Judo

Szaundra Diedrich ist auf der Überholspur Richtung Rio

Wenn das Training nervt, motiviert ein Blick zu Fensterfront: Szaundra Diedrich posiert vor dem Rio-Banner.

Wenn das Training nervt, motiviert ein Blick zu Fensterfront: Szaundra Diedrich posiert vor dem Rio-Banner.

Foto: FUNKE Foto Services

Köln/Brilon.   Für Szaundra Diedrich geht es bei den ersten Europaspielen in Baku nicht nur um den EM-Titel im Judo. Für die Brilonerin sollen sie eine Art Generalprobe sein. Denn die 22-Jährige stieg im Rekordtempo in die Weltspitze auf.

Sie grinst in die Linse der Kamera. Sie scherzt mit den restlichen deutschen Judoka, bevor alle ihre Plätze im Flugzeug suchen, das sie nach Baku in Aserbaidschan bringt. Zu den 1. European Games, den Europaspielen, die in ihrer Sportart als Europameisterschaft gewertet werden. Zur Generalprobe für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Trotz aller Fröhlichkeit: Szaundra Diedrich plagt im Flugzeug auch ein schlechtes Gewissen - ein bisschen wenigstens.

Eine Terminkollision

„Eigentlich müsste ich am 24. Juni zu Hause in Brilon sein“, sagt die 22-Jährige wenige Tage vor dem gestrigen Abflug von Frankurt/Main in Richtung Osten. „Schließlich feiern meine Oma Gertrud und mein Opa Franz-Josef ihre Goldene Hochzeit.“ Der Tag wird ohne die Enkelin über die Bühne gehen, denn diese schaltet auf der Überholspur zum sportlichen Erfolg gerade einige Gänge höher. „Wir wussten, dass Szaundra in die Weltspitze vorstoßen kann“, sagt Martin Drechsler und ergänzt leise: „Aber so schnell...“

Der Trainer sitzt dabei auf der mittleren der drei Sitzreihen, welche die Sporthalle am Olympiastützpunkt Rheinland in Köln an einer Seite begrenzen. Er lässt seinen Blick schweifen über die drei roten Judofelder und über die Klettersprossen an einer Kopfwand. Vor diesen baumeln verschiedenfarbige Socken an einer Halterung, damit Diedrich und Co. ihre Griffstärke trainieren können. Sie hangeln sich dann in etwa drei Meter Höhe von einem Socken zum nächsten. Drechslers Blick fällt zudem auf die dunklen Garagentore auf der gegenüberliegenden Seite, hinter denen sich unter anderem der Kraftraum verbirgt.

Und er schaut auf die junge Dame im weißen Judodress, dessen Jacke ein schwarzer Gürtel geschlossen hält. Weiße Banner zieren die Fensterfront der Halle. Banner, deren Aufschriften als Orientierung dienen. Als Motivation. Olympische Spiele London 2012 steht auf dem einen, WM 2013 auf dem nächsten, WM 2014 und WM 2015 auf den Folgenden. Als Verknüpfung dienen jeweils die farbigen Olympischen Ringe. Das Banner, vor dem Szaundra Diedrich in diesem Moment für den Fotografen posiert, schmückt das Logo der Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Rio. Sie blickt darauf - und lacht. „Es wird hart, dieses Ziel zu erreichen“, sagt sie wenig später. „Und wenn ich es erst 2020 zu den Olympischen Spielen schaffe, ist das auch okay. Ich habe absolut keinen Druck.“

Ein Blick auf ihre rasante Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit zeigt allerdings: Sie besitzt das Potenzial, bereits in Brasilien auf die olympischen Matten zu gehen. „Wenn sich die Chance bietet, werden wir sie ergreifen“, sagt Martin Drechsler zum Abschluss seines Rundumblicks durch die Halle, in der Diedrich in den vergangenen sechs Jahren vom Talent zum neuen Stern ihrer Sportart wurde. 2009 wechselte sie aus dem Sauerland auf das Sportinternat des Olympiastützpunktes und seitdem trainiert Drechsler sie.

„Szaundra ist auf der Überholspur“, sagt der Coach. „Sie ist jung, frisch und frech“, erklärt er und meint damit, dass sie keine Angst vor großen Namen habe. Was ihre Grand-Prix-Bilanz beweist: Bronze, zweimal Silber und Gold in der Gewichtsklasse bis 70 kg. „Andere warten drei Jahre auf die erste Medaille“, sagt Drechsler, „sie hat bereits in ihrem zweiten Frauenjahr einen Satz komplett, fährt jetzt sogar zur EM und vielleicht noch zur WM.“ Das hört sich nicht nur nach einer Turbo-Entwicklung an, das ist eine. Eine, die in Baku in die nächste Phase geht. „Jetzt haben die Gegner sie auf dem Zettel“, erklärt der Trainer, „jetzt muss sie technisch und taktisch noch flexibler werden, um zu überraschen.“

Der Anspruch ist eindeutig

Der Trainer ist mehr als zuversichtlich, dass die Blondine diesen Schritt ebenfalls meistert und sich in der Weltspitze etabliert. Zumal sie mittlerweile als Hauptgefreite in der Sportförderkompanie der Bundeswehr dient und dadurch optimale Bedingungen vorfindet, um sich auf ihren Sport zu konzentrieren. „Nebenbei studiere ich soziale Arbeit“, erklärt Diedrich und grinst, „aber derzeit kommt das etwas zu kurz.“

Sie ist schließlich viel und ambitioniert in der Judo-Welt unterwegs. „Mein Anspruch ist, den EM-Titel zu holen“, sagt die Sauerländerin. Und den würde sie garantiert zwei Menschen widmen: Oma Gertrud und Opa Franz-Josef.

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