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Hagener Kriminalpsychologe: "Jeder kann Totschläger werden"

Der Kriminalpsychologe Andreas Mokros, der lange mit Straftätern gearbeitet hat, ist seit einem halben Jahr Professor an der Fernuniversität in Hagen. Er interessiert sich für die dunkle Seite der menschlichen Psyche. Foto:Volker Hartmann

Der Kriminalpsychologe Andreas Mokros, der lange mit Straftätern gearbeitet hat, ist seit einem halben Jahr Professor an der Fernuniversität in Hagen. Er interessiert sich für die dunkle Seite der menschlichen Psyche. Foto:Volker Hartmann

Hagen.   Der Hagener Kriminalpsychologe Andreas Mokros darüber, wie ein Mörder tickt und über den hohen Psychopathen-Anteil in den Haftanstalten.

Prof. Andreas Mokros leitet das Lehrgebiet für Persönlichkeitspsychologie, Diagnostik und Beratung an der Fernuniversität Hagen. Zuvor hat er sich in England auf Kriminalpsychologie spezialisiert und jahrelang Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen im Maßregelvollzug behandelt, auch in Eickelborn.

Wie tickt ein Mörder?

Andreas Mokros: Beim Mord gibt es ja noch juristische Zusatzaspekte. Wenn wir uns auf Totschlag beschränken: Grundsätzlich kann fast jeder zum Totschläger werden, wenn die Umgebungsbedingungen entsprechend ungünstig sind, wenn etwa schwerste Gewalt gegen andere als üblich erscheint. Da fällt einem der Völkermord in Ruanda ein, die Massaker in Ex-Jugoslawien oder der Nationalsozialismus.

Und unter normaleren Bedingungen?

Wir erkennen bei vielen Tätern bestimmte Wesenszüge wieder, die wir als Psychopathie bezeichnen. Das beinhaltet emotionale Kälte, Abschätzigkeit gegenüber anderen, Rücksichtslosigkeit und manipulatives Geschick. Solche Menschen werden nicht alle zu Mördern, aber es gibt einen deutlichen Zusammenhang.

Man spricht ja auch von Psychopathen im Management...

In der Tat gab es eine Untersuchung beim Manager-Nachwuchs, bei der eine doppelt so hohe Psychopathen-Quote wie in der Normalbevölkerung ermittelt wurde. Die Kandidaten galten als durchsetzungsstark und schnelle Entscheider, langfristig wurde ihnen aber weniger Erfolg zugetraut. Aber auch wenn die Quote doppelt so hoch war: Die weitaus meisten Nachwuchs-Manager in der betreffenden Studie waren nicht psychopathisch.

Zurück zu den Mördern. Sind viele nicht eher unterdurchschnittlich intelligent?

Minderbegabte sind bei Tötungsdelikten nicht überrepräsentiert. Das ist anders bei Brandstiftung oder bei Sexualdelikten, wo sie die Folgen ihres Handelns nicht überblicken, oder bei anderen Gewaltdelikten, weil sie auf Kränkungen verbal nicht reagieren können und nur ein eingeschränktes Handlungsrepertoire haben. Das sind häufig soziale Unfälle. In die Psychopathie-Gruppe fallen auch nicht die Fälle, wo jemand nach acht Bier eine Wirtshausschlägerei beginnt, bei der jemand zu Tode kommt. Bei Psychopathen ist ein Gewaltausbruch keine Entgleisung, sondern oft eine geplante, strukturierte Aktion, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Wollen oder können die Täter sich nicht in andere hineinversetzen?

Wer andere manipulieren will, muss verstehen, was sie ­empfinden. Aber die Aufmerksamkeit liegt nicht beim Leid eines anderen, sondern ist auf die eigene Zielerreichung fokussiert. Alles ­andere wird ausgeblendet.

Wie viele Psychopathen gibt es denn?

In der Gesamtbevölkerung liegt die Quote bei etwa einem halben Prozent, bei Männern in Haftanstalten bei 20 bis 25 Prozent. Das ist schon ein erheblicher Unterschied.

Aber das halbe Prozent landet auch nicht komplett im Gefängnis...

Viele bleiben unter dem Radar. Sie können aber auch Probleme verursachen, ohne straffällig zu werden. Wie Studien aus England zeigen, werden bei Gewaltdelikten nur etwa die Hälfte angezeigt, bei Sexualdelikten noch weniger. Es wird also viele Täter geben, die juristisch unauffällig bleiben, aber ihren Familien das Leben zur Hölle machen.

Lässt die Gewaltbereitschaft mit dem Alter nach?

Etwa 15 Prozent sind lebenslange Intensivtäter. Ansonsten ist die Gewaltkriminalität in erster Linie ein Phänomen junger Männer. Die Impulsivität und das Bedürfnis, alles sofort haben zu wollen, lassen nach. An Skrupellosigkeit und Kaltblütigkeit ändert sich allerdings wenig.

Können Sie einschätzen, wie gefährlich jemand ist, ob er zum Mörder werden könnte?

Nur bis zu einem gewissen Grad. Schwere Gewaltstraftaten sind glücklicherweise sehr selten, dadurch aber auch nur schwierig zu prognostizieren, wenn überhaupt.

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