Tatorte

1993: Ein Feuer, das sich durch Attendorner Dächer fraß

Als das Feuer in der ersten Etage gelöscht war, brachen die Flammen durch das Dach.

Als das Feuer in der ersten Etage gelöscht war, brachen die Flammen durch das Dach.

Attendorn.   Alle reden, nur zwei schweigen - die Hauptpersonen. Sie sind die Brandstifter und bis heute unbekannt. Rückblick auf ein Verbrechen vor 25 Jahren in Attendorn.

In knapp zwei Monaten, am 11. Januar 2018, ist es genau 25 Jahre her, dass Sirenen die Bürger der Hansestadt nachts aus dem Schlaf rissen. Trotzdem kann sich jeder, der damals auf den Beinen war, noch sehr genau erinnern. Aus gutem Grund, denn um ein Haar wäre in den frühen Morgenstunden des 11. Januar 1993 ein Gutteil der Attendorner Altstadt abgebrannt. Sechs Bewohner verloren Hab und Gut, konnten dem Feuer aber unverletzt entkommen. Alle erinnern sich, alle erzählen - nur zwei schweigen. Aus gutem Grund. Sie sind die Hauptpersonen, sie sind vermutlich die Brandstifter - und bis heute unbekannt.

Zwölf Tage vor dem Brand

Die Geschichte beginnt zwölf Tage vor dem Brand. Am 30. Dezember eröffnet in Attendorn am Alten Markt der „Attendorner Grill“. Betreiber sind zwei Türken, die die ehemalige Bäckerei Leitges gepachtet und die Räumlichkeiten zu einem Imbiss umgebaut haben.

Anfang der 90er Jahre - kurz nach der Wiedervereinigung - ist das Klima in Deutschland aufgeheizt und mancherorts sehr ausländerfeindlich. 1991 und 1992 kommt es zu Ausschreitungen bzw. Anschlägen in Hoyerswerda, Rostock und Mölln. Vier Monate nach dem Feuer in Attendorn, am 29. Mai 1993, wird es zu dem Brandanschlag in Solingen kommen, bei dem fünf Menschen sterben.

Der Alte Markt in Attendorn ist das historische Zentrum der Stadt mit Pfarrkirche und Museum, der Platz, an dem traditionelle Osterbräuche und Schützenaufmärsche gefeiert werden. Ein türkischer Grill an dieser Stelle passt nicht jedem.

Das Feuer bricht um 3 Uhr morgens aus, der „stillsten Stunde“, wie es eine Zeugin formuliert: „Die Kneipengänger sind im Bett und die von der Frühschicht noch nicht auf den Beinen.“ Eine Polizeistreife ist auf dem nahen Grafweg unterwegs, sie ist innerhalb einer Minuten vor Ort, wenig später treffen die ersten Kräfte der Feuerwehr ein.

Die sind zunächst noch ganz entspannt. An den neuen Grill denkt noch keiner von ihnen. Bei den Stichworten „Alter Markt“ und „Imbiss“ haben sie einen Imbisswagen vor Augen, für den vermutlich ein paar Eimer Wasser reichen würden. „Als wir ankamen, brannte es aus allen Löchern“, erinnert sich der heutige Stadtbrandinspektor Georg Schüttler: „Ich stand da und hab nur gedacht, wat mach’n wir denn nu?“

3.04 Uhr Sirenenalarm

Dann geht es Schlag auf Schlag:

Was von den Umstehenden keiner mitbekommt: Ungefähr 20 Minuten nach Sirenenalarm glaubt die Wehr, das Feuer unter Kontrolle zu haben, weil aus Erdgeschoss und erster Etage keine Flammen mehr schlagen. Die Freude über den Erfolg ist allerdings kurz, denn wenige Augenblicke später brechen die Flammen aus dem Dach. Über einen Luftschacht, der vom Erdgeschoss der ehemaligen Bäckerei bis unter das Dach reicht, haben sich die Flammen nach oben gefressen und breiten sich jetzt aus.

Der Brandort ist ein Tatort

Mit drei Drehleitern und von drei Seiten bekämpfen die Wehren das Feuer, gegen sechs Uhr ist das Schlimmste überstanden, anderthalb Stunden später nimmt die Polizei ihre Ermittlungen auf.

Als Oberkommissar Franz-Josef Hebbecker am Dienstag, 12. Januar, die Meldung vom Feuer der voraus gegangenen Nacht in Attendorn in seiner Olper Dienststelle auf den Tisch bekommt, macht er sich mit dem Kollegen Michael Röthling sofort auf den Weg. „Wir beide haben damals im Kreis Olpe die ganzen Brandsachen gemacht“, erinnert er sich.

Gegensatz heute früher: In der Bäckerei Leitges brannte es im Januar 1993. Im Vergleich: So sieht es heute aus.

In der heißen Brandruine ist erstmal nicht viel zu machen, aber das ändert sich in den nächsten Tagen, und in der Folge pendeln die Ermittler regelmäßig zwischen Olpe und dem Brandort am Alten Markt hin und her, und die Gewissheit wächst schnell: Dieser Brandort ist ein Tatort. „Wir haben die Brandabläufe rekonstruiert“, sagt Hebbecker, „und wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir auch einen Spürhund im Einsatz. Die können den Brandbeschleuniger noch riechen, wenn alles komplett mit Löschwasser überspült worden ist.“

Sicher ist: Von alleine ist das Feuer nicht ausgebrochen. Ausgangspunkt war eine Fritteuse, in die jemand Benzin geschüttet hatte. „Der Rest war einfach“, sagt Hebbecker. „Die Fritteuse anschalten und verschwinden. Irgendwann wird das so heiß, dass es brennt.“

Die Gewissheit, dass es sich um Brandstiftung handelt, haben Hebbecker und Röthling innerhalb weniger Tage, alles andere zieht sich. Das Feuer hat in dem Imbiss dermaßen gewütet, dass außer dem Spürhund niemand mehr verwertbare Spuren findet. „Nicht einmal die Schalterstellungen der Fritteuse oder das, was von ihnen übrig geblieben war, wäre gerichtsverwertbar gewesen“, sagt Hebbecker.

Erpressung? Schutzgeld?

Schnell wird klar, in welche Richtung ermittelt wird. Zunächst ist von Erpressung die Rede, später davon, dass sich jemand Geld habe „leihen“ wollen. Die Summe von 300 Mark wird genannt. Die Vernehmungen gestalten sich allerdings zäh. „Die Personen, die wir vernommen haben, waren nicht unbedingt kooperativ“, erinnert sich Hebbecker, „es gibt Milieus in Deutschland, wenn da etwas passiert, dann kommt die Polizei selten zu einem Ergebnis. Die sprechen nicht mit uns.“

Sicher schien, dass es Streit gegeben hatte. Erpressung? Schutzgeld? Offene Rechnungen? Direkt mit der Polizei reden will niemand - muss auch niemand, weil sogar Telefone abgehört werden - ohne Ergebnis. „Irgendwann kommt man dann an den Punkt“, sagt Hebbecker, „da muss man sich eingestehen, dass es nicht mehr weitergeht. Wir haben zwar auch später immer noch mal wieder gehofft, dass es einen neuen Ansatzpunkt geben könnte, aber das war nicht so.“

Zu wenig ist sicher. Zwar hat ein Anwohner, der kurz vor dem Ausbruch des Feuers auf die Toilette musste, zwei Männer gesehen, die vom Tatort wegliefen: Sehr jung, sehr dünn und dunkel, aber die Spur bleibt kalt.

Der Tipp aus Altena

Anfang Februar keimt Hoffnung auf: In Altena wird die Polizei zu einem Familienstreit gerufen, der Hintergrund interessiert auch die Polizei im Kreis Olpe: Einer der Beteiligten war Betreiber des Attendorner Grills. Er lebt mit einer Landsmännin zusammen, die noch verheiratet ist. Es brodelt. Eine Spur? „Ja, wir haben damals auch in Herne ermittelt“, sagt Franz-Josef Hebbecker, „dort hat einer der Beteiligten gewohnt. Aber gebracht hat es nichts.“ Der Kriminalhauptkommissar ermittelt heute für die Polizei in Gütersloh. Wurmt ihn der ungelöste Fall aus seiner alten Heimat noch? „Klar“, sagt er, „allein die Tatsache, dass ich mich noch so gut daran erinnern kann, zeigt doch, dass ich damit nicht fertig bin.“

Aber ändern wird sich daran sicher nichts mehr. Nach 42 Dienstjahren steht er kurz vor dem Ruhestand.

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