Südwestfalen

Südwestfalenkonferenz: „Region muss lauter werden“

Eine wichtige Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit Südwestfalens: der Ausbau der digitalen Infrastruktur.

Eine wichtige Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit Südwestfalens: der Ausbau der digitalen Infrastruktur.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Lüdenscheid.  Vertreter von Politik, Wirtschaft und Verwaltung kommen bei der Südwestfalenkonferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung in Lüdenscheid zusammen.

Es ist wohl nur ein sich über Generationen haltendes Gerücht, dass der gemeine Südwestfale zur Sturheit neigt. Dagegen gilt als sicher, dass er ein Meister des Understatements ist. „Wir sind uns häufig unserer Stärken nicht bewusst“, sagt Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Siegen, auf der ersten Südwestfalenkonferenz der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung am Samstag in Lüdenscheid und fordert eine offensivere Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache: Man müsse „klar und deutlich“ die positiven Standortfaktoren und die „außerordentlich gesunden Strukturen heimischer Firmen“ herausstellen. Dass dies zu selten geschehe, habe „mit der Mentalität“ zu tun: „Der Siegerländer lobt defensiv“, nennt Gräbener ein Beispiel und sieht auch den Rest Südwestfalens in falscher Bescheidenheit. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Wiese stimmt ihm zu: „Wir müssen uns intensiv Gedanken machen, wie wir lauter werden.“

Auch darüber diskutieren rund 50 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung auf der Premiere dieser Südwestfalenkonferenz, die im Lüdenscheider Hotel „Sportalm Gipfelglück“ stattfindet. Der Name ist auch ein Symbol: Die Region muss höher hinaus, um zukunftsfähig aufgestellt zu sein.

Betriebliche Erstausbildung voran bringen

Wie hält man junge Leute in ihrer Heimat? „80 Prozent eines Abiturjahrgangs, der Südwestfalen zum Studieren verlässt, kommt nicht zurück“, sagt Gordan Dudas. Der Landtagsabgeordnete aus dem Märkischen Kreis sieht hier bei den Absolventen anderer Schulformen eine Chance. Es schlummere noch Potenzial, findet auch IHK-Mann Gräbener: „Politik und Wirtschaft müssen die betriebliche Erstausbildung nach vorne bringen.“

Dennoch: Die junge Zielgruppe droht der Region auch angesichts infrastruktureller Schwächen verloren zu gehen. Es liege auf der Hand, findet Sozialdemokratin Marlies Stotz aus dem Kreis Soest, dass der Nachwuchs nach der Schule in Regionen abwandere, in denen es schnelles Internet gebe, ein abwechslungsreiches Kultur- und Freizeitangebot oder attraktive Verbindungen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Wovon in heimischen Gefilden nicht überall die Rede sein kann. Marlies Stotz hat auf der Südwestfalenkonferenz die Arbeitsgruppe „Infrastruktur“ geleitet. Eine Frage aus der Runde: Muss sich der ÖPNV immer rechnen oder sollte es nicht darum gehen, Menschen ein attraktives Mobilitätsangebot zu geben? Marlies Stotz: „Wir dürfen nicht immer fragen, was es kostet, sondern was die Menschen und die Industrie brauchen.“

Medizinische Versorgungszentren in ärztlicher Hand

Wie schafft man ein lebenswertes Umfeld für Menschen allen Alters? Zum Beispiel mit einer umfassenden medizinischen Versorgung. Ein drängendes Problem in Südwestfalen: „Während viele Ärzte aus Altersgründen in absehbarer Zeit aufhören, fehlen junge Mediziner“, sagt Nezahat Baradari, sie seit Anfang des Jahres für die SPD im Bundestag sitzt. Die Attendorner Ärztin berichtet von der Forderung ihrer Arbeitsgruppe, die Telemedizin auszubauen – was angesichts der Netz-Problematik leichter gesagt als getan ist. Eine weitere mögliche Lösung: medizinische Versorgungszentren in ärztlicher Hand und genossenschaftlich organisiert, „bei denen nicht finanzielle Interessen, sondern die Patientenversorgung im Vordergrund“ stünden. Dazu müssten die Interessenkonflikte der Player – Krankenhäuser, Ärzte, Kommunen – ein Ende haben. „Wir brauchen interessenübergreifende Kooperationen“, sagt Nezahat Baradari und lobt nicht nur wegen der Anwesenheit von Bürgermeister Ralph Brodel das „tolle Angebot“ MeDiKus in Sundern. Das Förderprojekt betrachtet Digitalisierungspotenziale in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum.

Doch es ist offenbar ein weiter Weg, wie IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener plastisch beschreibt. Seit 20 Jahren würden Kooperationen der Siegener Krankenhäuser diskutiert. „Doch es gelingt nicht.“ Den Grund sieht er in „institutionellen Eigeninteressen“. Dabei müsse man regionalpolitisch denken, wie das kürzlich verkündete Aus für Medizin-Studenten an der Universität Siegen im Rahmen des Modellprojekts „Medizin neu denken“ unterstreiche. „Der Wissenschaftsrat kritisiert, dass nicht mit einer Zunge gesprochen wird.“

Gegen ein Kirchturmdenken

„Kirchturmdenken hemmt“, spricht SPD-Frau Marlies Stotz ein Grundproblem in Südwestfalen an. „Wir müssen schauen, wo wir noch stärker kooperieren können“, sagt Bundestagsabgeordneter Dirk Wiese über seine „Industrienation im Grünen“. Zumal die fünf Landkreise in Südwestfalen „bei vielen Themen vor den gleichen Herausforderungen“ stünden. Zum Beispiel die Digitalisierung. Gordan Dudas; „Wir müssen weg davon, diese als Gefahr zu sehen.“ Dass Digitalisierung kein „Dämon“ ist, ergänzt Klaus Gräbener von der IHK Siegen, zeige sich daran, dass die Zahl der Arbeitsplätze aller Befürchtungen zum Trotz nicht nach unten gegangen sei. „Wir müssen Digitalisierung als Chance begreifen.“

Gräbener hat aufmerksam zugehört, welche Ideen die Arbeitsgruppen auf der Sauerlandkonferenz formuliert haben. Er habe nichts gegen Erneuerbare Energien, sagt er mit Blick auf die SPD-Landtagsabgeordnete Inge Blask, die den Ausbau der Windkraft im Wald ins Spiel bringt. Aber: „Die Grundlast der Energieversorgung für unsere Industrieunternehmen werden wir damit aber nicht sichern können.“ Der Siegener kritisiert in diesem Zusammenhang die Politik. „Sie hechelt derzeit jedem hinterher, der ,wir müssen das Klima retten’ ruft.“ Ein weiterer „Kapitalfehler“ aus seiner Sicht: „Es wird das Auto und insbesondere der Diesel kaputt diskutiert.“ Die negativen Auswirkungen bekomme auch der Wirtschaftsstandort Südwestfalen mit seinen vielen Zuliefererbetrieben zu spüren.

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