innovationsexperte Beringhoff.

Hochschulprofessor Botteck ist überzeugt, dass junge Kreative im Sauerland genau richtig sind: „Diese Leute aus Berlin haben coole Ideen, sind offen, fröhlich. Der Umgang und Austausch mit diesen jungen Hipstern würde dem Mittelstand bei uns sehr gut tun.“

Ziel: Absolventen in der Region halten

Botteck kommt aus der Industrie, hat lange für Nokia gearbeitet und ist „im zehnten Semester an der Fachhochschule“. Die Umsiedlung in den ländlicheren Raum nach der Berufung an die FH hat er überhaupt nicht bereut: „Es ist fast unglaublich, welchen Standard die Fachhochschule bietet. Eine Qualität fast wie an einer privaten Eliteuni.“ Ein Wink an kommende Studierende, der frei nach Hill lauten könnte: „Kommt nach Meschede und bleibt!“

Ein Ziel sei es ohnehin, die eigenen Absolventen in der Region zu behalten, erklärt IHK-Experte Beringhoff – nicht, dass sie nachher in Berlin, Hamburg oder im Silicon Valley hip, aber womöglich unproduktiv ihr Knowhow vergeuden.

FIRMEN IM SILICON VALLEY*:
Apple Cupertino Hauptsitz
Adobe San José Hauptsitz
Cisco Systems San José Hauptsitz
Deutsche Telekom Menlo Park  
Daimler Sunnyvale  
eBay San José Hauptsitz
EA (Electronic Arts) Redwood City Hauptsitz
Ericsson Santa Clara  
Facebook Menlo Park Hauptsitz
Fujitsu Sunnyvale  
Google Mountain View Hauptsitz
Hewlett-Peckard Palo Alto Hauptsitz
IBM San José  
Intel Santa Clara Hauptsitz
Infineon Milpitas  
Juniper Sunnyvale Hauptsitz
Microsoft Sunnyvale  
Netflix Los Gatos Hauptsitz
Nokia Sunnydale  
Oracle Redwood City Hauptsitz
Philips Sunnyvale  
SanDisk Milpitas Hauptsitz
SAP Palo Alto  
Siemens San Mateo  
Sony/Play Station San Mateo Hauptsitz
Symantec Symantec Hauptsitz
Tesla Palo Alto Hauptsitz
WhatsApp Mountain View Hauptsitz
Yahoo Sunnyvale Hauptsitz

*Auswahl

>>> KURZ-INTERVIEW: „Barrieren in Köpfen abbauen“

Der Präsident der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer (SIHK), Ralf Stoffels, Geschäftsführender Gesellschafter des mittelständischen Unternehmens BIW Isolierstoffe mit Sitz in Ennepetal, im Gespräch mit der WESTFALENPOST über die Bedeutung von Start-ups.

Braucht der Mittelstand in unserer Region digitale Start-ups?

Ralf Stoffels: Steven Hill hat vollkommen Recht. Selbstverständlich brauchen wir digitale Start-ups in unserer Region, denn an der These ‚Die Zukunft wird Digital‘ besteht kein Zweifel. Durch eine räumlich engere Verzahnung von ‚New‘ und ‚Old Economy‘ können so neue Geschäftsmodelle, Dienstleistungen etc. entstehen. Wir haben die Fertigungs-Industrie in unserer Region. Und damit diese auch morgen noch stark in den Weltmärkten unterwegs ist, muss die Digitalisierung in die Prozesse über Automatisierung und Steuerung, Überwachung und Vernetzung integriert werden – Stichwort Industrie 4.0.

Was muss passieren, damit diese beiden Welten zueinander finden?

Stoffels: Es müssen Barrieren abgebaut werden: ganz praktische, wie zum Beispiel die Frage, wie man Angebot und Nachfrage zusammen bringt, aber auch solche, die eher in den Köpfen noch bestehen. Ich meine damit, dass manchem Start-up nicht bewusst ist, durch welche Industriebetriebe sich unsere Region auszeichnet und wo deren Bedarfe sind. Aber auch umgekehrt ist es wichtig, dass manch alt eingesessener Industriebetrieb die Zusammenarbeit mit einem jungen Start-up noch scheut, weil dieser noch keine Referenzen und langjährige praktische Erfahrung vorweisen kann. Die Entwicklungen gerade im digitalen Sektor sind aber wiederum so schnell und so fachspezifisch, dass die meisten familiengeführten, mittelständischen Unternehmen die Integration der Digitalisierung in Produktion und Fertigung nicht alleine schaffen können, sondern sich im Bereich Digitalisierung auf externes Experten-Wissen verlassen, was wiederum häufig (nur) in Start-ups zu finden ist.

Was kann die Kammer beitragen?

Stoffels: Die SIHK bietet Veranstaltungen an, in der die Unternehmer für genau diese Thematik sensibilisiert werden. Dort werden Akteure zusammengebracht und Netzwerke geknüpft. Natürlich gehört dazu dann auch Themen wie Digitalisierung, Industrie 4.0 mit Hinblick auf die Erfordernisse im industriellen Mittelstand in Aus- und Weiterbildungsangebote zu integrieren. Die SIHK bietet Schulungen und Workshops an und stellt zu guter Letzt auch Unterstützungsangebote für Start-ups bereit, um das Gründerklima zu fördern.

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