Tatorte

Im Herdecker Wald den Tod vor Augen

Mord im Ender Tal

Mord im Ender Tal
Do, 02.11.2017, 17.43 Uhr

Mord im Ender Tal

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Herdecke/Hagen.  Blutüberströmt auf dem Waldboden - Das Schicksal von Irene W. lässt Ermittler Norbert Gaida und Redakteurin Susanne Schlenga bis heute nicht los.

Eine Frau liegt im Wald, durch Messerstiche schwer verletzt. Allein. Den Tod vor Augen. Um kurz nach 12 Uhr finden Spaziergänger an diesem Donnerstag im April 1994 die Frau. Blutüberströmt liegt sie auf dem Waldboden, mit letzter Kraft sagt sie: „Das war mein früherer Freund.“ Wenige Stunden später stirbt die Schwerverletzte im Ender Krankenhaus.

Monate später sitze ich als junge Journalistin in der Verhandlung gegen Günter R., den Mörder von Irene W.. Der Tatort wird erwähnt, die grausame Tat beschrieben. Und der Name Ender Talstraße fällt. Ein Ort, den ich damals nicht kenne. Das Schicksal der Frau bleibt auch nach dem Prozess in meinem Gedächtnis.

Das Bild einer sterbenden Frau. Allein im Wald.

Eine Erinnerung, die nicht verblasst wie die vielen anderen Geschichten, die man im Laufe eines Journalistenlebens geschrieben hat. Fast zwanzig Jahre später gehört die Ender Talstraße zu den Strecken, die ich häufig nutze. Zum Einkauf im Herdecker Stadtteil Ende, auf dem Weg zu Terminen, beim Joggen im Wald. Und jedes Mal, wenn ich durch die engen Kurven an der Sägemühle fahre, dem einsamen Haus mitten im Wald, ist dieses Bild im Kopf. Das Bild einer sterbenden Frau. Allein im Wald.

Norbert Gaida geht es ähnlich. Der Erste Kriminalhauptkommissar war damals als Mitglied der Hagener Mordkommission vor Ort. „Ein paar Tage vor Ihrem Anruf bin ich durch Zufall durchs Ender Tal gefahren“, sagt er am Telefon. „Und ich hatte alles wieder vor Augen. Dieser Mord ist einer, den ich nicht vergesse.“

Wie kam das Opfer in den Wald?

Eine Woche später treffen wir uns im Wald. Dort, wo auch Norbert Gaida nur noch die Spuren eines schrecklichen Verbrechens gesehen hat. Das Bild der sterbenden Frau, das existiert nur in unseren Köpfen. „Ich erinnere mich, dass schon zu Beginn des Weges die ersten Blutspuren zu sehen waren. Dabei „war zunächst nicht klar, ob der Fundort auch der Tatort ist“, erinnert sich der Ermittler. Auch wie das Opfer die gut 120 Meter hinter die Absperrung des Waldweges gelangte, konnten die Ermittler damals zunächst nicht sagen. „Konnte sie noch laufen und ist dann entkräftet zu Boden gesunken oder hat der Täter sie hierher geschleppt?“ Eine Frage, die sich die Männer und Frauen aus dem Ermittlerteam immer wieder gestellt haben.

Immerhin hat das Opfer noch gelebt, als die späteren Zeugen sie gefunden haben. Und die Frau sagt auch, wer sie so mit dem Messer zugerichtet hat. „Aber wir standen dennoch mit absolut leeren Händen da“, erinnert sich Norbert Gaida. Sie kannten den mutmaßlichen Täter und kannten ihn doch nicht. Denn wen die Spaziergänger dort im eigenen Blut liegend im Wald gefunden hatten, das wusste die Polizei nicht.

„Natürlich haben wir zunächst im Umfeld gesucht. In Herdecke und Wetter, haben Menschen auf der Straße angesprochen, ob sie etwas gesehen haben. Oder ob sie jemanden vermissen. Aber es gab keine Hinweise und auch keine Vermisstenanzeigen. Und Papiere hatte das Opfer nicht bei sich.“ Die Polizei entschließt sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie veröffentlicht ein Foto der Toten. Das ist nicht einfach, denn der Täter hat sein Opfer vor allem am Kopf verletzt. „Ihre acht Zentimeter langen Haare waren so stark mit Blut getränkt“, dass die Haarfarbe nicht eindeutig zu erkennen ist“, heißt es in einem Artikel in der Westfalenpost, der am Tag nach das Tat erscheint. Das Foto zum Text zeigt einen von Tüchern umhüllten Kopf. Die Augen geschlossen, an Mund und Wange sind leichte Verletzungen zu sehen. „Wer kennt diese Frau?“ steht unter dem Schwarz-Weiß-Bild.

Drei Tage später ist das Rätsel gelöst. Ein Verwandter des Opfers meldet sich bei der Polizei, macht sich Sorgen um seine Tante Irene W. aus Hagen-Vorhalle. Fast zeitgleich gibt es auch einen ersten Hinweis auf den Täter. Der war in die Niederlande geflüchtet, wollte sich dort offensichtlich das Leben nehmen. In einem Abschiedsbrief erwähnt Günter R. eine Freundin der Getöteten. Die Amsterdamer Polizei nimmt zu ihr Kontakt auf, die Hagenerin verständigt wiederum die Hagener Mordkommission. Am Ende kann Norbert Gaida den Verdächtigen aus den Niederlanden abholen.

Hohe Aufklärungsquote

Gaida hat viele Tötungsdelikte in seiner Zeit bei der Hagener Mordkommission bearbeitet. Eine belastende Arbeit, die aber ein Gutes hat: „Bei Kapitaldelikten liegt die Aufklärungsquote bei fast 100 Prozent. Im Dezember 1994 steht Günter R. schließlich vor Gericht. Ein Mann, an den ich mich nicht erinnern kann. Gesicht und Stimme sind aus dem Gedächtnis verschwunden. Und auch das Motiv, das den damals 57-Jährigen dazu getrieben hat, seine Ex-Freundin zu töten, muss ich in meinen eigenen Texten nachlesen. Eifersucht. Der Klassiker. Günter R. konnte nicht verwinden, dass seine Freundin ihr Leben ohne ihn leben wollte. Das hat sie mit dem Leben bezahlt. Und mit einem grausamen Tod. Allein, im Wald.

Das Bild von Irene W. wird mich weiter begleiten. Das Ender Tal hat seine Unschuld verloren.

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