Mobilfunk

Südwestfalen – das Land der tausend Funklöcher

Hagen.   Ein WP-Aufruf führt zu mehr als 1100 Tipps zu schlechten Handyverbindungen. Auf einer interaktiven Karte zeigen wir die Funklöcher in der Region.

Mehr als 1100 Hinweise auf Funklöcher – das ist das Ergebnis einer Umfrage der WESTFALENPOST unter den Lesern. Auch wenn darunter Doppelnennungen sind, macht die Zahl deutlich, wie schlecht die Mobilfunkversorgung der Region ist.

Vor zwei Wochen hatte Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, im Interview mit dieser Zeitung eine App angekündigt, die Funklöcher künftig automatisch an die Bundesnetzagentur melden soll. Damit will der Minister offenbar den Druck auf die Netzbetreiber erhöhen, etwas gegen die Funklöcher zu unternehmen.

Versorgung des ländlichen Raumes ist unwirtschaftlich

Bisher ist die flächendeckend gute Versorgung des ländlichen Raumes vor allem daran gescheitert, dass es für Mobilfunkbetreiber unwirtschaftlich wäre, weitere Sendemasten aufzustellen, erklärt Stefan Glusa von der Telekommunikationsgesellschaft Südwestfalen.

Er sieht eine Chance im Rahmen der neuen 5G-Frequenzvergaben, die künftig eine noch schnellere Datenübertragung gewährleisten sollen: Betreiber dürften nur dann den Zuschlag für die lukrativen Großstädte bekommen, wenn zuvor die Lücken im ländlichen Raum geschlossen sind, so Glusa.

„Für eine Region, die wirtschaftlich so stark aufgestellt ist wie Südwestfalen, ist das kein tragbarer Zustand“, kritisiert der CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg (Brilon) die hohe Funklochdichte.

"Man muss jederzeit kommunizieren können"

In einer Region mit einer solch hohen Exportquote müsse man jederzeit kommunizieren können, ergänzt Volkmar Klein (CDU), für den Wahlkreis Siegen-Wittgenstein im Bundestag.

„Klar ist, dass sich beim Ausbau der digitalen Infrastruktur, also kabelgebundenes Breitband und Mobilfunk, einiges tun muss, damit wir auch bei der Wirtschaft 4.0 Spitze bleiben“, so Sensburg.

Nun fordern die südwestfälischen CDU-Parlamentarier, dass Südwestfalen Modellregion für den Ausbau des neuen 5G-Mobilfunkstandards werden soll. 5G soll voraussichtlich 2020 marktreif sein.

Röspe: Wo man seine E-Mails in der Eisdiele des Nachbarorts lesen muss 

Erndtebrück, Ortsteil Röspe. 158 Einwohner. Keine Kneipe mehr, kein Lebensmittelgeschäft.

In den 50er Jahren ist die Siedlung groß geworden, als die Flüchtlinge aus dem Osten kamen.

Heute sind nahezu zwei Drittel der Bürger älter als 60 Jahre. Klingt nach einem Ort, in dem abends die Bürgersteige hochgeklappt werden. Aber Gehwege gab es hier bisher nicht. Jahrzehntelang habe man sich dafür einsetzen müssen. „Jetzt werden welche gebaut“, sagt Olaf Karsten Kettler ein bisschen stolz. „Es braucht alles eben nur Zeit.“

Ausbau gestartet

Auch das mit dem schnellen Internet hat eine Weile gedauert. Genau genommen zehn Jahre. „Im Jahr 2008 habe ich angefangen, mich um den Ausbau zu kümmern“, erzählt Kettler. Er hat sich an den Kreis gewendet, an die Bezirksregierung, ans Land und an den Bund.

Er will es sich nicht als persönlichen Erfolg an die Brust heften: Aber nun soll es doch etwas werden. Gestern war der Spatenstich in Freudenberg; der Breitband-Ausbau im Kreis Siegen-Wittgenstein ist gestartet. Bis Mai 2019 sollen 98 Prozent des Kreisgebietes auf Downloadgeschwindigkeiten von 50 Mbits kommen. Auch in Röspe.

Dann wäre zumindest dieses Loch gestopft. Ein anderes bleibt: das Handy-Funkloch. Kettler erzählt von seinem Nachbarn. Der Mann arbeitet modern von Zuhause aus – er hat bisher aber kein schnelles Internet und in Röspe auch keine ausreichende Handy- bzw. Mobilfunkverbindung, um zumindest darüber Daten zu übertragen.

Für E-Mails in die Eisdiele

Derzeit fahre er noch regelmäßig nach Erndtebrück, berichtet Kettler, setze sich dort in die Eisdiele, einen Hotspot im Ort, um von dort aus per Handy oder Tablet Daten loszuschicken.

Dieses Problem mag mit dem Breitband-Ausbau im kommenden Jahr gelöst sein. Viele andere bleiben: „Ohne Mobilfunk geht es künftig nicht mehr“, sagt Hans-Peter Langer von der IHK in Siegen und erzählt davon, dass heute bereits Produktionsprozesse durch Mitarbeiter von unterwegs übers Tablet gesteuert würden. Das autonome Fahren nennt er als weitere Beispiel, das im Funkloch nicht funktionieren könne.

Mit dem Blick zum Tal

Jüngst haben sich die CDU-Abgeordneten aus Südwestfalen für den Mobilfunkstandard 5G in der Region stark gemacht.

In Röspe allerdings bringt es mancher Mobilfunkanbieter gerade einmal auf den Standard 2G.

Zwei bis drei Balken – mehr bekomme man je nach Anbieter nicht auf dem Display angezeigt, so Olaf Karsten Kettler. Nur vier Haushalte im Ort werden nach seinen Angaben zuverlässig von einem LTE-Signal erreicht. „Alle anderen sind außen vor.“

Wer Kettler auf dem Handy anruft, der wird ihn nicht immer erreichen. „Ich kann telefonieren“, sagt er. „Aber zu Hause nur, wenn ich mich zum Tal drehe und den Sendemasten im Blick habe“, schildert er seine Erfahrungen.

Der 47-jährige Beamte bei der Bundeswehr in Erndtebrück hat in Röspe eine Hobbylandwirtschaft. Im vergangenen Jahr hatte sich einer seiner Söhne mit dem Trecker festgefahren. „Er kam nicht vor und zurück“, so Kettler.

Hilfe holen konnte der Junge allerdings auch nicht: kein Netz. Als es dunkel wurde, machte sich der Vater auf die Suche. „Es ist nicht immer einfach“, erklärt er.

Nimmt er nun also, nachdem Röspe Bürgersteige und Breitband bekommt, den Kampf für ein funktionierendes Mobilfunknetz auf? „Das bekommt man nicht hin“, sagt er und winkt ab. Die Versorgung sei schließlich eine privatwirtschaftliche Aufgabe. „Und man kann niemanden zu unwirtschaftlichen Ausgaben zwingen.“

Interview mit Stefan Glusa: „Funkloch ist schlimmer als Schlagloch“ 

Eine Funkloch-App? Keine schlechte Idee vom zuständigen Bundesverkehrsministerium, aber auch kein Allheilmittel glaubt Stefan Glusa, Geschäftsführer der Telekommunikationsgesellschaft Südwestfalen.

Die Gesellschaft mit Sitz in Meschede arbeitet an der Verbesserung und Weiterentwicklung der Telekommunikationsinfrastruktur im Hochsauerlandkreis, im Kreis Olpe, im Kreis Soest, im Kreis Siegen-Wittgenstein und im Märkischen Kreis für den Erhalt und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Region.

Wie soll ich eigentlich ein Funkloch per App melden, wenn ich doch überhaupt kein Netz habe?

Stefan Glusa (lacht): Das bekommt man technisch hin: Wenn das Handy das Netz verliert, werden Funkzellen- und GPS-Positions-Daten aufgezeichnet. Ebenso, wenn es wieder Empfang hat. Anfang und Ende der Funkloch-Zone werden dann automatisch von der App übermittelt.

Braucht es eine solche App?

Eigentlich sind die weißen Flecken längst bekannt. Die Netzbetreiber wissen sehr genau, wo es Funklöcher gibt. Im Internet bieten sie auch Karten an, auf denen teils straßengenau abzulesen ist, welchen Empfang die Kunden wo erwarten können.

Also ist die App doch überflüssig, oder?

Eine solche App hat eine gewisse Pranger-Funktion. Und sie ist ein Instrument der Bürgerbeteiligung: Bürger, die sich vielleicht schon viele Male ohne Erfolg an ihre Mobilfunkanbieter gewendet haben, können dadurch noch einmal auf das Problem aufmerksam machen.

Denn je mehr Menschen mit einem guten Handy-Netz versorgt sind, desto kleiner wird die Lobby für die wenigen im ländlichen Raum, die keinen oder einen schlechten Empfang haben. Durch die App können Behörden und Anbieter das Problem schwerer ignorieren. Aber verbessert ist die Versorgung damit ja noch nicht.

Wie viele Menschen sind in Südwestfalen betroffen?

Die drei großen Betreiber decken in Südwestfalen nach eigenen Angaben 94 bis 97 Prozent der Fläche ab – zumindest mit 2G- oder 3G-Netzen. Das heißt, dass dort mindestens Sprachtelefonie möglich ist. Um mobiles Internet oder eine App zu nutzen, braucht es aber besser 4G, also LTE.

Wenn die weißen Flecken doch längst bekannt sind, warum ändert sich dann gar nichts?

Die Netzbetreiber wissen zwar sehr genau, wo Sendemasten fehlen. Doch im ländlichen Raum sind meist die Mobilfunkumsätze niedrig und die Betriebskosten für neue Standorte hoch, so dass sich die Errichtung weiterer Masten für die Konzerne kaum rechnen würden.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Einige Netzbetreiber fordern eine öffentliche Subvention: Bayern plant beispielsweise, dass Gemeinden Masten bauen und den Netzbetreibern verpachten. Als kommunale Telekommunikationsgesellschaft Südwestfalen haben wir Netzbetreibern schon vor Jahren Masten oder Windräder zur Mitnutzung angeboten.

Häufig leider vergeblich. Und das liegt nicht nur an Miete und Pacht für Standorte, sondern auch an Folgekosten wie Strom, Glasfaserkabel und Netzbetrieb. Unter 1000 Nutzern, so eine Faustregel, lohnt sich deshalb ein neuer Mast nicht. Die öffentliche Hand müsste also auch noch die laufenden Betriebskosten subventionieren – das kann jedenfalls nicht die Lösung sein.

Gibt es denn andere Möglichkeiten?

Diskutiert werden Versorgungsauflagen im Rahmen der neuen 5G-Frequenzvergaben. Betreiber dürften erst dann in den lukrativen Gebieten der Großstädte versorgen, wenn zuvor die Lücken in den unterversorgten ländlichen Gebieten geschlossen sind. Der Staat selbst kann kein Netz betreiben; Telekommunikation ist laut Grundgesetz eine privatwirtschaftliche Aufgabe.

Wer in einem Funkloch wohnt, kann versuchen „WLan Call“ zu nutzen, auch unter dem Namen „Voice over WiFi“ oder „WiFi Calling“ bekannt. Mit dem Smartphone kann so über das Internet mobil telefoniert werden. Das bieten mittlerweile alle großen Mobilfunkbetreiber an.

Was bedeuten diese Versorgungslücken für eine starke Industrieregion wie Südwestfalen?

Da gilt oft der Spruch „Funkloch ist schlimmer als Schlagloch“. Gerade Industrie 4.0 ist auf die beste Mobilfunkversorgung angewiesen. Deshalb brauchen wir in der Region auch dringend Netze der fünften Mobilfunkgeneration, also 5G. Deren Ausbau soll 2020 beginnen.

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