Tatorte

Ein gefährlicher Ort: Tod am Stimm-Stamm

Das Grab von Virgil Wilhelm

Das Grab von Virgil Wilhelm

Foto: Maack

Meschede.   Im Jahr 1945 machte sich Bruder Virgil Wilhelm auf den Weg zum Herz-Jesu-Fest. Er kam dort nie an.

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Pinkfarbene Blüten bewegen sich langsam im Wind, dabei streifen sie einen schlichten Grabstein. Der Stein ist verwittert und leicht mit Moos überzogen, die Inschrift jedoch noch zu erkennen: „BR. Virgil Wilhelm, 1889 - 1945“, wurde in großen Buchstaben in den Stein gemeißelt.

Bruder Virgil Wilhelm hat auf dem Friedhof der Abtei Königsmünster seine letze Ruhestätte gefunden. Er wurde nur 56 Jahre alt. Am 8. Juni 1945 wurde Bruder Virgil Wilhelm ermordet. Getötet mit einem Schuss in den Kopf.

Auf dem Weg zum Herz-Jesu-Fest

Seine verweste Leiche fand man erst ein Jahr später, am 26. September 1946. Was geschah, lässt sich heute nicht mehr so genau sagen. Vieles ist in den Nachkriegswirren untergegangen. Es gibt einige Fakten, aber auch viele Vermutungen. Sicher ist, dass Bruder Virgil Wilhelm an jenem 8. Juni mit dem Fahrrad über den Stimm-Stamm nach Kallenhardt unterwegs war, um dort am Herz-Jesu-Fest teilzunehmen. Von dieser Fahrt kam er nie zurück.

Erst im April 1945 war Virgil Wilhelm als erster Mönch wieder zurück in die Abtei Königsmünster gekommen, bestätigt Pater Johannes Sauerwald, Bibliothekar der Abtei. „Alle Mönche waren vertrieben und das Kloster in Beschlag genommen worden“. Als Virgil Wilhelm zurück nach Meschede kam, war Königsmünster noch ein Reserve-Lazarett, Schwestern gaben ihm eine Unterkunft, bis zu jenem verhängnisvollen Tag...

Klausurschlüssel am Zeigefinger

„Man muss annehmen, dass Bruder Virgil Wilhelm von raubenden, umerziehenden Ausländern, die sich in den Wäldern des Stimm-Stamm verborgen hielten und nachts Höfe und alleinstehende Häuser überfielen, ausgeplündert und erschlagen wurde“, heißt es in Notizen von Prior Alban Buckel zum Tod von Bruder Virgil Wilhelm.

Alban Buckel, der zwischen 1937 und 1956 Konventualprior im Kloster war, hielt weiter fest, dass die Leiche des Bruders anhand der Wäsche-Nummer in den Kleidern identifiziert werden konnte. Zudem sei am Zeigefinger seiner „vermoderten“ rechten Hand der Klausurschlüssel gefunden worden, mit dem er sich offensichtlich verteidigen wollte“, heißt es in den Aufzeichnungen. „Die Identifizierung des Toten war einwandfrei“, schreibt der Prior.

Leiche mit Reisig bedeckt

Virgil Wilhelms mit Reisig bedeckte Leiche wurde im Jahr 1946 entweder von Pilzsuchern oder Forstleuten entdeckt, genau kann das im Kloster niemand mehr sagen. Ebenso weiß niemand genau, wie der Mord abgelaufen ist. Es gibt dazu unterschiedliche Versionen:

„Bevor Virgil Wilhelm getötet wurde, war er ausgeraubt, an einen Baum gefesselt und gefoltert worden“, heißt es in der Broschüre „Kriegsende. Die Stunde Null“ des Mescheder Stadtarchivs. Es wird über Mord aus Habgier spekuliert: „Vermutlich wollte man ihm sein Fahrrad stehlen,“ steht dort geschrieben.

Auch Prior Alban Buckel vermerkt, dass das Fahrrad, das Virgil Wilhelm sich von einem Sanitäter des Lazarettes geliehen habe, ihm zum Verhängnis wurde. „Das waren begehrte Artikel bei Ausländern“, schreibt er. Von einer Folterung des Bruders berichtet der Prior jedoch nicht. Bibliothekar Pater Johannes Sauerwald weist darauf hin, dass es kaum Belege gibt, wer die Mörder von Bruder Virgil Wilhelm waren und was damals wirklich passiert ist: „Das sind alles Vermutungen. Was wir aber wissen ist, dass Virgil Wilhelm durch einen Kopfschuss getötet wurde“, sagt er.

Das ist mit Verweis auf polizeiliche Untersuchungen auch in den Notizen von Alban Buckel zu finden.

Gedenkstein erinnert heute an Tat

Fest steht laut Pater Johannes auch, dass die Tat in einer Zeit geschah, in der Morde und Überfälle keine Seltenheit waren. Der Stimm-Stamm war damals ein gefährlicher Ort. So berichtet ein Artikel der Westfalenpost vom 29. Juli 1983, dass, laut Augenzeugen, Dutzende von Fremdarbeitern die Straße zwischen Meschede und Warstein unsicher gemacht hätten.

An der B55 zwischen Meschede und Warstein, an der Straße, auf der Bruder Virgil Wilhelm im Jahr 1945 den Tod fand, steht heute ein Gedenkstein, den die Schützengemeinschaft Meschede-Nord errichten ließ, damit die Erinnerung an die schreckliche Bluttat wach bleibt.

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